Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Article
- Juden in Athen [Nachricht]
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 3. jungen Ursprungs. Zu Anfang des Jahrhunderts gab es nur zwei bis drei israelitische Familien in Athen. Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte entstand die jetzige Gemeinde mit eigener Synagoge, worin der Gottesdienst in hebräischer Sprache abgehalten wird, während das Spanische die Umgangssprache ist. (Wr. Allg. Ztg.) Palästina-Ausstellung in Hamburg. Wir lesen im „Hamburger Fremdenblatt": Wenn der Besucher unserer Gartenbau-Ausstellung dieselbe vom Millernthor aus betritt, so fällt ihm ein in seiner Bauart fremdländisches Gebäude auf, das für die Aufnahme der Ausstellung der palästinensischen Colonien bestimmt ist. Die Ausstellung bezwecÄ ein Zwiefaches, nämlich erstens die von gewisser Seite ausgestellte Behauptung, daß die Juden nicht befähigt seien, Ackerbau zu treiben, zu widerlegen, und zweitens die Erzeugnisse der Cultur der jüdischpalästinensischen Colonien auch den Besuchern unserer Gartenbau- Ausstellung vorzuführen. Das Gebäude, das nach den Plänen des hiesigen Architekten Löwengaard ausgeführt wurde, ist die getreue Nachbildung des Wohnhauses eines palästinensischen Colonisten und zerfällt in drei Abtheilungen, und zwar in einen Garten und zwei Wohnräume. Die Ausstellung wird folgende Abtheilungen umfassen. Lebende Bäume: Palmen, Oliven, Citronen, Mandeln u. s. w.; Früchte: diese Abtheilung enthält alle Kernfrüchte, wie Weizen, Gerste rc. Auch die dortige Bienenzucht wird dem Beschauer durch zwei lebende Bienenstöcke verschiedener Systeme vorgeführt werden. Hieran schließen sich in einer weiteren Abtheilung Oele, Essenzen, Weine und Cognac. In dieser Kategorie wird hauptsächlich das dort erzeugte Rosenöl, das sich bereits lange Zeit siegreich auf dem Weltmarkt behauptet, eine hervorragende Stellung einnehmen. Ferner wird sich daselbst eine sehenswerthe Abtheilung von Holzschnitzarbeiten befinden, die ausschließlich von Colonisten verfertigt sind. Während der Ausstellung, die bis zum 1. Oktober dauern wird, werden stets neue Erzeugnisse aus Palästina eintreffen, um der gewiß sehenswerthen Ausstellung immer ein frisches und wechselreiches Gepräge zu verleihen. Gründe des Amisemitismus. Die philosophisch veranlagten Köpfe der verschiedenen Nationen sind schon decennienlang auf der Suche nach plausiblen Erklärungen für die immerwährend und überall ausbrechenden antisemitischen Excesse; und diese Philosophischen machen, wenn sie sich um den nationalen Gegensatz herumschleichen, bei diesem Rundgange sehr interessante Entdeckungen. Auch die französische Regierung machte in jüngster Zeit eine solche Entdeckung. Sie hat herausgefunden, warum in Algerien die Araber mit Feuer und Dynamit gegen die Juden vorgegangen sind; — die Ursache war der infolge der Mißernte gänzlich leere Magen der arabischen Bevölkerung. Deshalb verlangt die französische Regierung von der Kammer 1,200.000 Fr. zur Unterstützung der Nothleidenden. Wir lernen also aus dieser philosophischen Entdeckung Folgendes: 1. Daß die Asche verbrannter Betstühle und Thorarollen, ferner der Schutt demolirter Synagogen unter den Arabern Orans als ein sehr beliebtes und ohne Zweifel sehr schmackhaftes Nahrungsmittel gilt, 2. daß es in Algerien lauter reiche Juden und lauter arme, halbverhungerte Araber gibt, 3. daß zwischen einer Speisekarte und dem Antisemitismus tief geheimnisvolle, psychologisch noch nicht ganz erklärte Verbindungsfäden gesponnen sind, und 4., daß jeder Araber, wenn er sich bis zu dem Körperumfang des Wiener Volksmannes Strobach herangemästet haben wird, ein feuriger Philosemit sein wird. Der „Rector aller Deutschen" als Cigarrenhändler. Im „Vorwärts" lesen wir: „Der Reichstagsabgeordrete Ahlwardt wird, wie ein Berichterstatter aus sicherer Quelle meldet, in allernächster Zeit in Berlin ein — Cigarrengeschäft aufmachen. Da er selbst bekanntlich „nichts nich haben darf", steht hinter ihm ein als wohlhabend bekannter Gesinnungsgenosse. Der Rector a. D. wird in eigener Person Verkäufer sein." Die jüdische Cultusgemeinde in Warschau hat für das laufende Jahr folgende Budget-Präliminarien aufgestellt: Einkünfte .165.410 Rubel. Ausgaben: Verwaltung und Gottesdienst . . . 27.186 „ Unterrichtswesen.. . 43.427 „ Wohlthätigkeit. 25.920 „ Friedhofverwaltung. 25.980 „ Subventionen für öffentliche Zwecke . 28.950 „ Verschiedenes . 