Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3. MHWl." Seite 13. Das unter dem hebräischen Titel „Nathamel" erscheinende Organ der Mission (zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden veröffentlicht einen Aufsatz eines evangelischen Priesters, in welchem der in Sachen der Mission erfahrene Autor ein genaues Bild von dem Wirken und den Leistungen derselben entwirft. Wir entnehmen diesem höchst interessanten Artikel Folgendes: „Es gab für die Mission noch nie eine so günstige Epoche zum Wirken als die gegenwärtige. Die Juden befinden sich in einer Uebergangsepoche, wo sie sich nach und nach vom talmudisch-religiösen Leben entfernen, ohne jedoch weder in der Reform noch in der modernen Orthodoxie Befriedigung zu finden." Thatsächlich wird diese Annahrne des Autors durch viele statistische Daten bestätigt. In Deutschland steigt die Zahl der Taufen von Jahr zu Jahr, in England gibt es unter den Geistlichen mehr als 200, die jüdischer Abstammung sind. Auch in Oesterreich-Ungarn wächst die Zahl der jährlich Getauften in horrender Weise: In Wien selbst waren im Laufe des Jahres 1895 mehr als 500 Uebertritte zum Christenthum. Auch in anderen Länden erreicht die Zahl der Getauften die Höhe von Tausenden — selbstverständlich ist es nicht immer die religiöse Ueberzeugung, sondern vielmehr Ursachen verschiedener Art, die hier meist eine Rolle spielen, wie Gewinnsucht, Ehrgeiz, Druck und Verfolgung, freilich auch der völlige Jndifferentismus gegen das Judenthum. Allein der Autor weiß auch noch von zwei gewaltigen Hindernissen zu sprechen, die den Wirkungen seiner Gesellschaft im Kege stehen. Das eine Hinderniß findet er im Antisemitismus. „Je mehr der Antisemitismus zunimmt, desto mehr suchen die Juden nach Mitteln zur kräftigen und starken Vereinigung; in Folge der antisemitischen Bewegung entstanden unter den Juden Deutschlands „Verein für Pflege jüdischer Geschichte und Literatur", der „Lehrerbund", „Gemeindebund" und ähnliche Vereinigungen, die um die Juden ein festes Band der Einheit schlingen und so dem Wirken der Mission hemmend entgegentreten/ Ein zweites Hinderniß steht in der nationalen Bewegung, die in den letzten Jahren unter den Juden platzgegriffen hat. Sehr interessant äußert sich dieser Missionär über die nationale Bewegung und den Zionismus: „Die nationale Bewegung unter den Inden hat den Juden Selbstbewußtsein und nationalen Stolz beigebracht, was für uns (Missionäre) sehr bedauerlich ist. Besonders hätten wir Grund über die englischen Christen uns zu beklagen, die Dr. Herzlos judenstaatlichen Ideen huldigen und zur Förderung des Nationalgedankens unter den Juden beitragen; denn der Nationaljude hält mit einer beispiellosen Hartnäckigkeit an dem Judenthum fest, wenn er auch der größte Freidenker ist." — Das mögen sich die antinationalen Rabbiner merken! . . . Viel interessanter sind die Aeußerungen des Missionärs über die Thätgkeit der Mission im heiligen Lande: „Unseren Missionären ist es viel leichter unter den einheimischen palästinensischen Juden Anhänger finden und zu bekehren als unter den Neuangekommenen jüdischen Colonisten. Denn die Colonisten sind zumeist Männer von moderner Cultur und modernen Anschauungen und ein Missionär kann sich ihnen nur in der Form eines körperlichen Arztes und nicht eines Seelenheilers