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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-06-18
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3. JPk$WdC Seite 3. die kann die Arbeiterbewegung über ein gewisses Maß hinaus wohl kaum vertragen. Ist der Socialismus am Ende gar schon mit Juden gesättigt? Wurde das Maß unversehens voll während des lebhaften Zuflusses, den der antisemitische Druck verursachte? Fast will es so scheinen, wenn man den Bericht vom socialdemokratischen Parteitag liest. Nun wollen die Herren — sagen wir, um sie nicht zu verletzen: die Genoffen — nur um Alles in der Welt keine Judenschutztruppe sein, und man möge sie doch lieber nicht daran erinnern, daß es Juden in der Welt gebe. Ja, sind denn die Herren Genossen mit solcher Blindheit geschlagen, daß sie die unvermeidliche Folge des jähen Eintritts so vieler Juden in ihre Bewegung nicht sehen? Wem werden sie es auf die Dauer einredeu, daß sie keine Juden seien? Nicht einmal ihren armen Genoffen, die keine Herren sind, ja denen am wenigsten. Sie müssen sich doch vor dem einfachen Worte fürchten, das auf ihre wachsende Zahl und unverhältnißmäßige Macht in der Partei hinweist. Es ist etwas Tragisches darin, denn manche haben ihren guten Willen und ihre beste Kraft, ihr Leben daran gesetzt. Das socialistische Ideal ist sicherlich ein hohes, und wenn wir es auch für unerreichbar halten, so glauben wir doch, daß auf dem Wege dahin den Menschen Gutes widerfahren wird. Und die wahren Socialisten achten wir, auch wenn wir mit ihnen nicht übereinstimmen; achten sie besonders, wenn sie sich der Bewegung in den bösen Zeiten des Anfangs angeschlossen haben. Aber die neuesten Pseudosocialisten, die rothgeschmiukten Juden, flößen uns wenig Sympathie ein. Der Socialismus wird sie ausscheiden, aus Selbsterhaltungstrieb, daran ist kein Zweifel. Und da es Juden sind, wird die Absonderung eine antisemitische sein. Die rothen Juden werden dann zu extremen Parteien übergehen müssen. Der jetzige verspießbürgerte Socialismus ist ohnehin nicht mehr revolutionär. Die Juden sind aber, ob sie wollen oder nicht, ein flottantes Umsturzmaterial, so lange die Judenftage nicht in der von uns vorgeschlagenen Weise gelöst ist. * * * Die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und Griechenland schleppen sich langsam vorwärts. Damit hat es ja auch keine besondere Eile, die erfteuliche Thatsache ist, daß die Metzeleien ein Ende haben. Im Frieden führten die Griechen gegen die Türkei Krieg. Jetzt, im erklärten Zustande des Krieges halten die Türken Frieden. Selbst die Feinde des Sultans müssen zugeben, daß er als Sieger viel Großmuth an den Tag legt. Selten wurde ein so vollständiger Sieg so maßvoll ausgenützt. Es ist begreiflich, daß diese gelasiene Art überall für die Türkei freundliche Stimmung macht. Sehr bezeichnend hiefür sind die Aeußerungen des rumänischen Ministerpräsidenten Stourzda im Gespräch mit dem Vertreter des „New-Jork Herald", die wir an anderer Stelle wiedergeben. Allmälig drängt sich jedem ernsten Staatsmanne die Ueberzeugung auf, daß die europäische Diplomatie lange Zeit Lasse route machte. Der „kranke Mann" zeigt eine erstaunliche Vitalität, und das wahre Problem im Orient ist nicht die Theilung der Türkei, sondern die Sanirung der Zustände. Eine gesunde starke Türkei dient der Erhaltung des allgemeinen Friedens. So kann der eben vorübergerauschte Krieg eine Krise mit günstigem Ausgang für alle Theile bedeuten. -i- -k- -I- Die Deutschen und die Czechen liegen einander noch immer in den Haaren. Alle Politiker suchen nach einem Versöhnungsmittel. Ein Wiener antisemitisches Blatt ist bereits auf einer vielversprechenden Fährte. Das betreffende Blatt schreibt: „Im Stillen bildet sich eine Brücke zwischen Deutschen und Czechen, deren Tragfähigkeit nicht zu verachten ist: es ist dies das Anwachsen des Antisemitismus innerhalb des czechischen Volkes. Wie viele Berichte aus Böhmen lehren, bilden sich dort immer mehr czechisch-antisemitische Vereine, es gedeihen die