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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
Wien / L.
Date
1897-06-18
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. S. J?ie$WC Seite 11. Proletariat gebe, dessen Lage die elendeste und gedrückteste sei. Man habe hier aus vermeintlichen Opportnnitätsrücksichten die Principien der Socialdemokratie vernachlässigt. (Ohorufe.) In der Provinz ist man principieller vorgegangen als in Wien. (Stürmischer Widerspruch.) Ich meine nicht die Gesammtheit, sondern speciell den Dr. Adler. Adler und Cingr seien in Brüssel beim internationalen Congreß einer Stellungnahme desselben zum Antisemitismus rntgegengetieten. Unter keiner Bedingung und zu keiner Zeit dürfe es den Anschein haben, als ob in der Socialdcmokratie Jemand wegen seiner Confessio» zurückgestellt würde. (Lebhafter Widerspruch) So oft ein Redner die Christlichsocialen angegriffen hat, so meinte er, daß auch ein Angriff ans die Liberalen folgen müsse (Rufe: Gewiß!), auch wenn kein Anlaß dazu vorhanden war. — Pernerstorfer, der erst seit Kurzem officiell zur Partei gehört, übernahm die Antwort. Er erwiderte, daß es auch zur Zeit der Coalition, wo sich naturgemäß der Kampf der Socialdemokratie gegen die Liberalen als die Herrschenden in erster Linie richten mußte, an Angriffen gegen die Christlichsocialen nicht gefehlt habe, trotzdem die Socialdemokraten kein Interesse daran hatten, die Action der Antisemiten, welche damals den Liberalen den Todesstoß versetzten, zu stören. Heute, wo die Christlichsocialen die Herrschenden seien, müsse die Taktik freilich eine andere werden. Allein es sei ganz unrichtig, daß die Partei jemals eine Connivenz gegen den Antisemitismus geübt habe (Lebhafte Zustimmung), wenn sie auch in der Judenfrage nicht die gleiche Auffassung haben könne, wie sie von einzelnen Juden geäußert werde. Redner erklärte schließlich, daß man ein guter Deutscher, Slave oder Italiener und dabci ein leidenschaftlicher internationaler Socialdemokrat sein könne. Daszynski that sehr vornehm und man hätte es ihm nach der Art, wie er in Krakau gegnerische Versammlungen sprengte, nicht zugetraut: „Die von einzelnen Rednern empfohlene ,Watschentaktik' gegenüber den Antisemiten wird vom Parteitag gewiß verworfen werde», da wir eine derartig rohe Kampfesweise, durch die unsere Genossen nur corrumpirt würden, nicht nöthig haben. Wir werden auch ohne sie siegen " Dr. Adler bestätigte durch seinen Widerspruch gerade dasjenige, was heute jeder selbständig denkende Mensch, der nicht „Genosse" ist, weiß, als er sagte: „Aber das soll Genosse Brod uns nicht einreden wollen, daß die Judensrage eine Frage des jüdischen Proletariats ist." Was ist sie denn sonst? Schade, daß Dr. Adler seinen andächtigen Zuhörern nicht explicirt hat, worin für Rothschild und Reitzes die Judensrage besteht. Diesmal hätten auch wir gern etwas bei ihm gelernt. Uebrigens ist ihm das Zugeständniß einer Judenfrage, die seine Partei ja stets leugnet, wahrscheinlich entschlüpft. Da nun Dr. Adler von einem Juden bedrängt wurde, so mußte ihm ein anderer jüdischer „Genosse" zu Hilfe kommen. Das besorgte der Lemberger Dr. Diamand. Er stellte seinem Herrn und Meister die beste Leumundsnote aus. Und das ist ganz ungefährlich, denn die paar Hundert Leute, die hinter Diamand stehen, werden wohl selbst nicht den Anspruch erheben, die öffentliche Meinung des jüdischen Proletariats in Galizien zu bilden. Dr. Diamand sagte: „Wir ostgalizischen Delegirten vertreten eine Reihe jüdischer proletarischer Organisationen, wir theilen aber trotzdem die Ansicht des Genossen Brod ganz und gar nicht. Unsere jüdischen Genossen wissen, daß sich die Socialdemokratie niemals dazu hergeben wird, in Philosemitismus zu machen." Denn sie macht lieber in Antisemitismus. Für den Antrag Brod's „Der Parteitag, indem er der bisherigen Parteileitung sein Vertrauen ausspricht, fordert die neuzuwählende Parteileitung auf, ohne alle Opportunitätsrücksichten die christlich-socialen Schwindler zu bekämpfen und die Jnternationalität des Proletariats aller Länder bei jeder Gelegenheit zu betonen," wurde auch ein jüdischer Todtengräber ausfindig gemacht. „Genosse" Dr. Czech stellte folgenden Gegenantrag: „Der Parteitag erklärt, daß er den Antrag Brod deswegen verworfen hat, weil der Antrag den internationalen (?) und interkonfessionellen Standpunkt der Socialdcmokratie nicht präcise und klar genug zum Ausdruck bringt." Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Die österreichische Socialdemokratie ist somit vor der „Verjudung" gerettet und sie hat dies kund und zu wissen gethan. Und so stünde nichts' mehr im Wege, daß sich die 117.000 christlichsocialen Wähler Nieder- Oesterreichs zu den Socialdemokraten schlagen. An Entgegenkommen haben es diese nicht fehlen kaffen. L. Lemberg, 10. Juni. (Orig.-Corr.) Am 6. und 7. d. M fand hier das Protestmeeting der jüdischen Rechtspraktikanten und Advocaturs-Candidaten Ostgaliziens gegen die Präterirung bei Besetzung von Richterstellcn statt. Den Vorsitz übernahm nach einer Ansprache des Advocaten Dr. Jakob Horowitz der Advocat Dr. Aleksandrowicz. Das Referat erstattete Dr. Reiter. Es war sachlich; doch die statistischen Daten bezeichnete Referent selbst als unvollständig, da auf die Rundfrage nicht von allen Seiten die Antwort einlangte. Aber schon das vorhandene Material genügt, am die Gerechtigkeit der galizischen Justizverwaltung zu beurtheilen. Von 23 Rechtspraktikanten sind 19 Juden, dafür von 104 Auscultanten kaum — 4 Juden. Während die Christen schon nach 8 Wochen avanciren, mußten die Juden auch lx/a Jahre warten. Dafür verlangt man von ihnen alle drei Staatsprüfungen, obgleich die Christen schon mit zwei Prüfungen ausgenommen werden. Den galizischen Juden bleibt aber doch ein Trost: die Staatsgrundgcsetze und die sechs Hausjuden des Polenclubs. Von diesen zeigte sich kein einziger am Meeting. Sie trauten sich nicht. Hatten sie da nicht die goldenen Versprechungen mitzutheilen, die ihnen Badem und Gleisbach gemacht haben? Nun, die Redner nahmen sich bezüglich dieser „Vertreter" kein Blatt vor den Mund. Der Landtags-Abgeordnete Dr. Loewenstein, der am Meeting theilnahm, wird es den Herren gewiß ausgerichtet haben. Zum Schluffe wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Das Meeting der Rechtspraktikanten und Advocaturs-Candidaten vom 6. und 7. Juni protestirt gegen die Präterirung der jüdischen Rechtspraktikanten bei den Ernennungen und beschließt, eine entsprechende Petition an das Parlament und, wenn diese nichts nützen sollte, ein Memorandum an den Ministerpräsidenten und den Justizministcr zu richten. Weilers beschließt das Meeting die Wahl eines Comitäs von 11 Mitgliedern, die das Material zu sammeln und jede Verletzung der Staatsgrundgesetze durch Präterirung bei den Er- Nennungen den jüdischen oder den Reichsraths-Abgeordneten zu übermitteln hätten, die geneigt wären, im Parlamente entschiedene Schritte vorzunehmen. Sollte all' dies nutzlos bleiben, so find wiederholt Versammlungen einzuberufen. Das Comitö hat auch aus seiner Mitte drei Mitglieder behufs Rücksprache mit dem Ministerpräsidenten und mit dem Justizminister zu wählen." Die Anzahl der Geschütze, welche die Theilnehmer des Meetings in ihrer gerechten Entrüstung ausfahren lassen, ist eine sehr begrenzte: Deputation, Petition und Memorandum. Und wenn das nichts nützen wird? Wir fürchten, es wird nichts nützen. Denn es handelt sich nicht um eine galizische Maßregel; es hvndelt sich um ein ganz Oesterreich beherrschendes System. Und den Kampf gegen dieses System muß die ganze Judenschaft Oesterreichs führen, nicht blos ein kleiner Bruchtheil. Zionistische Fragen und Antworten. Unter den Zuschriften, die wir nach dem Erscheinen der ersten Nummer unseres Blattes erhielten, befand sich auch der nachstehende merkwürdige Brief. Wir geben ihn im Wortlaut wieder, nur haben wir einige freundliche Schlußworte des Professors unterdrückt. Dieser ist ein weitbekannter Gelehrter. Wir achten selbstverständlich seinen Wunsch, den Namen nicht zu nennen. Aber dieser eigenartig fesselnde Brief regt uns dazu an, eine ständige Rubrik einzuführen, in der wir Fragen von allgemeinerem Interesse, die aus dem Publicum Hervorkommen, öffentlich beantworten. Der Zionismus ist Vielen eine so unerwartete Erscheinung, er wirst eine solche Fülle von Fragen auf, daß es unserer Sache dienen mag, eine Diskussion über zweifelhafte Einzelheiten an dieser Stelle zu führen. Die Redaction. -st -st -st Geehrter Herr Redacteur! Es freut mich und meinen Bruder sehr, daß unser Vater Ihre Zeitschrift für uns abonnirt hat. Wir sind nämlich beide sehr zionistisch gesinnt, und da freut es uns, daß doch einmal

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