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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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voll Tränen der Freude. Immer wieder lauschte sie nach der Glocke, und wunderte sich, wie langsam doch die Minuten verflossen, bis Isaak mit Mirele käme. Es war jetzt nach acht Uhr, und sie wurde ungeduldig; aber sie wußte, daß die Landung der Schiffspassagiere sich oft verzögerte, undjberuhigte sich dermaßen selbst. Das geringste Geräusch^auf der Treppe ließ sie unverzüglich an die Türe eilen, in der Erwartung, das. glückliche Paar zu sehn; aber jedesmal kehrte sie enttäuscht auf ihren Platz zurück. Mehr als einmal lief sie eilends die Stufen hinab, öffnete die Tür und blickte in sehnsüchtigem Suchen die Straße auf und nieder. „Seid nicht so ungeduldig", sagte die Hauswirtin, Frau Fischer, eine rundliche pausbäckige Person, die nach der Farbe ihres Haares in der ganzen Gegend als die „gelbe Schneiderin" bekannt war, zum Unterschied von der „schwarzen Schneiderin", die auf der anderen Seite der Straße wohnte. „Vielleicht hat das Schiff Verspätung, oder das Mädel kann ihr Gepäck nicht finden. Es wird schon alles in Orhnung sein. Ihr kennt doch junges Volk; sie werden es nicht so eilig haben, sie haben sich so vieles unterwegs zu erzählen. Wer weiß, wie vieles sie finden, über das sich sprechen läßt?" „Vielleicht habt ihr recht", antwortete Deborah, da sie zum zweitenmal die Treppen hinaufstieg. Sie kehrte in ihr Zimmer zurück und stellte sich vor Mireles Photographie: Es war ein Flecken auf dem Glas, den sie sorgfältig mit ihrer Schürze abwischte. Von neuem ordnete sie den gedeckten Tisch und versuchte ihm ein noch anziehenderes Aussehen zu geben; sie sah nach der Uhr, es war bereits nach neun. Da hörte sie schwere Tritte und schon öffnete sich die Tür. Aber es war nur der Schammes der Chevra Tehillim, der mit Frau und sechs kleinen Kindern einen Stock höher wohnte. „Ihr erwartet heute Besuch, höre ich, eures Sohnes Braut," sagte er und trat, ohne eine * Einladung dazu abzuwarten, in das Zimmer. „Ich wünsche euch Masel, Masel und Brocho." „Ja, Reb Hirsch, bald werden sie hier sein." „Gut, und wann wird die Hochzeit sein?" fragte er. „Wartet ein bißchen. Gebt dem Mädchen Zeit, zu Atem zu kommen. Wollen Sie, daß sie direkt vom Schiff unter den Trauhimmel geht?" „So eilig habe ich es nicht; Aber ihr werdet die Hochzeit doch gewiß in der Chevra Tehillim feiern, nicht wahr? Wir haben einen glänzenden Kantor, aus Lomza, wie ihr wißt, und alles wird im feinsten jüdischen Stile zugehen." „Es ist ja noch Zeit, darüber zu reden," erwiderte Deborah. „Wie könnt ihr das sagen?" entgegnete der Schammes. „In England muß alles Wochen vorher von langer Hand vorbereitet sein, sonst werdet ihr finden, daß ihr zu spät kommt. Ihr könnt euch auf mich verlassen : Ich habe Erfahrung. Vielleicht möchtet ihr die Hochzeit in der Chevra Schaß halten; dann laßt es mich wissen. Es ist nicht, weil ich zur Chevra Tehillim gehöre, aber seht, der Kantor in der Chevra Schaß ist einEpikuros, er verleugnet alles. Er läuft mit einem Regenschirm am Sabbat herum, und seine Frau "trägt keinen Scheitel. Keinem jüdischen Kind sollte gestattet werden, ihre Hochzeit in dieser Chevra zu halten: sie muß unglücklich ausgehen, "so sicher ich ein Jude bin." „Ja, ja, wir werden die Hochzeit wahrscheinlich in ihrer Chevra halten," sagte Deborah verbindlich. „Möge Gott Sie segnen", rief Reb Hirsch salbungsvoll. „Mögen Sie leben, um lauter Glück und Freude zu sehen, und möge es Ihnenbeschieden sein, noch Ihre Enkelkinder unter den Trauhimmel zu führen. Und wissen Sie noch was? Wenn es Ihnen recht ist, kann ich Ihnen zum Fest auch Klesmorim (Musiker) stellen, ganz wie bei uns zu Hause. Ich habe einen kleinen Sohn Jankele, er ist erst .sieben, aber er spielt schon die Geige. Und wie spielt er sie? Mit Gefühl, mit Verstand. Ihr habt vielleicht schon von Mischa Elman gehört, auch einem jüdischen Jüngel aus Rußland, ein wundervoller Geigenspieler, der iedesmal fünfhundert Pfund bekommt, wenn er in der Öffentlichkeit spielt. Wohl, mein Jankele wird ein zweiter Mischa Elman werden, wenn auch sein Name nur Jankele Bretzler ist." „Ich hoffe es," sagte Deborah und sah ängstlich nach der Uhn „Und wir werden spielen bei der Hochzeit," fügte der Schammes aufmunternd hinzu. „Ah, es wird was Feines werden!" und er verfiel in den Endreim eines Liedes: „Wir werden singen, wir werden springen, Wir werden trinken, Lust soll uns winken — Hoi, hoi, hoi, hoi, Hoi—hoi—hoi—hoi—hoi!" „So," rief die dicke Hauswirtin und watschelte ins Zimmer, „ihramüsiert Euch. Das junge Paar wird gleich hier sein." „Habt ihr sie bereits gesehen?" fragte Deborah eifrig. „Sind sie schon unten?" „Noch nicht. Aber Jetta hat mir gerade erzählt, sie habe eben eine ganze Familie neuer Einwanderer gesehen, Vater, Mutter und vier Kinder, die mit ihrem Bettzeug durch die Straßen zogen, und diese sagten ihr, sie seien heute morgen mit dem Schiff von Libau angekommen, Also wird euer Sohn , mit seiner Braut auch bald hier sein, und ihr werdet Euch manches zu erzählen haben." '„Oh, ich wollte, sie wären schon hier," rief die Mutter aus, schwankend zwischen Glück und Angst. „Jede Minute wird zur Stunde." „Wir haben über die Hochzeit gesprochen," fiel Reb Hirsch ein. „Habe ich nicht Recht, wenn ich riet, sie nicht in der Chevra Schaß stattfinden zu lassen? Ist es nicht viel besser in der Chevra Tehillim?" „Ihr werdet jedenfalls nichts dabei verlieren, wenn ihr diesen Rat gebt," bemerkte Frau Fischer. „Wie meinen Sie das?" entgegnete der Schammes' scharf. „Ein Schammes ist so ein Spitzbube wie ein Chasan? Wir sind anständige Leute und fürchten Gott." „Wer schwatzt da unten?" schrie des Schammes Weib über das Geländer herunter. „Komm herauf, Hirschel, und mache das Charoses." Bescheiden gehorchte der Schammes den Bitten seines Weibes und begab sich nach oben. „Habt ihr schon gefrühstückt?", fragte die Hauswirtin. „Es ist schon spät, und wir müssen das Haus vom Chomez reinigen." „Wie kann ich essen, bevor die jungen Leute kommen," antwortete Deborah klagend. „Seid nicht so ängstlich. Sie werden schon bald

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