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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
Der Wiener Tramway-Strike
Date
1897-06-18
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8. jto&wc Nr. 3. täglich ist zwar nicht viel; aber für den durch eine kleine Plünderung Ruinirten ist es doch besser, als — ein Opfer höherer Finanzpolitik — betteln gehen zu müssen. Davon kann aber bekanntlich keine Rede sein; wir möchten sehen, was für Augen die Gewaltigen der „durch und durch Verjudeten" bei der Zumuthung machen würden, die erwähnten Stellen mit Juden zu besetzen. Großactionär oder Bicepräsident kann ein Jude werden, Conducteur oder Stallpage nicht mehr. So ein jüdischer Conducteur würde ja das ganze Unternehmen mißliebig machen. Und dann: Ist denn die Tramway-Gesellschaft dazu da, um arme Juden zu versorgen? Die sollen sich mit der Ehre begnügen, gerade so verhaßt zu sein wie ihre reichen Glaubensgenoffen. Wenigstens können sie doch etwas mit ihnen theilen! Wir wollen jedes Mißverständniß verhindern. Nicht als ob wir das Verhalten der Reizes und ihrer Helfer als specifisch jüdische Erscheinungen bezeichnen wollten: Individuen dieser Beschaffenheit gibt es bekanntlich in jeder Gesellschaft, möge ste semitischen, arischen oder mongolischen Blutes sein. Was wir fordern, ist, daß diese Herren, wenn sie zu unserem Unglücke unseres Stammes find, fich die langweilig-alte, aber nie zu oft gehörte Thatsache merken mögen: Betrügt, stiehlt, wuchert ein Christ, so hat es eben ein Christ gethan; betrügt, stiehlt, wuchert ein Jude, so sind die Juden Betrüger, Diebe, Wucherer. Und da wenig Aussicht vorhanden ist, daß diese Generalisirung aufhören werde, so wünschen wir lebhaft, daß die Herren, die Jeder kennt, es sich abgewöhnen mögen, ihr neue Nahrung zuzuführeu. Der Tramway-Strike schien uns der richtige Anlaß, um Einigen von ihnen diesen Wunsch recht eindringlich vorzutragen. Und noch aus einem anderen Grunde scheint es uns im öffentlichen Interesse zu liegen, wenn in diesen Abgrund mit recht grellen Fackeln hinabgeleuchtet wird. Wir haben in unserer ersten Nummer ein interessantes Capitel der Wiener Finanzgeschichte erzählt; wenn wir nicht ganz schlecht unterrichtet sind, so sind bei Gelegenheit des Strike zarte Beziehungen zwischen den streitenden Parteien angeknüpft worden, die nichts Geringeres bezwecken würden, als Aussöhnung gegen klingende Münze. Einstellung der Feindseligkeiten gegen die Tramway-Gesellschaft wäre die Leistung, Ftnanzirung des städtischen Anlehens die Gegenleistung. Wir haben unlängst so drastisch unsere Meinung über dieses Finanzirungsgeschäft gesagt, daß wir es nicht nöthig haben, uns heute zu wiederholen. Schon die bloße Thatsache, daß man es in ernsten Kreisen für möglich hält, ist entwürdigend; sein Zustandekommen würde Alles übertreffen, was die Geschichte des Wiener Bankwesens verunehrt. Leider ist es nicht unmöglich; jenen Leuten, die es über sich gebracht haben, Herrn Lueger anläßlich seiner Wahl in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Tramway persönlich zu begrüßen, ist es zuzumuthen, daß sie in ihrer Eigenschaft als Bankdirectoren mit ihm Geldgeschäfte machen. Wenn wir bei Erörterung dieser Dinge bitter werden, bitterer als es unsere Gewohnheit ist, so möge man es mit dem ent chuldigen, was een tiefsten Grundgedanken unserer publicistischen Thätigkeit bildet. Kampf, erbarmungsloser Kampf gegen Jene, die in Mißachtung aller Gebote der Sitte und der Solidarität in einer Zeit, wo Zurückhaltung doppelt noth thäle, ihren bösen Jnstincten rücksichtsloser als je die Zügel schießen lassen; geg n Jene, die ärger, als es der ärgste Gegner vermag. Haß und Schmach über ihr Volk bringen und vom Klang ihrer Goldstücke so hypnotisirt sind, daß sie den Zornschrei der Entrüsteten und den Jammerruf der durch ihr Verschulden elend Gewordenen nicht mehr hören. ... x. y. -4Q) chtW»- Das Arlrritsprogramm des Münchener Congresses wird in einer der