Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Article
- Uriel Acosta
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16. Nr. 3. „Dein hartnäckiges Leugnen wird Dir nichts nützen," sprach der Richter, „es wird Dir blos die Folter bringen." „Was? Einen Unschuldigen foltern? Das ist ungeheuerlichl" protestirte der Arzt. „Jeder Neuling in der Logik wird Dir sagen, daß dem Ankläger die Pflicht des Beweises obliegt." „Still, still! Hier ist keine Universität. Henker, waltet Eures Amtes!" Der andere Maskirte ergriff den alten Arzt und zog ihn bis ans die Haut aus. „Gestehe!" sagte der Richter warnend. „Wenn ich gestände, daß ich ein Jude bin, würde ich doppelt schlechter Christ sein, da ich lügen würde." „Verschone uns mit Deinen metaphysischen Wortspielen. Wenn Du unter der Folter verscheidest (der Secretär nehme das zur Kenntniß), so soll Dein Tod nicht dem heiligen Officium zur Last gelegt werden, sondern Deinem eigenen Starrsinn." „Christus wird seine Märtyrer rächen!" sagte Dom Diego mit einer so erhabenen Mene, daß Gabriel in Zweifel gerieth, ob ihn der Jnstinct nicht trotz alledem irregeführt habe. Der Richter machte ein ungeduldiges Zeichen und der Maskirte band Hände und Füße des Opfers mit einem dicken Strick; dann wand er diesen auch um die Brust und setzte die gekrümmte, nackte Gestalt auf einen Schemel, während er die Enden des Strickes durch zwei der eisernen Ringe an der Wand zog. Hierauf stieß er den Schemel weg und das Opfer schwebte an den Stricken, die sich ihm ins Fleisch schnitten, in der Luft. „Gestehe!" sagte der Richter. Dom Diego biß die Zähne übereinander; der Henker zog die Stricke immer fester an, bis das Blut unter den Nägeln des Opfers hervorsprang, und ließ die mit scharfen Stäben versehene eiserne Leiter immerzu gegen seine nackten Schienbeine fallen. „O Sancta Maria!" stöhnte endlich der Arzt. „Das ist nur der Beginn Deiner Qual und Du gestehst nicht?" sagte der Richter. „Zieh' fester an!" „Nein!" fiel jetzt der Arzt ein. „Ein weiteres Anziehen der Stricke und er kann verscheiden." Ein weiteres Anziehen der Stricke und Gabriel da Costa wäre ohnmächtig geworden. Er war unter seiner Maske todtenbleich und zitterte: die Stricke schienen sich in sein eigenes Fleisch zu schneiden. Sein Herz kochte gleichzeitig gegen die Peiniger und den Gepeinigten; er bewunderte den Muth des Arztes, während er zugleich seine Feigheit verabscheute. Während der Arzt sich damit beschäftigte, das Opfer zu neuen Qualen zusammenzuflicken, ging Gabriel da Costa eine schauernde Ahnung der Tragödie Israels auf — dieser erhabenen und niedrigen Tragödie. v. Mit ebenso gemischten Gefühlen, zu denen noch Erstaunen trat, erfuhr er etwa eine Woche später, daß Dom Diego vom Judaifiren freigesprochen und in Freiheit gesetzt worden war. Ein Impuls trieb ihn, eine Unterredung mit dem Armen zu suchen. Er überschritt den Fluß, um zu dem Hause des Arztes zu gelangen; aber nur durch außerordentliches Drängen verschaffte er sich Eintritt in das hohe, gewölbte Gemach, in dem der alte Mann zu Bette lag. Riesige Bände, die auf den Kissen und auf der Decke lagen, umgaben ihn und über dem Bette hing ein Christusbild. „Verzeihe, daß ich nicht zurückgehen wollte, ohne Dich gesehen zu haben," sagte Gabriel. „Meine Besorgniß, wie es Dir nach Deiner Mißhandlung durch die Höllenhunde ergeht, muß meine Entschuldigung sein." Dom Diego warf ihm einen überraschten und argwöhnischen Blick zu. „Die Hunde mögen einer falschen Spur folgen, aber sie sind vom Himmel, nicht aus der Hölle," sagte er vorwurfsvoll. „Wenn ich Unrecht litt, so ist es christlich zu leiden und christlich zu vergeben." „Dann vergib mir, denn ich war es, der Dich unschuldig leiden machte," sagte Gabriel, über dieses beharrliche Versteckenspielen erstaunt. „Lieber hätte