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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
Rabbi Samuel Mohilewer
Date
1897-06-18
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. S. JPU^WdC Seite 7. der „ersten" Pilgerschaar nach dem heiligen Lande um die Colonien zu besichtigen. Im Bericht über diese Reise schreibt er: Auch mein Geist schwebte damals über einem tiefen Abgrund von erhabenen und heiligen Gedanken, Gedanken von der Heiligkeit und dem hehren Werth dieser Wiege unserer Väter, deren Staub ich vor wenigen Stunden mit Thränen befeuchtet hatte. Ich weinte über ihre Verwahrlosung, freute mich über den Anblick ihres beginnenden Aufblühens, ihrer Städte und Dörfer, Weinberge und Gärten, die in den letzten Jahren einen Aufschwung nahmen. Mein Herz überströmte von der freudigen Hoffnung auf eine bessere Zukunft Israels, sobald es den rechten Weg gchen und jeder einzelne die Ehre des Volkes mehr schützen wird, als den eigenen Vortheil". Auf dieser Reise half Mohilewer die Colonie „Rechoboth" gründen, in welcher er einen Theilbesitz hat. Im Jahre 1851 begab er sich abermals nach Paris, um den Baron Hirsch für die Colonisation Palästinas, anstatt Argentiniens, zu gewinnen. Im Jahre 1894 feierten sämmtliche Zionisten den 70. Geburtstag Mohilewer's und legten aus diesem Anlasse in der Colonie „Chadara" den nach ihm benannten Ethrogim-Garten „Gan- Samuel" an, der über 30.000 Francs kostet. Der Ertrag von dessen Früchten kommt der Colonisation zugute. Auch im Jahre 1896 trat Mohilewer für die Arbeit im Brachjahre ein, und wurde dabei von dem Kownoer Rabbiner mit Erfolg unterstützt. Rabbi Samuel Mohilewer ist mit vollem Rechte als der hervorragendste Factor der zionistischen Bewegung in Rußland zu betrachten. Wenn das Odessaer Comitö das Haupt der russischen Zionisten bildet, so ist Mohilewer das Herz, aus welchem der Lebensstrom der Bewegung emporquillt. öl. B. Tribüne. (An dieser Stelle geben wir gerne Zuschriften Raum, die in schicklichem Ton Angelegenheiten von allgemeinem Interesse oder gerechtfertigte Beschwerden enthalten. Die Redaction.) Jüdische Wohlthätigkeit in Galizien. Geehrte Redaction! Erlaube mir um Aufnahme folgender Zeilen in Ihrem werthen Blatte zu bitten: In der Absicht, statistische Daten betreffend die öffentliche Wohlthätigkeit in Galizien zu sammeln, ersuche ich hiermit die geehrten Herren Präsidenten, bezw. Schriftführer jüdischer wohlthätiger Vereine um gefällige Einsendung der Rechenschaftsberichte für das Jahr 1896. Dort, wo keine gedruckten Rechenschaftsberichte vorhanden sein sollten, bitte ich um Angabe folgender Daten: 1. Name, Zweck und Sitz des Vereines. 2. Gründungsjahr. Zahl der Mitglieder. 3. Vermögensstand. 4. Höhe und Art der Einnahmen und Ausgaben (detaillirt). 5. Zahl der jährlich vom Vereine unterstützten Personen rc. Sämmtliche Zuschriften sind an den Unterfertigten oder an die Redaction der „Przyszlosc", Lemberg. Hochachtungsvoll W. Chajes, Lemberg, Kopernikusgasse 5. Der Wiener Tramway-Strike. (Ein Lpilog.) Der dreitägige Sinke der Tramway-Bediensteten ist vorüber, der Friede ist wieder hergestellt, aber es gibt keine Sieger, nur Besiegte. Herr Lueger, der die verhaßte Unternehmung schon in der Falle der Concessionsentziehung zu sehen hoffte; die Gesellschaft, die sich zu Zugeständnissen zwingen ließ, die sie einige Tage früher viel ehrenvoller hätte freiwMg gewähren können; die Bediensteten endlich, die für das stolze Gefühl, „schon morgen städtische Diener zu sein", ein Paar armselige Zugeständnisse in Tausch nehmen mußten — lauter Besiegte. Doch nein! Wir übertreiben! Ausnahmsweise hat ja auch ein kleiner Bruchtheil von „Mtbürgern israelitischer Confesfion" Gelegenheit gehabt, einige Tage lang alle Bortheile der Gleichberechtigung zu genießen: die wenigen jüdischen Kutscher und Conducteure nämlich, die nicht nur mitstriken dursten, sondern denen von Seiten eines antisemitischen Agitators sogar sä 600 das ausdrückliche Zeugniß ausgestellt worden ist, daß sie auch Menschen seien, was bekanntlich sonst von dieser Seite in Abrede gestellt wird. Wir