5.670 „ Zusammen 157.133 „ Die Warschauer Gemeinde bleibt daher noch immer activ. Wenn das die Wiener Cultusgemeinde von sich sagen könnte! Zionistische Aerzte in der Türkei. Die Expedition freiwilliger Aerzte, welche zur Hilfeleistung in den Kriegsspitälern nach der Türkei abgereist ist, hat nach mancherlei Fährlichkeiten ihren Bestimmungsort erreicht. Wir erhalten von I. Schalit, dem Führer der Expedition, folgende Mittheilungen: Saloniki, 8. Juni. Sonntag Nachts kamen wir hier an. Unsere Ankunft war schon von der türkischen Grenze aus signalisirt. In Uesküb erwartete uns der Commandant, ein Pascha, und sein Stab. Montag stellten wir uns den Behörden vor, und wurden in der freundlichsten Weise ausgenommen und mit Papieren an Edhem Pascha und andere Generäle versehen. Im Briefe an Edhem Pascha ist hervorgehoben, daß wir als Juden im jüdischen Sinne unsere ärztlichen Dienste angetragen. Wir wurden ersucht, sobald als möglich nach Larissa abzurücken. Der Weg ist folgender: Bis Karafeira mit Lastzug, (denn der Personenverkehr ist eingestellt). Von dort aus weiter auf Pferden. Drei Tage im Sattel. Wir reiten über das Gebirge, der Weg ist sehr beschwerlich. Entschuldigen Sie die gedrängte Kürze meines Briefes. Mir fehlt es an Zeit und Ruhe. Ich bin voll von Eindrücken, wir haben so manches erlebt, und ich werde in meinen späteren Briefen noch alles nachholen. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 15. Juni. (Orig.-Corr.) Der sechste socialdemokratische Parteitag, der hier vorige Woche abgehalteu wurde, stand unter dem Zeichen der Nationalitäten- und Judenfrage. Für beide bildet er einen Markstein. Vorerst zeigte sich die Unhaltbarkeit der schönen Phantasie Marx', genannt „Internationale". Durch die Schaffung von nationalen Organisationen ist in die „Internationale" eine breite Bresche geschlagen worden, die selbst durch eine „Erklärung" nicht verdeckt werden kann. Uns interessirt hierbei das Verhalten der jüdischen „Genossen". Sie, die bei der bloßen Nennung der jüdischen Nationalität in eine Heidenangst verfallen und von einem „beschränkten Bourgeois- Siandpunkt" faseln, haben jetzt mit Ausnahme Berstl's Alle (Berner, Brod, Dr. Czech, Dr. Diamand, Dr. Ellenbogen, Dr. Morgenstern und Dr. Verkauf) den nationalen Organisationen zugestimmt. Ihr organisirtes Proletariergemüth hat ihnen den Muth nicht eingeflößt, sich neben den ezechischen, polnischen, deutschen und italienischen Socialdemokraten rc. als jüdische Socialdemokraten zu bekennen. Die Lüge der Assimilation haben sie aus ihren Bourgeoiszeiten mitgenommen und suchen nach wie vor in fremden nationalen Lagern eine Unterkunft zu finden. Die Talesweber von Kolomea, die paar Commis und Handwerker von der Krakauer „Einigkeit" oder der Lemberger „Jad Chezukuh“, die kein polnisches Wort zusammenbringen und darum auch ein eigenes, jüdisch geschriebenes Blatt haben, müßten trotzdem zur — polnischen Organisation gehören. Wird ihnen da auch der Lemberger Jude Dr. Verkauf, früher Zionist, jetzt Reichsraths-Abgeordneter des Egerlandes, Gesellschaft leisten? Denn daß sich die jüdischen „Genossen" in der polnischen Organisation neben den Arbeitern von Chodorow und Schodnica Wohl fühlen würden, darf wohl nicht bezweifelt werden. Oder doch? Aber die Bogelstrauß- Politik der jüdischen „Genossen" in Bezug auf die eigene Nationalität beweist am besten, wie schr im socialdemokratischen Lager alles Jüdische verpönt ist. Für Wissende ist es längst kein Geheimniß mehr, daß auch in dieser Partei stark in Antisemitismus gemacht wird. Man hat zwar die jüdischen Stimmen und Wahlfonds bei den letzten Reichsrathswahlen gerne acceptirt, aber nach der bekannten Methode: „Grüß' mich nicht unter den Linden". Der große Zudrang jüdischer Intelligenz-Proletarier wird gerade vom ersten Führer, der selbst ein Jude war, sehr ungern gesehen, weil dadurch der antisemitische Vorwurf der Verjudung gerechtfertigt wird. Und er möchte die Partei weder „verjudet", noch als eine „Judenschutztruppe" wiffen. Die Gährung, die dadurch unter den jüdischen Genossen hervorgerufen wurde, findet in einer Rede des Delegirten Brod ihren Ausdruck. Man darf diese Rede, die mehr die Beschwerde eines klagenden Weibes, als der Angriff eines selbstbewußten Mannes ist, wohl nicht überschätzen, aber sie ist für den „Freisinn" in der socialdemokratischen Partei sehr bezeichnend und als der Ausgangspunkt der ersten Judendebatte auf einem österreichischen Parteitag der Socialdemokraten interessant. Brod meinte, daß seitens der Parteileitung gegenüber dem Schlagworte „Jud" in Wien nicht die richtige Taktik eingeschlagen wurde. Einzelne socialdemokratische Redner hätten die Begriffe „Jude" und „Capitalist" als identisch hingestellt und auch nie darauf hingewiesen, daß es ein zahlreiches jüdisches