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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
Massenelend in Galizien
Date
1897-06-18
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3. Seite 5. „Finden sich nicht auch Fälle eines Widerstandes gegen solche Dienstleistungen unter den Juden?" „O ja! Sehen Sie, gegen mich agitirte kein einziger Jude, Biele stimmten sogar sür mich. Es kam auch zu mir ein armer Jude aus Skalat, um mich aus eigener Initiative aus den Druck aufmerksam zu machen, der dort auf die Juden ausgeübt wurde, damit sie gegen mich seien." „Welchem Umstande schreiben Sie diese wohlwollende Haltung der Juden zu?" „Zum Theile einer judenfreundlichen Candidatenrede, die ich nach de« antisemitischen Reden mehrerer bäuerlicher Vorredner gehalten hatte. Die Juden waren mir dafür dankbar." „Sind denn Ihre Wähler Antisemiten?" „Es gibt keinen ruthenischen Bauer, der nicht Antisemit wäre. Es ist kein Rassenhaß, es ist kein Brodneid, es ist eine gesellschaftliche Verachtung. Aber kein ruthenischer Bauer wird irgend ein Geschäft machen, ohne den Juden zu fragen und ohne seinem Rathe zu folgen." „Glauben Sie nicht nach allen Ihren Ausführungen, daß lediglich der Zionismus diesen jüdischen Massen Heil und Erlösung bringen kann?" „Es gibt keine andere Partei als die Socialdemokratie, die diese Leute politisch reif machen könnte." „Kann sie fie aber auch wirthschaftlich erlösen?" „Da die Juden kein industrielles Proletariat bilden, so ist die heutige Propaganda der Socialdemokratie für fie ungenügend und unverständlich. Das Streben der Socialdemokratie müßte daher, falls sie auf diese Masse reflectirt, auf eine Erweiterung ihres Programms gerichtet sein oder es müßte eine politische Partei entstehen, die die sociale Idee in eine der nationalen Eigenart und den wirthschaftlichen Verhältnissen dieser Massen angepaßte Form brächte." „Das sind die Zionisten." „Für den Zionismus fühle ich sehr warm, wenn ich auch an die Realisirbarkeit der Idee nicht glaube. Der Zionismus bringt jedenfalls in diese schlaffen Massen Leben und Selbstbewußtsein. Die zionistische Agitation als politische Propaganda halte ich für berechtigt, denn selbst die höchsten Ideen können einem Volke nicht anders als in einer seiner Individualität adäquaten Form zugeführt worden. Und da hier angefichts des großen Zieles das Uebrige nur als Mittel zum Zwecke in Betracht kommt, so kann ich es Ihnen nur aufs wärmste empfehlen, durch Herausgabe einer gesunden populären Literatur im Jargon und nicht im Polnischen oder Ruthenischen Ihre Bestrebungen in die Massen zu tragen." „Das geschieht ohnedies." Wir waren zu Ende. Als mir Dr. Jarosiewicz die Hand zum Abschied reichte, hatte ich das angenehme Bewußtsein, nicht mit einem unserer banalen Philosemiten, sondern mit einem Manne gesprochen zu haben, der, weil er sein eigenes Volk glühend und bis zur Aufopferung liebt, auch unser Weh mitzufühlen und unsere Ideale zu würdigen vermag. Dr. S. R. Landau. Der Congreß. In der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", die „ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse" zu sein vorgibt, protestiren die Rabbiner Maybaum von Berlin und Vogelstein von Stettin in einer recht lärmenden Weise gegen den Zionismus. „Wir verwahren uns dagegen," schreiben sie, „daß die Einberufer, hinter denen keine einzige jüdische Gemeinde steht, im Namen der Judenheit das Wort führen, und wir sind überzeugt, daß kein Rabbiner oder Vorsteher einer deutschen Gemeinde auf dem Congreß erscheinen und daß in solcher Weise vor aller Welt dargethan werden wird, daß die deutsche Judenheit mit den Tendenzen der Zionisten nichts gemein hat." — Wir bescheinigen den Herren Maybaum und Vogelstein bereitwMg, daß fie mit uns nichts zu thun haben. Wir sprechen nicht in