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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
Ministerpräsident Stourdza über den Zionismus
Date
1897-06-18
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6, Nr. 3. Aber das müßte allmälig, ganz allgemein und praktisch vor sich gehen und nicht „staatsrechtlich". Denn Sie dürfen nicht damit anfangen, daß Sie von den Türken „Rechte" verlangen. Man rechnet dort mit jedem Wort und nicht ohne Grund. Doch die Idee ist sehr gut, es handelt fich nur darum, die entsprechende Grundlage hiesür zu finden. Dann würde daraus nicht nur ein immenser Vortheil für das materielle Wohlergehen der Türkei entstehen, sondern auch die Juden aller Länder, insbesondere Rußlands, würden dadurch gestärkt werden. Bei uns in Rumänien gibt es keine Judenverfolgungen aus religiösen Gründen. Unser Motto ist das Friedrichs des Großen: Mag Jeder nach seiner Fayon selig werdend Aber der fortwährende Zufluß von russischen Juden ist für uns wirthschastlich drückend und darum würden auch wir die Verwirklichung der Idee: Palästina den Juden! freudig begrüßen." Antwort der Baronin Bertha v. Suttner. Wir haben unsere Rundfrage auch an die Baronin Suttner gerichtet. Frau v. Suttner antwortet in einem interessanten Briefe, den sie nicht zur Veröffentlichung bestimmt hatte, weil sie glaubte, nicht genügend sachkundig zu sein. Aber gerade diese ungezwungene, ungekünstelte Aeußerung der liebenswürdigen und großmüthigen Schriftstellerin ist uns werthvoll. Wir haben darum die Autorisation zur Mittheilung des Briefes erbeten und erhalten. Die Red actio n. Verehrter Doctorl Die „Welt"-Probenummer und überhaupt Ihr ganzes Vorgehen flößt mir großen Respect ein. Herz ist drin; Offenheit, Klarheit, tiefer, fester Wille — der Blick auf Großes und Helfendes gerichtet. Es geht mir Ihnen und dem Zionismus gegenüber, wie es Ihnen mir und der Friedensbewegung gegenüber geht: Achtung und Zweifel, „(loci speed you" sagt man dem Boote — aber mitfahren kann man nicht, darf man nicht, weil auf beiden Seiten unsere Ruderei den ganzen Menschen braucht. Ich müßte mich in die Sache vertiefen, um zu wagen, was drüber zu sagen. Durch das Aussprcchen der aus mangelndem Verständniß ausgesprochenen Zweifel kann man ja auch schaden — jedenfalls nützt nur das Wahre, das Competente. Und ich weiß wirklich nicht, ob Assimilation nicht besser wäre, als eine neue Staats- und Nationalitätsgründung. Ich wollte ja, daß alle vernünftigen Menschen fich dem höheren Typus „Europäer", „Culturmensch" asfimilirten, der jetzt im Werden begriffen ist und der über die nationalen, religiösen, socialen Eigendünkeleien und Fanatismen hinaus ist. Zu diesem neuen Typus geben Ihre Stammesgenossen gar viele werthvolle Contingente her — wäre es nicht schade, diese in ein Extrabett zu leiten? — Sie sehen, auch in diesem nicht dem Druck bestimmten Briefe gebe ich mich Ihnen gegenüber ganz unnützen Zweifelbemerkungen hin und schon darum wollte ich fie nicht hinausposaunen, weil ich mir sage, daß ich ja ganz Unrecht haben kann und daß im gegenwärtigen Stadium der Weltlage und der Menschenentwicklung vielleicht gerade Ihr Plan der segensreichere wäre. Bertha v. Suttner. Rabbi Samuel Mohilewer wurde im Jahre 1824 in Hluboka, einem Städtchen im Wilnaer Kreise geboren. Seine Familie zählte zu den angesehensten in der Umgebung. Als achtzehnjähriger Jüngling erhielt er von mehreren rabbinischen Autoritäten die Ordination zum Rabbiner und im Alter von 24 Jahren trat er das Amt eines Rabbiners in seinem Geburtsorte an, welches er bis 1856 bekleidete. Bis 1860 war er Rabbiner in Szaki, worauf er nach Suwalk berufen wurde. Hier machte er sich um die Gemeinde in solchem Maße verdient, daß chn die Regierung durch eine Medaille auszeichnete. 3*868 wurde er nach Radom berufen. Im Jahre 1873 betheiligte er sich an der Versammlung der jüdischen Gemeindevertreter und Rabbiner in St. Petersburg. Seine zionistische Thätigkeit begann R. Samuel Mohilewer im Jahre 1875, als man anläßlich des 90. Geburtstages Montefiores anfing, für die Colonifirung Palästina's zu arbeiten, und seither hängt der ehrwürdige Rabbi der Colonisationsidee mit Leib und Seele an. Nach den blutigen Verfolgungen des Jahres 1881 begleitete er die jüdischen Emigranten aus Rußland bis nach Lemberg, wo er unter anderen Persönlichkeiten aus dem Westen mit den Herren Montag» und Oliphant bekannt wurde und dieselben für die Colonisation Palästinas günstig zu stimmen suchte. Auf der Rückreise nach Rußland hielt er in Warschau eine Versammlung ab, woraus dort im Jahre 1882 der erste zionistische Verein entstand. In demselben Jahre begab er sich nach dem Westen Europas um Anhänger für die Colonisation Palästinas zu gewinnen. In Deutschland richtete er diesmal nichts aus, dagegen gelang es chm in Paris mit Hilfe des R. Zadoc Kahn und M. Erlanger's den Baron Rothschild für die Idee zu gewinnen. Von diesem wurde er mit dem Ausfindigmachen von tüchtigen arbeitsfähigen Leuten betraut. Er fand eine Anzahl solcher Leute und diese bilden die Colonie „Ekron". Nach Rußland zurückgekehrt, bereiste er dort alle größeren Städte und warb zahlreiche Freunde für die Colonisation. Seit 1883 ist er Rabbiner in Bialystok und von da aus entwickelt er als Zionist eine hervorragende Thätigkeit. Auf dem ersten Zionistencongresse in Kattowitz 1885 war R. Samuel Mohilewer eine der leitenden Persönlichkeiten. Ein Jahr später begab er sich wiederum nach dem Westen, hielt sich in Deutschland auf, besuchte Paris und London und entwickelte überall eine großartige, diesmal von mehr Erfolg gekrönte Propaganda für den Colonisationsgedanken. Als im Jahre 1887 in der Colonie „Rischon l'Zion", in Folge von Unzufriedenheit der Cvlonisten mit der Verwaltung, Wirren entstanden, trat Mohilewer als Friedensstifter auf, und seiner Vermittlung zufolge wurde Herr Simmel aus Berlin nach der Colonie entsendet, der die Ordnung wieder herstellte. Es kam das Jahr 1889, als Sabbat- oder Brachjahr, welches bei Einstellung der Arbeit die Cvlonisten empfindlich hätte schädigen können, da brach ein heißer Federkampf unter den Rabbinern Palästinas und Rußlands aus, ob das Sabbatjahr nach biblischer Vorschrift einzuhalten sei. R. Samuel Mohilewer hatte nun Gelegenheit, seine edle, von höchster Liebe zum jüdischen Arbeitervolkc getragene Gesinnung zu bethätigen und trat mit aller Entschiedenheit gegen die Brachhaltung dieses Jahres auf. Da sich ihm mehrere bedeutende Rabbiner anschlossen, gelang es ihm, die Cvlonisten vor dem drohenden Unglück zu bewahren. Im Sommer 1890 zog Mohilewer an der Spitze einer kleinen,

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