hoffen und wünschen, daß diese Mitbürger nicht zu stolz werden mögen. Soweit wäre die Angelegenheit eigentlich erledigt; die Ueberstunden werden in Zukunft statt mit 10 mit 15 kr. honorirt werden; die Gesellschaft wird dem Verlangen der Kutscher um Betheilnng mit Regenmänteln „in gewissem Umfange" entsprechen; die seit 1. Januar eingeführte Uniformirung der Pferdewärter, welche bisher nur den mehr als zehn Jahre in der ersten Lohnclasse Dienenden zugestanden war, wird auf eine größere Anzahl derselben ausgedehnt und endlich — minima curat praetor — wurde den Nachtwächtern und Fourage- Arbeitern eine Lohnerhöhung um 10 kr. zugestanden, ja die Aushilfskutscher werden sogar schon nach zweijähriger Dienstzeit zu ständigen Kutschern avancireu! Dieses Resultat ist gewiß sehr erfteulich; der Menschenfreund darf es umso rückhaltsloser begrüßen, als es auf ganz friedlichem Wege, ohne Plünderung und Todtschlag, die Begleiterscheinungen des letzten Tramway-Strike, erzielt wurde. Wer aber die Sache etwas aufmerksamer betrachtet, der muß in den Freudenchor einige Molltöne erklingen laffen. Oder sollen wir das Schauspiel der Tramwayfrage und seine Darsteller nur von der humoristischen Seite nehmen? Die Einen bringen es mit allen Mitteln jesuitischer Dialektik zuwege, in einem Athem vom Sinke abzurathen und ihn doch mit vollen Lungen anzublasen, blos um mit Hilfe armer, von Noth erdrückter Heloten einen communalpolitischen Staatsstreich zu insceniren. Die Anderen geben vor, die Jntereffen der Tramway zu vertheidigen, wo es sich doch einzig und allein um den hinaufgeschwindelten Börsencurs und das „Syndicat" handelt. Ja, es ist entschieden eine lustige Scene in der Tragikomödie: der Regenmantel des Aushilfskutschers, hinter dem die Herren Lueger und Mittermayer mit den Herren Reizes und Popper streiten und sich versöhnen. Die Geschichte der Wiener Tramway-Gesellschaft ist mit derjenigen der antisemitischen Bewegung in Wien auf das engste verknüpft. Dr. Lueger ist nur konsequent, wenn er als Bürgermeister von Wien eine Agitation fortsetzt, die er als unbekannter, aber strebsamer Advocat begonnen hat; die Ansicht über dieses Verkehrsunternehmen ist vielleicht die einzige, der er vom Anfang bis zum Ende treu geblieben ist. Der Schlachtruf ist derselbe geblieben, nur die Melodie hat sich geändert. Aus den „Reizesknechten" wurden allmälig die allgemein verständlichen „Judenknechte", sobald der in so vielen Sätteln gerechte Agitator erkannt hatte, daß ein dem Appetit der Menge hingeworfener Jude, und wäre es selbst ein Reizes, auf die Dauer nicht genügt. Der Fall gehört, wie man sieht, zu den gewissen typischen. Ein Jude fehlt, alle müssen es büßen; ein Jude schindet seine Angestellten, alle Juden sind Ausbeuter; ein Jude schädigt die Verkehrsinteressen der Stadt, alle Juden find profitgierige Egoisten. An dieser Darstellung wird selbst dann nichts geändert, wenn es klar zu Tage liegt, daß sie in erster Reihe diesem einen Juden nützt, was leicht zu beweisen ist. Würde eine vernünftige und gerechte öffentliche Meinung ihn als das bezeichnen, was er ist, als einen Leuteschinder, Profitjäger und herzlosen Egoisten, wie ganz anders stünde er da, wie rasch würde ihm das Handwerk gelegt werden. Um wie viel bester ist er offenbar daran, wenn er in der großen Menge angeblich Gleichgearteter verschwinden kann, kein Raubthier mehr, sondern ein Bacillus. Wie richtig das ist, sieht man an unserem speciellen Falle so recht deutlich. Wer denkt heute noch an Reizes, seitdem es der gedankenbethörenden Agitation gelungen ist, aus der Tramwaysrage eine „Judenfrage" zu machen? Fürwahr, wenn Herr Lueger die Absicht gehabt hätte, Herrn Reizes einen Liebesdienst zu erweisen, er hätte es nicht anders anstellen können; die armen Juden in den Vororten müssen wieder einmal büßen, was der reiche Jude am Schottenring verschuldet hat. Und wenn sie noch wenigstens den Trost hätten, bei der „durch und durch verjudeten" Gesellschaft einen Posten als Kutscher-Aspirant oder Pferdewärter zu bekommen. Ist. 20 kr.

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