ihrem Namen und bitten sie ergebenst, auch nicht in unserem zu sprechen. Was Dr. Max Nordau in der vorigen Nummer dieses Blattes gegen einen Rabbiner geschrieben hat, gilt gegen alle „Seelsorger" dieser Kategorie. Daß es eine Vermessenheit ist, zu behaupten, alle Rabbiner seien der Maybaum-Vogelsteinschen Ansicht, ergibt sich aus den uns zugekommenen Kundgebungen vieler ehrwürdiger Rabbiner, die von herzlicher ernster Sorge um das geistige und leibliche Wohl unserer schwer bedruckten Stammesgenoffen erfüllt sind. Schon hat fich bei uns einer der angesehensten deutschen Rabbiner zum Worte gegen die Maybaum-Vogelstein'sche Aeußerung gemeldet. Zum Schluß der imposanten Erklärung „Gegen den Zionismus" wird gesagt, auch der Grandrabbin von Frankreich habe fich entschieden gegen diese neue Bewegung ausgesprochen. Das ist nicht wahr. * * Aus derselben Gegend des Judenthums wurde eine spöttische Notiz über die „Wiederaufrichtung des Königreichs Israel" in die Blätter lancirt. Auf solche Weise versucht man es, unsere ernste Bewegung lächerlich zu machen. Natürlich hat der Gassenjungenhohn fich diese hübsche Gelegenheit nicht entgehen lassen, um den Juden einige Kleinigkeiten von der Straße nachzuwerfen. Das soll uns nicht verdrießen und wird uns in der Arbeit nicht beirren. * * * Unsere Congreßeinberufung hat schon jetzt eine Einigung bisher getrennt gewesener Juden hervorgebracht. In Berlin ziehen Asfimilanten und „Philanthropen" an einem Strang. Die „Jüdische Presse" des Herrn Dr. Hildesheimer läßt sich schon wieder aus New-Iork etwas über die „maßgebenden Kreise" schreiben. Wir verweisen unsere Leser auf den heutigen Brief unseres New-Iorker Correspondenten Michael Singer. Die Wahrheit ist, daß der Congreß in der öffentlichen Meinung Amerikas lebhaft erörtert wird. Nichtjüdische Blätter bringen spaltenlange Artikel über den Zionismus und behandeln ihn mit Ernst und Sympathie. Wenn sich einzelne philanthropische Gesellschaften zurückhaltend oder gar ablehnend verhalten, so kann uns das kalt lassen. Wir wollten ja nicht schnorren. * -i- -t- In München wird gegen die Abhaltung des Congresses in dieser Stadt agitirt. Wir verstehen noch immer nicht, warum? Uns ist der Versammlungsort vollkommen gleichgiltig. Die liebenswürdige, gastfreundliche Stadt München wurde gewählt, weil sie ein Knotenpunkt der neuen großen Völkerstraßen ist. Es kann auch eine andere Stadt sein. Am Münchener Congreß ist nicht München die Hauptsache, sondern der Congreß. Wir glauben, daß es dereinst keine unrühmliche Erinnerung für die Stadt, in der wir tagen, sein wird, daß unser Congreß dort abgehalten wurde. Christen über die Judenfrage. Ministerpräsident Stourdza über den Zionismus. Der „New-Iorker Herald" (Pariser Ausgabe) vom 12. d. M. veröffentlicht ein höchst interessantes Interview seines Special-Correspondenten mit dem rumänischen Ministerpräsidenten Demeter Stourdza. Dasselbe behandelt zuerst die Stellung Rumäniens zur Türkei während ihres Krieges mit Griechenland und gelangt dann zur Judenfcage. Die eingehende Kenntniß der türkischen Einrichtungen und Verhältnisse, die fich Stourdza als rumänischer Gesandter in Constantinopel erworben hat, sind geeignet, seine Anschauungen über den Zionismus besonders werthvoll zu machen. Der Interviewer fragte: „Was denken Eure Excellenz über die jetzt so allgemein besprochene Idee einer jüdischen Colonisation Palästinas unter der Souveräniiät des Sultans und als Compensatio« für eine finanzielle Sanirung der Türkei? Halten Sie es sür vortheilhaft, den Juden Schutz zu gewähren, ohne daß die souveränen Rechte des Sultans dadurch gefährdet werden?" „Jawohl. Ich glaube, daß der Sultan diese Idee unterstützen könnte, denn die türkijcheu Gesetze sind sehr elastisch.

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