nächste» Rnmmer« «nseres Blattes veröffentlicht werden. Die Redactio«. Uew-Uorker Kries. Von Michael Singer. Am 4. Juni 1897: Die Zionsfteunde in New-Iork begrüßen das Erscheinen der „Welt" mit aufrichtiger Freude. Sie hoffen, daß diese „Welt" viel mit dazu beitragen wird, daß fich uns Juden im Allgemeinen eine neuere, eine bessere Welt erschließe. Die amerikanischen Rabbiner, oder zumindest der überwiegende Theil derselben, thun allerdings ihr Möglichstes, um den Zionsgedanken von dem gelobten Lande der Freiheit fernzuhallen. Sie möchten jene Welt, welche von uns angestrebt wird, am liebsten für alle Ewigkeiten unentdeckt bleiben lassen. Aber trotz aller fanatischen Predigten und trotzdem die Juden in Amerika im Verhältnisse zu dem Zustande der Juden in allen übrigen Ländern zweifellos weniger zu erdulden haben und demgemäß eine Nothwendigkeit, nach Palästina zu gehen, weniger einsehen können, hat der Zionismus hierzulande denn doch nicht allein Wurzel gefaßt, er ist auch bereits erstarkt. Unsere Bewegung in New-Aork, die mit der am 4. Mai stattgehabten Maffenversammlung das erste Lebenszeichen von sich gegeben hat, nahm in der Versammlung vom 29. Mai eine feste Form an. Wir constituirten nns unter dem Namen „Central-Verein der amerikanischen Zionisten" und haben fich bis jetzt 400 Mitglieder um uns geschaart. Der nunmehr aus der Taufe gehobene Verein wird bei einer am 7. Juni abzuhaltenden Massenversammlung über deren Verlauf ich im nächsten Briefe berichten werde, seinen definitiven Beamtenkörper wählen und einsetzen. Es liegt natürlicherweise in unserer Abficht, nicht bei diesem Vereine stehen zu bleiben, sondern in jedem Staate der Union Zweigvereine zu errichten, die dann von der hiesigen Centrale ihre Directive erhalten werden. Wir verkennen die Schwierigkeiten nicht, welche unser harren. Wir werden sie aber bekämpfen. Schon jetzt haben wir einen bedeutenden Weg zurückgelegt, indem wir das mitleidige Lächeln, mit welchem man unserem ersten Auftreten begegnete, aus der Welt schafften. Nun eifert man gegen uns in Wort und Schrift — ein untrügliches Zeichen dafür, daß man die Bewegung ernst nimmt. Die Herren Rabbiner haben allerdings, um die durch mich und meinen muthigen Mitarbeiter, Rabbiner Mayer Kopfstein, einberufene Versammlung zu paralyfiren und um deren Werth abzuschwächen, eine Resolution ausgearbeitet, in welcher sie gegen die Bildung eines Judenstaates Protest einlegen, dafür aber umso wärmer für die Colonisirung eintreten und — das Schnorren bleibt eine Hauptsache! — das Hauptaugenmerk auf die Chalukah gerichtet zu sehen wünschen. Diese Resolution hätte in einer in der neuerbauten Synagoge der portugiesischen Gemeinde abzuhaltenden Versammlung der New-Iorker „repräsentativen" Juden angenommen werden sollen. Die „repräsentativen" Juden haben es aber vorgezogen, der Versammlung fernzubleiben und so zählt denn die Versammlung — die Herren Rabbiner mitinbegrtffen — 25 Personen. Seit jenem denkwürd gen Abende ist auch in manchem Rabbiner eine Wandlung vorgegangen, und trotzdem die Einen im Brusttöne der Ueberzeugung (?) zum Fenster hinausschreien: Amerika ist unser Palästina! scheinen Andere es mit dem Zionismus ehrlich zu meinen. Nicht geringes Aufsehen hat hier ein Brief verursacht, welchen Dr. Max Nordau an den Gefertigten gerichtet hat. Unser eifriger Pariser Zionsfreund schreibt nämlich mit Rücksicht auf eine Predigt des Rabbiners Dr. K. Köhler, der gleichzeilig ^resident of the board of the Ministers of tbe city of New-York ist: „Ich lebe nicht vom Judenlhum, wie Herr Köhler, obschon ich gerne bereit bin, für das Judenthum zu leben." Und an anderer Stelle sagte er: „Es heißt das innerste Wesen des Zionismus verdammen, wen« man glaubt, für ihn Stimmung machen zu muffen. Wir wollen Niemand zum Zionismus bekehren, wir wollen nur Denen, die Zionisten find und sich als Zionisten bekennen, den Weg zeigen, auf dem sie zu einer

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