nähern. . ." Diese Ausführungen eines Fachmannes in Judenbekehrungen Lassen auf sehr erfreuliche Thatsachen schließen; erstens: ist der Zionismus sehr geeignet, das Judenthum vor einem allmählichen Absterben zu schützen. Ferner wird durch autoritative Aussage eines alten Fachmannes bestätigt, daß die jüdischen Colonisten die Träger moderner Cultur und Bildung im heiligen Lande und infolge dessen auch gute Juden sind. Wir müßten wahrlich einigen unserer Religionsbeschützer aus dem modernen Westen die Mission der Judenbekehrung auf einige Zeit übertragen, damit sie, wie die maßgebenden englischen Missionäre, endlich einmal erfahren, daß die jüdischnationale Bewegung und der Zionismus keine Schädiger, sondern Retter des Judenthums sind! Hameliz. Die Anschauung unseres Specialberichterstatters aus Schodnica wird unterstützt durch eine sehr interessante Mittheilung des antisemitischen Tagblattes „Dziennik Polski",, dessen Correspondent über eine Unterredung mit dem englischen Bergwerksbesitzer T a n e r Folgendes berichtet: „Herr Tauer gab mir eines jener zahlreichen, wie es sich zeigt, unwahren Gerüchte über den Grund der Excesse zum Besten. Im gebrochenen Deutsch erklärte er, daß die Kaufleute die Masuren aüsbeuten, ihnen schlechte Waaren liefern, sowie, daß die jüdischen Aufseher die Arbeiter prügeln." Darauf erklärt der antisemitische Correspondent: „Trotz der Erzählung des Engländers aus Boryslaw ist der Antisemitismus nicht ökonomischer Natur und die Masuren werden von den Juden nicht ausgebeutet." Höchst bemerkenswerth ist folgende Erzählung desselben Correspondenten: „Nun, was glauben Sie?" fragte ich auf dem Rückgwege von Schodnica meinen jüdischen Fuhrmann, „warum sind die Masuren über Euch hergefallen?" „Warum? Die „Herrschaft" hat die Masuren dazu bewogen." „Welche Herrschaft?" „Die Engländer. Die möchten die Jilden fortjagen, um allein m Schodnica zu bleiben." a Vereinsnachrichten. Dolina. Vor ungefähr einem Monate wurde auch hier ein Zionsverein gegründet. Der Tarnower Zionist, Herr Taubes, gab hiezu die Anregung und fand bei den Herren Dr. Alexander Rubin, M. Redisch und Z. Turteltaub die kräftigste Unterstützung. In der gründenden Versammlung entwickelte Herr Taubes vor den zahlreich erschienenen hiesigen jüdischen Bürgern das Programm des Zionismus, und seine volksthümlche, inhaltsreiche Rede eroberte mit einem Schlage die Herzen aller Anwesenden für die Zionsidee. Den gleichen Beifall fanden die Ausführungen des Herrn Dr. Alexander Rubin, der ebenfalls mit aller 'Entschiedenheit für den Zionismus . eintrat. Hierauf schritt man zur Wahl des Ausschusses. Gewählt wurden die Herren: M. Redisch zum Präsidenten, I. Rubin zum Secretär, M. Weinberg zum Vicepräses, Dr. Alexander Rubin zum Cassier. Ferner die Herren S. Spitz, L. Litwoch, S. Weinberg, S. Turteltaub. Unser junger Verein zählt bereits 60 Mitglieder. Verbindung jüdisch-nationaler Hochschüler „Beritas" in Brünn. In letzter Zeit wurden folgende Vorträge gehalten: „Jehuda ben ha Lewi", Referent stud. ing. Arthur Stricker. „Aufstand Bar Kochba's, Referent Moritz Kürschner. „Noses Nalmonides", Referent Josef Zeisel. Kopenhagen. An allen Orten tauchen Zionsvereine auf, und das kundige Auge erkennt an diesen überall hervorsprossenden Keimen den nahenden Frühling, der Idee. In