czechisch-antisemitischen Zeitungen u. s. w. Da das Gleiche auch bei der deutschen Bevölkerung Böhmens der Fall ist, naht doch vielleicht die Zeit, da die Völker Oesterreichs sich geeint wenden gegen den gemeinsamen Feind aus dem Osten." Zionismus in England und Amerika. Von I. de Haas. London, im Juni 1897. Das Erscheinen der „Welt" begrüße ich mit Freuden. Nicht blos wegen des Einfluffes, den sie auf unsere Volks- Massen ausüben wird, sondern auch als Beweis der Lebensfähigkeit unserer Bewegung in Oesterreich. Und da dieses Blatt vielleicht in unserer Geschichte eine neue Aera einleiten wird, so will ich auch mit dem Anfänge der Ereignisse beginnen. Die zionistische Bewegung in England entstand am Jubiläumstage des Jahres 1887, als sich drei „Männer, S. B. Rubinstein, Isidore S. Donn und E. Jsh-Kishor, in einem kleinen Raume East-Ends zu versammeln pflegten, um jüdische Angelegenheiten zu discutiren. Die „Bnei Zion" führten anfangs ein sehr bescheidenes Dasein. Doch allmälig gewannen sie einen Einfluß auf die Massen, die» wenn auch durch die Roth abgestumpft, für Ideale empfänglich waren und unter dem Eindrücke der neusten Verfolgung aufgerüttelt wurden. Die Bewegung wuchs, nach drei Jahren hatte das Kind sogar schon die Fähigkeit, gehörig zu schreien. Meetings wurden abgehalten und in ihnen führten echte Engländer vom Westende den Vorsitz. Sie waren gekommen, um zu spotten, und blieben da, als sie sahen, daß ein altes Gefühl die Hoffnung dieser Massen bilde. Auch Chics-Rabbi Dr. Adler kam oft hin, denn auch er war im heiligen Lande gewesen und wurde davon bezaubert, wie seine Predigten beweisen. Da gab es kein Programm, sondern eine Sehnsucht nach Palästina, einen Wunsch dieses Exil zu beenden. Wir hatten zwei Broschüren, die „Autoemancipation" und die „Regeneration" — wir hatten die Prophezeiungen. Keiner nannte Zion ein Symbol! Ich muß vieles übergehen. Oberst Goldsmid fand die Bewegung vor; er organifirte sie bloS militärisch. Dann kam ein großer Wurf! Die größte Halle von London war an einem Samstag Abends vollgepfropft mit Tausenden unserer begeisterten Volksgenossen. Sir Samuel Montagu und Reverend S. Singer führten den Vorsitz. Es handelte sich um eine Petition an den Sultan, für die Lord Rothschild den Lord Salisbury interesfiren sollte. Sie sollen einmal von mir ausführlich erfahren, was aus dieser Petition wurde und was man damals dazu sagte. — Die „English Chovevi Zion" war nun etablirt mit Ortsgruppen in allen englischen Provinzen. Den nächsten großen Schritt bildete die Organisation des Central-Comitss in Paris. Oberst Goldsmid ging nach Argentinien zum Baron Hirsch und man sagte sich damals: „Wir beginnen mit A (Argentinien) und werden mit Z (Zion) enden und in „zwanzig Jahren". Damals fand der Ankauf von Grund und Bodeu in Palästina durch Baron Rothschild, die Begründung der Colonie Kastinie und der Ankauf der Colonie Ben Jehuda durch die englischen Zionisten statt. Aber bald begann die Bewegung wieder einzuschlafen. Im letzten April (1896) hauchte ihr der Plan Dr. Herzl's frisches Leben ein. Die „Bnei Zion" luden den christlichen Maler Holman Hunt zu sich ein, daß er ihnen seine Pläne enthülle. Allmälig wurde die Schwerfälligkeit besiegt und jede Bewegung war wie ein Stein, der im Wasser immer weitere Kreise zieht. Die Ankunft Dr. Herzl's in London ließ unseren Puls höher schlagen und eiferte uns zu einer größeren Action an. Das Meeting, das ihm zu Ehren im Jewish Workmens-Club an einem Hochsommer-Nachmittag gegeben wurde und den großen Enthusiasmus der dabei entstand, wird kein Theilnehmer vergessen; das war ein Erfolg, den vielleicht auch die späteren Meetings erreichen, aber nie übertreffen können. Die cs veranstaltet haben, können am besten seinen Umfang ermessen — es war die größte jüdische Versammlung unserer Zeit in London. Seitdem sind wir tüchtig an der Arbeit. Biele Versammlungen wurden abgehalten, in denen es Jedermann erlaubt ist zu sprechen, wir verfechten unseren Standpunkt und gewinnen

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