Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Die Universität
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6. MHM.' Nr. 4. Väter halten das für Thorheil, für Sünde oder für Tollkühnheit. Nur schwer können sie den Jungen folgen. Sie mahnen ab. Aber sie wehren ihnen nicht. Denn das fühlen sie, daß trotz Allem etwas Schönes in dem Thun der Jugend sei. Und allmälig weitet sich auch ihr Blick. Und man sieht das seltene Schauspiel, daß die Väter von den Söhnen lernen. Ich habe gezeigt, was die Studenten für den Zionismus gethan haben. Und das Gegengeschenk des Zionismus? Sein königlicher Dank? O, es ist nichts Aeußeriiches, nichts Materielles. Denn der Zionismus vertheilt nicht Aemter und Orden. Es ist etwas Tiefinnerliches, das sich nicht in Münze umsetzen läßt, aber es ist etwas Wunderschönes. Wir fühlen es, wenn wir ihm auch nicht Umfang und Inhalt geben können. Das herrliche Gefühl dessen, der frei ist in Ketten, ist darin enthalten. Aber auch das große Bewußtsein, an einer Epoche der Geschichte mitbetheiligt zu sein und bei einer wunderbaren Sache mitzuarbeiten, die noch dazu eine Sache der Freiheit, und der Menschlichkeit ist. Wir leben neben unserem alltäglichen äußeren ein Sonderleben. Es beginnt, wenn wir mit dem Zionismus in Berührung kommen. Nur wer dieses zweite Leben kennt, weiß, wie schön es ist. Der Congreß. Wir machen unsere Freunde schon jetzt darauf aufmerksam, daß sie in der nächsten Zeit über unsere Bemühungen die böswilligsten Erfindungen zu lesen und zu hören bekommen werden. Dadurch möge sich Niemand irre machen lassen. Unsere Sache muß doch nicht so unbedeutend sein, wenn man mit solcher Anstrengung gegen sie arbeitet. Keine Misere, die man neuen Bewegungen bereitet, bleibt uns erspart. Verdächtigungen, Denunciationen sind an der Tagesordnung. Wir können das gelassen ertragen im Bewußtsein der Menschenfreundlichkeit unseres Zweckes und vervollständigen Loyalität aller unserer Mittel. Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis die kurzsichtigen Gegner beschämt ihr Unrecht einsehen. Man bekämpfe uns offen mit Argumenten, aber nicht mit Verleumdungen oder mit einer böswilligen Gruppirung von angeblichen Thatsachen. * * * Die vorbereitende Commission des Congresses hat aus München eine Zuschrift des Culturvorstandes erhalten, worin dieser gegen die Abhaltung des Congresses in München Einspruch erhebt. Die Commission wird in ihrer nächsten Sitzung die Antwort auf die Zuschrift des Cultusvorstandes berathen. Sobald ein Beschluß vortiegt, werden wir ihn veröffentlichen. Schon jetzt müssen wir jedoch unserem Bedauern Ausdruck geben, daß sich der Cultusvorstand von München nicht genügend über die zionistische Bewegung informirte. Er hätte bei sorgfältiger, vorurlheilsloser Prüfung im Programm der Partei und des Congresses nichts gefunden, was nicht jeder ruhige Bürger ohneweiters unterschreiben könnte. * * * Aus Hamburg geht uns von einem sehr verehrten Gesinnungsgenossen die folgende Anregung zu: „Ich sehe aus einer Notiz in Nr. 3 der „Welt", daß der Abhaltung 'des Congresses in München Schwierigkeiten bereitet werden, lieber Natur und Tragweite dieser Schwierigkeiten habe ich natürlich kein Urtheil, bin indes; ganz Ihrer Ansicht, daß es sehr wohl auch eine andere - Stadt sein kann. Weshalb nicht London, oder das Ufer eines der Schweizer Seen? Ich würde für mein Theil aus verschiedenen Gründen sehr für England plaidiren, aber wenn dies für manche der Teilnehmer zu entfernt ist, wäre dann nicht die Schweiz zu empfehlen? Es würde mich sehr freuen, wenn die Veranstalter des Congresses meinen Vorschlag in Erwägung gezogen. 