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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
New-Yorker Brief
Date
1897-06-18
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3. S>ic^sWdC Seite 9. Organisation nnd durch diese zur Verwirklichung ihrer Wünsche gelangen können." Der Brief, welchem ich sowohl in der „Toleranz", wie auch in der deutschen und englischen Tagespresse die weitgehendste Publicität verschafft habe, wird unserer Sache zweifellos von großem Nutzen sein, und es soll mich durchaus nicht wundern, wenn Amerika zu dem Kongreß in München die meisten Vertreter entsenden wird. Ich werde gewiß nicht ermangeln, der „Welt" von den zionistischen Vorgängen in Amerika von Woche zu Woche Bericht zu erstatten. Die hiesigen Zionsfreunde werden zweifellos Sorge tragen, daß diese Berichte stets erfreuliche Fortschritte melden. Weltchronik. Aus Sophia geht uns von unserem Freunde Doctor R. Vierer ein höchst interessantes Schriftstück zu. Eine Liste von mehreren hundert Personen, zumeist Spaniolen, die mit Begeisterung bereit find, auf den ersten Ruf nach Palästina auszuwandern. Männer, Frauen, Jünglinge, Mädchen, Greise — sie alle hat das Wort „Palästina" mit fascinirender Gewalt in seinen Bannkreis gezogen. Die Liste ist nur das Ergebniß eines kleinen Experimentes, einer kleinen Stichprobe, aber sie ist für.uns sehr werthvoll. Wie oft hören wir: „Ja, der Zionismus ist zwar eine schöne, poetische Idee, er findet aber beim Volke kein Echo, die Idee nimmt sich auf dem Papiere sehr schön aus, aber das Menschenmaterial für euren Judenstaat wird sich nicht finden." — Unsere Liste ist die Antwort auf diesen Einwurf. Der kurze Appell eines Einzelnen, eine kleine Sondirung des Volkswillens in einer einzigen Stadt hat eine Liste von mehreren hundert Personen ergeben. Was für ein Echo muß erst eine planmäßige, tiefgehende Agitation in allen Städten, in allen Ländern Hervorrufen! Unsere Liste ist aber auch die Antwort für das Bedenken jener Zweifler, die, wenn sich schon ihr Gedankenflug bis zur Vorstellung eines Judenstaates emporschwingen kann, sich einen solchen nur als mißgestalteten Organismus, bestehend aus drei Kasten, denken können; a) Kaste der seßhaften Geschäftsleute, b) Kaste der nomadifirenden Hausirer, o) Kaste der Doctoren. Unsere Liste weist fast durchgehends Handwerker auf. Wir finden Schneider, Schlosser, Schuhmacher, Schmiede, Glaser, Tischler rc., dann Lastträger, Fuhrleute, Dienstmänner. Sie alle verstehen ihr Handwerk und wollen arbeiten. Mit ihren harten, schwieligen Händen können sie aber auch den Pflug führen, und gerne vertauschen sie die beengende Luft der Werkstätte mit dem freien Hauch der Felder und Weinberge. Nur fort, fort in ein Land der Brüder, wo kein Rassenhaß den ohnehin kargen Bissen Brod noch mehr schmälert! Wir heben uns das Schriftstück gut auf, denn es wird die Zeit kommen, wo wir es brauchen. Heute hat es 18 Seiten, bis aber die Zeit gekommen ist, wird es zu einem dicken Buche mit vielen tausend Seiten angewachsen sein, und was uns aus seinen Blättern entgegenwehen wird, ist die Befreiung unseres Volkes. Antisemitismus in Deutschland. Zur Illustration der von zwei deutschen Rabbinern in. der „allgemeinen Zeitung des Judenthums" mit dem Brusttöne der Ueberzeugung aufgestellten Behauptung, die Juden hätten sich in Deutschland völlig asfimilirt und der Zionismus