ich mir die Zunge ausgerisfeu, als einen Juden, meinen Bruder, geschädigt." „Ich bin kein Jude!" rief der Arzt zornig. „Aber warum leugnest Du es, wenn ich Dir sage, daß ich einer bin?" „Vergeblich wird daS Netz ausgebreitet, wenn es der Vogel sieht," citirte Dom Diego zornig. „Du bist so gut ein Christ wie ich, nur ein schlechterer Vogelsteller. Wahrlich, ein Jude, der nichts von bitteren Kräutern weiß! Nein, der Vogelleim ist zu dick aufgetragen und zwischen den Löchern des Netzes ist kein Bindfaden." „Das ist wahr, ich bin weder Jude noch Christ," sagte der junge Mann traurig. „Ich ward als Christ erzogen, aber meine Seele wird von Zweifeln zerrissen. Sieh', ich lege mein Leben in Deine Hände." Aber Dom Diego blieb lange hartnäckig, selbst nachdem Gabriel das offene Geständniß abgelegt hatte, daß er der Maskirte war, der in der Folterkammer „Heuchler" geschrien hatte; erst als der Arzt vom Bette herabgehumpelt und sich überzeugt hatte, daß der junge Mann draußen keine Zuhörer aufgestellt habe, sagte er endlich: „Nun, mein Wort gilt gegen das Deine. Vielleicht stelle ich mich nur so, um Dich auszuholen." Dann füllte er blinzelnd zwei Weingläser, die neben dem Bette standen, und rief fröhlich: „Komm', trink' auf das Verderben des heiligen Officiums!" Von der Brust des jungen Mannes schien ein schweres Gewicht zu finken. Er lächelte, während er den starken Wein schlürfte. „Mir scheint, Du hast das heilige Officium gefoppt?" „Ha! Ha!" lachte der Arzt, durch den Wein mittheilsam werdend. „Ja, der Fuchs ist aus der Falle entwischt, aber nicht mit ganzer Haut." „Leider! Was machen Deine Wunden?" „Ich meinte nicht meine körperliche Haut," sagte der Arzt, obwohl er sie, sich erinnernd, traurig rieb. „Ich meine die Haut, aus der mein Beutel besteht. Um der heiligen Kirche meine Treue zu beweisen, bot ich ihr mein halbes Vermögen, und der Beweis wurde angenommen, 's war der Arzt der Inquisition, der mir den Wink gab. Es ist Einer von uns." „Was, ein Jude?" rief Gabriel wie vom Donner gerührt. „Still, still! Sonst wird man ihn uns durch einen Feind ersetzen. Sein Mitgefühl für mich — sowohl als Glaubensbruder wie als MedicuS — bewog ihn zu der Erklärung, daß ich dem Tode nahe lei, als ich noch so frilch war wie ein falsches Credo. Im klebrigen besaß ich Wissenschaft genug, um den Athem anzuhalten, während der Knecht mich mit Stricken band; sonst hätte er mich zu fest eingeschnürt. Aber Du brauchst auch Zwieback zu Deinem Wein. Janthe!" Ein hübsches kleines Mädchen trat aus einem Nebenzimmer herein; ihre dunklen Augen senkten sich beim Anblick des Fremden scheu zu Boden. „Du siehst, ich habe einen Zeugen gegen Dich, während wir den Beweis gegen mich, den die Narren nicht finden konnten, aufessen werden." lachte der Arzt, „den Rest der Mazzos, Töchterlein." Und einen Schlüssel unter dem Kissen hervorziehend, reichte er ihn ihr. „Sachte jetzt, meine Kleine, und verstecke sie gut." Als das Kind sich entfernt hatte, murrte der Vater bei einem zweiten Glase Wein, daß er sie zu einem solchen Doppelleben erziehen müsse. „Aber es schärft den Geist," sagte er. „Janthe soll so findig werden, wie der heimliche Schrank in dem Schrank, den sie jetzt öffnet. Aber ein Weib braucht dazu gar nicht erst erzogen zu werden." Er lachte noch über seinen Schmerz, als Janthe zurückkehrte und aus einer Serviette ein paar breite, netzförmige Zwiebacke hervorzog. Gabriel blickte sie neugierig (nt. (Fortsetzung folgt.) An tttifm Keser! In der nächsten Nummer beginnen wir die Veröffentlichung einer interessanten Artikelserie des Architekten Hskar Warmorek unter dem Titel: ,>Snmgrdattkett Palästina". 1. Der Tempel. Die Redaetion. Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redacteur Dr. S. R. Landau — Druck der „Gesellschaft für graphische Industrie.,