4- * * In der B er linerMonatsschrift „Z i o n" schreibt Mathias Ächer: „Welche Bedeutung hat der Congreß?" „Die Ausnahme, die Dr. Herzlls Ankündigung bei so vielen Zionisten gefunden hat, gibt Antwort auf diese Frage. Der Congreß bedeutet nichts mehr und nichts weniger als einen Protest gegen die bisherige Methode der Zionisten, als den ersten Schritt auf einer neuen Bahn. „Gegenwärtig wird nämlich die zionistische Bewegung von den „Praktischen" geleitet. Die „Praktischen" hassen das „Geschrei" und lieben das „stille Wirken"; sie können die „Phantasten" nicht brauchen und bedienen sich „ernster Männer": sie „rechnen mit den Verhältnissen" und „rennen nicht mit dem Kopf durch die Wand". Das ist ihr eigenes Urtheil über sich; man wird mir gestatten, ein anderes über sie zu fallen. Zu diesem Zwecke wird es aber nothwendig sein, sich etwas genauer mit ihnen, sowohl ihrer Methode als ihrem persönlichen Typus, zu beschäftigen. „Die Losung der „Praktischen" ist: Erwerbung Palästinas durch allmälig Colonisation. Doch würden sie sich wohl hüten, ihr Programm dermaßen in Worte zu fassen, wie ich es soeben that. Denn sie sind Musterdiplomaten, welche ihren Talleyrand studirt haben und wissen, daß die Sprache zum Verbergen der Gedanken da ist. Vor Allem darf natürlich die Türkei nicht merken, daß es eigentlich auf ein Stück des osmanischen Reiches abgesehen ist; sie verschlösse ja sonst das Land. Dann dürfen auch sehr viele Geldgeber nicht erfahren, daß es sich am letzten Ende um einen Judenstaat handle; sie verschlössen ja sonst ihre Geldbeutel. Ohne Land und Geld kann man doch aber nicht colonisiren. Also „praktisch" sein und „still wirken"! Der Tropfen höhlt den Stein. Allmählich einen Juden nach dem anderen hinschicken, eine Colonie nach der andern gründen! „Jnfiltriren" hat es Herr Dr. Herzl in seinem Buche genannt. „Das ist, in kurzer Skizze, die Methode der „Praktischen". Diese bringt es mit sich, daß sie sich in Wissende und solche, die in Unwissenheit gelassen werden, theilen. Die letzteren find im Grunde gar nicht so viele, denn nichtzionistische Geldgeber für die Colonisation sind recht seltene und obendrein wenig ausgiebige Gimpel. Aber auch die ersteren, die Leute mit den kühnsten Zielen und den zahmsten Thaten, bilden eine sehr kleine Schaar. Und doch gibt es eine Masse der „Praktischen". Das sieht wie ein Räthsel aus, ist aber keines. Es ist nämlich noch eine dritte, eine Mittelsorte vorhanden. Das sind die, welche zwar wissen, worum es sich handelt, im Grunde ihrer ruhigen Bürgerseele aber sich eigentlich schämen, in so halsbrecherische, weitausgreifende Dinge verwickelt zu sein. Deshalb verlangen sie darnach, daß ihnen die blendende Sonne des Zionismus durch ein „praktisches" Rauchglas zur Lichtstärke einer bescheiß denen Schlafzimmer-Ampel gedämpft werde. Die Wissenden aber, die in heimlicher Unerschrockenheit Wissenden, beeilen sich, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Denn man müsse auf die Art und Denkweise des Volkes eingehen, wenn man dem Volke dienen wolle. Mit dieser Begründung enthüllen sie uns aber urplötzlich das Wesen ihres Jrrthums, der geradezu ein tragischer genannt werden muß. „Ist denn diese ängstliche Mittelsorte, vorüber eben gesprochen wurde, wirklich das Volk? „Ich antworte: Neinl" Der Artikel schließt mit den Worten: „Sprechen wir frei, groß, stolzI Wünschen wir! Gewinnen wir durch die Kühnheit unserer Wünsche. das immer wunschmuthige Volk! Schaffen wir uns durch ein männliches, offenes, modernes Auftreten die Sympathien aller derer, die die öffentliche Meinung Europas bedeuten! „Der Congreß bietet uns Gelegenheit dazu. Es ist zwar nicht unmöglich, daß er uns in dieser Hinsicht manche Enttäuschungen bereitet. Der „praktische" Geist wird sich wahrscheinlich wieder einfinden, — wenn auch in neuen Personen und neuen Formen. Die Gefahr ist vorhanden, daß sich in Folge des Congresses nichts als die Haltung gegenüber der Türkei ändert, sonst aber Alles beim Alten bleibt, d. h. Opportunismus, Romantik und Vergewaltigung, allerdings mit geänderten Personen und Richtungen, fortdauern und die Bewegung weiter entehren und schädigen. Doch es kann auch anders kommen, und ich bitte jeden, der da wünscht, daß der Congreß seine Aufgabe ganz erfülle, am 25. August in München zu sein. Es fehle Keiner, dem es darum zu thun