wäre für die Verhältnisse Deutschlands ein überflüßiger, ja schädlicher Luxus, diene folgender Artikel des Antisemiten Wtlhelm Kretzer in der „Staatsbürger- Zeitung" vom 6. Juni, der eine Liste der judenreinen Sommerfrischen Deutschlands enthält: Als „durch und durch antisemitisch" werden genannt; Borkum nnd Juist. Hierüber schrieb auch Tante Boß voll echt morgenländischen Zornes folgendes: „Wir haben seinerzeit das widerwärtige, man kann sagen, ekelerregende antisemitische Treiben in Borkum geschildert. Auf Wegen und Stegen, an Zäunen und Mauern, in den Kabinen, kurz wo sich nur die Möglichkeit bietet, stößt man im günstigsten Falle auf antisemitische Albernheiten und Obscönitäten, die jedem gebildeten und anständigen Menschen, der dort Ruhe und Erholung sucht, den Aufenthalt verleiden. Wie uns nun mitgetheilt wird, scheint sich das Norbseebad Juist würdig seinem Schwesterbade Borkum anreihen zu wollen." — Im Nordseebad Borkum empfiehlt sich allen Freunden der antisemitischen Partei das „Hotel Ostermann" (Besitzer Berend Akkermann), 5 Parteiblätter liegen auf. — Ferner Zinnowitz, Saßnitz, Binz und Gehlberger Mühle; letztere (Gasthaus zur Gehlberger Mühte bei Oberhof in Thüringen, Besitzer E. Möller) ist bestens zu empsehlen. Die überaus mäßigen Pensionsbedingungen enthalten zum Schluß den Vermerk: „Die Aufnahme von Juden wird möglichst vermieden!" — Größtabarz in Thüringen, „Hotel Schießhaus", zeigt durch ein großes Placat an, daß es keine jüdischen Familien aufnimmt. — Kurhaus Oberweiler im Schwarzwald, Besitzer Dr. Vogel, bezeichnet öffentlich den Besuch jüdischer Gäste unerwünscht. — Hoshaus in Schliersee wird als „judenrein" bezeichnet. — Zu Ruhpolding in Oberbayern wird vom Verschönerungsverein jeder Zimmervermiether, der einen Juden aufnimmt, mit 30 Mark Strafe belegt. — In Trautheim bei Nieder-Ramstadt im Odenwald empfiehlt Rudolf Vollrath seinen „Gasthof zum deutschen Haus" mit den Worten: „Die Deutschen sind daselbst unter sich; denn Juden finden daselbst keine Ausnahme!" — Das Nordseebad Amrum wird als „deutschnationales" bezeichnet. Was diesen Curort gerade für erholungsbedürftige Deutsche vor vielen anderen auszeichnet, ist die Thatsache, daß hier das deutsche Element durchaus ausschlaggebend ist. Hier ist alles deutsch, Badedirection, Badecommissär (Herr v. Bismarck), Jnspector und Badearzt. Ebenso sind sämmtliche Wirthe auf Amrum deutschnational gesinnt. — Grendelbruch in Unterelsaß; das Pensionat im Frauenkloster am Ottilienberg; Herrenalb im Schwarzwald und Lichtenthal bei Baden-Baden werden sämmtlich als „judenrein" bezeichnet. — Das Curhaus „Palmenwald" in Freudenstadt im Schwarzwald wird von der Stadtgemeinde unter Hinweis auf die „christliche Hausordnung" empfohlen, ebenso wird der Luft- und Wassercurort Einöd bei Friesach in Obersteiermark vom Badinhaber als „echt christlicher Aufenthaltsort empfohlen. — Aus dem Ostseebad Müritz in Mecklenburg schrieb ein Gesinnungsgenosse: „Ich bin jetzt drei Wochen hier und bin noch keinem unserer jüdischen Mitbürger begegnet, das Bad kann jedem Deutschen als wirklicher Erholungsort dringend empfohlen werden". — Zum Schlüsse wollen wir nicht ermangeln, auf das Ostseebad Heiligenhafen an der Holsteinischen Küste hinzuweisen, welches das erste Bad war, daß sich schon vor Jahren auf einen entschiedenen nationalen Standpunkt gestellt rc."