jüngster Zeit wurde auch in Kopenhagen auf Initiative des Breslauer Gesinnungsgenossen Herrn Turoff ein Zionsverein unter dem Namen ,,.Todisk Forening for Palästinas Colonisation“ gegründet, und sein Entstehen wird von den Kopenhagener Juden mit Enthusiasmus begrüßt. Dänemark gilt als Land, das noch nicht von der antisemitischen „Pest", wie die liberalen Blätter sich ausdrücken, „verseucht" ist, und wenn trotzdem unsere Idee odrt so kräftig Fuß fassen kann, so ist das eben ein Beweis dafür, das; der Zionismus nicht die bloße Folge des umgebenden Antisemitismus ist, daß vielmehr auch dort ein starkes jüdisches Volksbewußtsein, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden lebt, wo die Juden nicht durch den Antisemitismus „mürbe" gemacht und zu einer „Verzweiflungspolitik" getrieben sind. Prag. Unser Gesinnungsgenosse Dr. Sig. Krausz entwickelte vergangene Woche hier eine lebhafte und erfolgreiche Agitation im Sinne des Zionismus, die umso bessere Früchte erhoffen läßt, als sich Prag wider alles Erwarten als ein sehr geeignetes Feld für unsere Ideen erwies. Dr. Krausz rief hier ein Actions-Comite in's Leben, das die vorläufigen Schritte zur Gründung eines Zionsvereines unternehmen wird, so daß voraussichtlich im Herbst die constituirende Versammlung des hiesigen Zweigvereines „Zion" stattfinden wird. Ein Tempelstreit. In den Aufsatz „Ein Tempelstreit" von Dr. Max Nordau (in Nr. 2 der „Welt") haben sich einige sinnstörende Druckfehler eingeschlichen. Seite 2, Spalte 1, Zeile 21 von oben statt „die vorstehende Zusammensetzung ihres wesentlichen Inhalts" lies: „die vorstehende Zusammen f a s s u n g" u. s. w. Seite 2, Spalte 1, Zeile 27 von oben statt „Es ist keine religiöse Bewegung" lies: „Er (nämlich der Zionismus) ist keine religiöse Bewegung". Seite 2, Spalte 2, Zeile 24 und 23 von unten statt „Grundlagen dem Nationalität" lies: „Grundlagen der Nationalität", und statt „weil ich auf kurzem Wege zum Ziele kommen kann" lies: „weil ich auf kürz erm Wege" u. s. w. Seite 3, Spalte 2, Zeile 10 von oben statt „Wie kann Herr Dr. Güdemann diese Verbrüderung uns zeigen" lies: „diese Verbrüderung uns predige n". Seite 4, Spalte 1, Zeile 19 von oben statt „so müßte die Staatsgewalt uns dazu zwingen" lies: „so wüßte die Staatsgewalt uns dazu zu zwingen". Seite 4, Spalte 1, Zeile 19 von unten sind mehrere Zeilen ausgefallen, wodurch der ganze Absatz völlig unverständlich geworden ist. Er muß lauten: „Die Leisetreter u. s. w. blinzeln uns flehentlich zu, doch um des Himmels willen nicht zu sagen, daß wir ein Volk sind, damit unsere Feinde sich nicht auf uns selbst berufen können, wenn sie uns der Vaterlandslosigkeit zeihen u. s. w. Aber e i n V o l k, das sich als solches bekennt, wird ihnen i m m e r s p mp a t h i s ch e r sein, als ein solches, das vom Volksgedanken überhaupt nichts wissen will. Haben sich jene Aen g st lich e n denn nicht gefragt, wie es auf unsere Feinde wohl wirken wird, wenn sie in der Broschüre des Herrn Dr. Güdemann lesen werden" u. s. w. Seite 4, Spalte 1, Zeile 2 von unten statt „dagegen glaubte ich wirklich nicht" lies: „dagegen glaube ich wirklich nicht". Seite 4, Spalte 2, Zeile 16 vom Schluß statt „aber seine Kaltherzigkeit, seine Gleichgiltigkeit wird ihn nur davon bewahren" lies: „wird ihn immer davor bewahren".