Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Article
- Zionismus in England und Amerika
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4. MHNll." Nr. 3 stets neue Anhänger. Lassen Sie mich hinzufügen, daß, wenn auch die Majorität orthodox und die Minorität zur Freidenkerei hinneigt, alle mit einander in guten Beziehungen stehen und die Religion ganz außer Discuission bleibt. Noch zwei Thatsachen mögen hier angeführt werden. Die „Bnei Zion" veranstalteten unlängst ein großes Meeting in der City, bei dem Father Ignatius als Hauptredner austrat. Ganz London war erstaunt über die zionistische Begeisterung dieses Christen. Neulich sprach er wieder im Wefiende. Nun zum Congreß! Die Frage wurde bei uns lange untersucht. Wir waren erfreut über die kühne Anzeige. Es werden auch Delegirte hinkommen, die sich um die verwandten philantropischen Gesellschaften bei dieser Gelegenheit nicht weiter kümmern. Der «Zweck ist ja ein Politischer. Es werden auch einige große Versammlungen abgehalten werden, die Vorbereitungen find bereits getroffen und wir warten nur auf den richtigen Augenblick. Und Amerika! Seit dem Jahre 1890 befinden sich mehrere zionistische Vereine in den Städten des breiten Adlers. Adolf Rosenberg begab sich auch vor drei Jahren im Namen der New-Iorker Zionisten nach Palästina. Aber es herrschte noch ein Chaos. Erst im September 1896 begann eine lebhaftere Polemik in der amerikanischen jüdischen Presse, die mit Briefen bestürmt wurde. Und mit der Anzeige des Kongresses begann auch ein wirklicher Fortschritt. Denn da wurden wieder die Briefschreibcr mit Anfragen überhäuft, von Savannah bis Washington. „Wollen Sie uns diesen Congreß erklären." So kam die Sache in's Rollen. Eine der ersten, die dem Congreß zustimmt und auch gewiß, wenn es ihre Gesundheit erlaubt, hinkommen wird, ist Rosa Sonnenschein, die Herausgeberin der „American Jeweß", und Führerin in der Nationalversammlung der jüdischen Frauen, einer großen, wenn auch noch nicht ganz in unserem Sinne nationalen Versammlung. Dr. Pereira Mendes, der populärste Rabbi von Netv- Mrk, ein Führer der orthodoxen und sephardischen Gemeinde, hat sich der Sache angenommen und hat auch in einem glänzenden Artikel im „North American Review" ausgeführt, daß, erst wenn Palästina den Juden übergeben wird, in der ganzen Welt Frieden herrschen würde. Auch Ferdinand Lewy, ein gewesener Richter und eine der einflußreichsten Persönlichkeiten in New-Iork, dann Männer wie Rabbi Kopfstein, Rabbi Drachmann und Mr. Michael Singer, der Herausgeber der „Toleranz", haben sich der zionistischen Bewegung angeschlossen. Massenelend in Galizien. Eine Unterredung mit dem Reichsrathsabgeordneten Dr. Jarosiewicz. Dr. Roman Jarosiewicz ist ein radicaler Ruthene. So nennt sich im Gegensatz zu den Regierungs- und den National- Ruthenen die Partei, die er allein im Reichsrath repräsentirt. Ihr Programm ist national-socialistisch; es verlangt nicht Sprachenverordnungen, nicht ruthenische Gerichte oder Gymnasien, sondern eine Socialreform. Darum wurzelt sie auch am tiefsten im rnthenischen Volke, dessen Mehrheit aus Kleinhäuslern und Zwergbauern besteht. Dr. Jarosiewicz ist Stadtarzt in Borszczöw. Er kennt Land und Leute in der ganzen Ebene von Podolien: die Christen und die Juden. Sein Beruf bringt sie ihm menschlich nahe. Er sieht sie nicht blos wie sie leben und streben und arbeiten, er sieht sie auch, wenn sie der Hungertyphus aufs Todtenbett niederstreckt: die Christen und die Juden. Dr. Jarosiewicz hat es mitangesehen und er kann viel davon erzählen. Ob das wirklich wahr sei? Ob nicht Herr Hunger und Frau Sorge die Juden meiden? Ich wollte mir bei ihm die Antwort holen. Wenn er das Elend gesehen hat, muß er es auch mitempfuuden haben. Er wird es auch beschreiben können. Dr. Jarosiewicz ging auf meine Bitte willig ein. Wenn er nicht gerade jetzt eine größere Reise unternehmen müßte, schriebe er selbst einen Artikel für die „Welt". Er begann auf meine Fragen zu antworten. Zuerst deutsch, dann polnisch. Glaubte er mir etwas Unerwartetes zu sagen, so richtete er sich auf und lachte