- Kann man mehr verlangen? So ist es in Deutschland mit der wohlgelungenen Assimilation bestellt. Wir wünschen jenen Gegnern des Zionismus, denen es an ihrem jetzigen Aufenthaltsorte so gut gefällt, sie mögen sich alljährlich immer abwechselnd einen von den oben genannten Erholungsplätzen als Sommerftische auswählen und dort über die praktischen Erfolge der Assimilation Nachdenken. Juden in Athen. Man schreibt ans Athen: In einer der rechtsseitigen Ausstrahlungen der Hermesstraße, die sich vom königlichen Schlosse bis in die Nähe des Theseustempels in gerader Linie hinzieht, haben sich die Juden Athens angesiedelt. Die Männer sind zumeist kleine Händler, die mit Stoffen und Bändern die Straßen durchziehen und sich mühselig ihr Brot verdienen. Wer schon etwas erübrigt hat, schreitet wohl auch neben einem Maulthier einher, auf dessen Rücken allerlei aus Kasten und Schachteln hervorblickende Herrlichkeiten schwanken. Andere haben dem unstüten Haufirerleben eine beschaulichere Wirksamkeit vorgezogen und verkaufen in dunkelfeuchten Läden alte Kleider und ähnliche Gegenstände. Am lebhaftesten geht es des Abends zu. Da sitzen die Familien auf der Haustreppe, die Kinder spielen fröhlich lärmend; die Väter überrechnen den Gewinn des Tages und die Mütter sehen nach den Kochtöpfen, die über winzigen, mit Holzkohle gefüllten Oefen im Freien brodeln. Die meisten alten Frauen sind den Costümen treu geblieben, die sie in ihrer Jugend trugen, dem kurzen, die Knöchel freilassenden Kleide, dessen Ränder mit Fransen besetzt sind und das in zwei von einander geschiedene Theile, den Vorder- und Hinterrock, zerfällt, sowie dem dunklen schweren Mantel. Das Haar tragen sie zujammengeknotet unter einem grünen Tuche. Aber unter den Juden wohnen auch friedlich zahlreiche christliche Familien, und gerade in dieser Gegend trifft man auch mehrere griechische Kirchlein und Kapellen. Auch die Israeliten Athens haben ihr Gotteshaus, das sich von den übrigen nur durch eine über dem Thor befindliche Laterne unterscheidet. Ein enger, durch ein breites Holzgitter vom Hauptsaäl abgeschiedener Raum war für die Frauen reservirt. Dort traf ich auch den Rabbiner der Gemeinde an. Ein röthlicher, theilweise ergrauter Vollbart umrahmte ein sympathisches, von lebhaften großen Augen beleuchtetes Gesicht, aus dem Intelligenz und Güte sprachen. Er war ganz modern, sehr sauber, ja gewählt gekleidet. Vor ihm saßen auf einer hölzernen Bank etwa zehn kleinere Knaben, denn der Betraum für die Frauen diente zugleich als Schulzimmer, und blickten mit großen, neugierigen Augen auf den Fremdling. Zwei Männer leisteten dem Rabbiner Gesellschaft. Es waren flüchtige Israeliten aus Volo und Larissa. Der Rabbiner hatte etwas auf dem Herzen. Die Brandartikel, welche die griechische Presse in diesen aufgeregten Zeiten gegen die Juden richtet, bekümmerten den erfahrenen Mann. Sie hetzen den Pöbel auf und können unter Umständen zu einer ernsten Gefahr werden. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß all jene gegen sie geschleuderten Anschuldigungen völlig aus der Luft gegriffen sind. Die Israeliten standen ebenso wie die Christen im feindlichen Feuer, und die Last der Steuern ruht auf ihnen vielleicht noch schwerer als auf den übrigen griechischen Staatsangehörigen, da die Gemeinde sehr arm ist. Die Gemeinde ist sehr

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