verschmitzt. „Kann man." fragte ich, „von einem jüdischen Massenelend in Galizien sprechen?" Er antwortete: „Die Lage der Juden in Galizien wird mit jedem Tage ärger, trostloser. Die einst reich waren, werden arm und die Armen nagen am Hungertuch. Denn auch das Land, die Bauern und die Großgrundbesitzer verarmen und werden mit jedem Tage ärmer. Von wem soll da der Jude leben? Durch die wiederholten Krisen auf dem Getreidemarkte und die furchtbare Depression der Getreidepreise find die zahlreichen jüdischen Getreidehändler um ihren Erwerb gekommen. Ich kenne Juden, die jährlich einen Umsatz von Hunderttausenden machten und die jetzt um ihre Existenz kämpfen. Das Geschäft hat förmlich aufgehört. In Folge der billigen Getreidepreise ist auch die zahlreiche Classe von großen und kleinen Maklern erwerbslos. Der „Herr", der ohne seinen Juden nicht einkaufte und nichts verkaufte, muß wegen des schlechten Geschäftsganges seine Ausgaben auf das Minimum einschränken. Braucht er eine Anleihe, so geht er lieber zur Bank. Geht ein Gut in jüdische Hände über, so ist's noch ärger, denn ein Jude läßt den anderen nicht von sich leben. Der Bauer trinkt nicht mehr, er kauft in der Stadt nichts ein, weil er nichts mehr hat. Die Hotels und die „Restaurants", wo früher der Landadel und die goldene Jugend, die Schänken, wo das „Volk" schmauste, find jetzt leer und der Jude sitzt nur auf der Thürschwelle mit der Pfeife im Mund, schaut zum Himmel hinauf und seufzt und wartet bis „Gott wird helfen." „Und was ist's mit den Kaufleuten und Handwerkern?" „Diese richtet wieder das moderne Berkehrsleben zu Grunde. Früher besorgte sich selbst die Frau Fürstin oder Gräfin ihren Toilettenbedarf an Ort und Stelle beim Juden. Die zahlreichen jüdischen Handwerker, vorzügliche Arbeiter auf ihrem Gebiete, hatten die Hände voll zu thun, um alle Bestellungen der städtischen Intelligenz und des Adelshofes auszuführen. Seitdem jedoch Ostgalizien von einem Eisenbahnnetz umspannt ist, werden alle Einkäufe in Lemberg oder in den Kreisstädten besorgt; selbst die kleinste Beamtcnfrau fährt nach Lemberg, um dort ihren Bedarf zu decken. Deshalb find auch die Schneider aus Borszczüw zumeist nach Amerika ausgewandert; große Modegeschäfte mußten sich auflösen. Durch die in Podolien errichteten Bahnen ist noch eine andere sehr zahlreiche Classe jüdischer Geschäftsleute brotlos geworden: die Fuhrleute. Sie wissen ja, daß fich dieses Gewerbe in Ostgalizien zumeist in jüdischen Händen befindet. Es sind ehrliche, brave Leute. Bei Nacht und Nebel vertraue ich mich ihnen an. Beim Bauer wäre es gefährlich. Was sollen diese Leute jetzt beginnen? So ist denn überall Noth, Elend, Hunger. In den meisten Fällen muß ich, wenn man mich zu jüdischen Patienten ruft, eine und dieselbe „Arznei" verschreiben: Essen. Die Antwort darauf ist eine stumme Geberde. Sie sagt Alles." „Wie ließe fich diesem Massenelend abhelfen?" „Diesen Leuten kann an Ort und Stelle in keiner Weise geholfen werden. Es sei denn, daß man im Lande neue Einkommensquellen schaffte." „Finden Sie es nicht begreiflich, daß die jüdischen Proletarier in dieser ihrer traurigen Lage mit der Regierung Zusammengehen müssen?" „Die Benützung der Juden durch die Regierung zu gewissen Diensten bei den Wahlen ist ein Unglück für das Land, für die christliche Bevölkerung, die Regierung und die Juden selbst. Die meisten Gesetze, wie z. B. über die Sonntagsruhe, Feuerpolizei u. dgl. find in Galizien undurchführbar, denn sie sind nur für die cultivirten westlichen Länder geschaffen. Damit ist auch eine Verlockung zur Gesetzesübertretung gegeben. Die wird von den Behörden bei den Juden nicht geahndet, damit man diese in Händen habe. So werden die Juden demoralisirt, der Hang zur Gesetzesübertretung, der doch Niemandem angeboren ist, wird in ihnen großgezogen. Darunter leidet dann das ganze Land. Die Juden kämpfen bei den Wahlen um ihre Existenz. Gewöhnlich wenden fich die Behörden wegen Unterstützung ihres Candidaten an die wohlhabenden Juden. Diese geben dann die Wahlparole an den Heerbann hungriger Proletarier, die von ihnen und bei ihnen leben."