Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Article
- Schodnica
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315713-3377327--00175-3377407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. Nr. 3. denselben äußerst lau war. Gerüchtweise verlautet, daß die Inhaber der Firma „Perkins und Makintosh", insbesondere Herr Charles Perkins, ein Engländer, mit den Excessen in einem gewissen Zusammenhänge wären. Jedenfalls haben sich die Arbeiter dieser Firma in hervorragender Weise an dem traurigen Werk betheiligt. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß bei der Judenmetzelei in Sloboda rungovska nach den Reichsrathswahlen des Jahres 1891 sich ebenfalls die Arbeiter dieser Firma, die nun zu großem Theil in Schodnica bebeschäftigt sind, ausgezeichnet haben. Die traurigen Ereignisse haben auch keinen ökonomischen Hintergrund, da von wirthschastlicher Abhängigkeit oder gar Ausbeutung überhaupt keine Rede sein konnte. Nach gewissenhafter Untersuchung bin ich zur Ueberzeugung gelangt, daß die Unruhen nur ein Ausfluß des Judenhasses waren, daß sie begünstigt und ermuntert wurden durch den Mangel jedweder behördlicher Autorität. Die Ereignisse vom Montag hatten ein kleines Vorspiel schon am Donnerstag den 27. Mai 1897. Einige angeheiterte Arbeiter riefen einem vorübergehenden, ortsfremden jüdischen Bettler mit den Worten herbei: „Erlauben Sie, mein Herr, auf ein Wort, mein Herr." Als der Mann ihren Rufen folgend sich ihnen näherte und sie nach ihrem Begehre» fragte, verhöhnten ihn die Arbeiter: „Wir riefen nach einem Herrn, Du bist aber gar kein Herr, Du Jude, Lump, Zigeuner", worauf es Hiebe regnete. Erfreut über diese Heldenthat mißhandelten die Masuren an demselben Tag noch einen greisen Bettler, ferner den He rsch Freuden heim aus Boryslaw und Mordche Hoffman» aus Kropiwnik. Hierauf wurden einige Verhaftungen vorgenommen, was die Excedenten derart in Harnisch brachte, daß sie laute Drohungen ausstießen und Juden-Krawalle für den nächsten Feiertag versprachen. Und sie hielten ihr Wort getreulich. In' Schodnica war es für Niemanden ein Geheimniß, daß die Unruhen auSbrechen müßten. Die Arbeiter drohten laut und machten umständliche Vorbereitungen; die Behörden wußten darum und sandten zum Schutze des bedrohten Eigenthums und Lebens zwei Gendarmen, die Herren Kurzer« aus Kropiwnik und Gottwald aus Truskawec. Zwei Gendarmen gegenüber 5000 rauflustig gestimmten Masuren! So trat denn das Erwartete Montag am 7. I. M. ei«. Da es Feiertag war, waren alle Läden gesperrt, ein großer Theil der Juden weilte bei ihren Familien in Boryslaw und Drohobycz. Die Unruhen begannen in der Schenke des Jojne Oher. Zwei Brüder Kukulski suchten mit ihm anzubinden. Die genannten Gendarmen suchten die Ordnung ausrecht zu erhalten, wurden jedoch in ihrer persönlichen Sicherheit bedroht und von der johlenden Menge, die inzwischen auf 600 Köpfe angewachsen war, in einen Graben hinabgedrängt. Dem Gebote der Nothwehr gehorchend durchbohrte Kuczera den rabiatesten Mazuren Stanislaw Kukulski, der nach einer Stunde verschied. Während die Gendarmen den Schwerverwundeten und zwei Verhaftete nach dem Gemeindeamte transportirten, überfielen die Masuren die schutzlosen Juden und begannen das Vernichtungswerk. So wurde zunächst die Schenke des Jojne Oher demolirt, die Tische und Möbel zertrümmert, Oher selbst entrann dem unzweifelhaften Tode durch Flucht. Hierauf raste die Menge weiter. Das Häuschen des Motel Geier wurde förmlich belagert, mit Steinwürfen bombardirt und schließlich wurde der Versuch gemacht, dasselbe anzuzünden. Es war naß, dadurch mißlang der Versuch. Die Brandstifter begnügten sich nun mit Mißhandlungen des Motel Geier. Hierauf verheerte die Menge die Behausung des Wolf Glattstein, verwundete ihn am Kopfe ziemlich schwer, und schlug sein sechsmonatliches Kind todt. Die Bestie hatte Blut geleckt und wie wahnsinnig stürzte sie sich auf das Häuschen des armen Schenkers Jakob Schulim Wilf, wo sich Scenen ereigneten, die jeder Beschreibung spotten. Zunächst ward Alles, was in den ärmlichen Localitäten sich befand, zertrümmert und zerstört. Hierauf forderte die Horde ihr armes Opfer auf, den Tribut zu bezahlen und entriß dem Wilf sein ganzes Baarvermögen — 90 Gulden. Dann begann eine regelrechte Schlächterei. Jakob S. Wilf wurde solange mit Keulen bearbeitet, bis er mit zerbrochener Hand, bluttriefend, ohnmächtig zusammensank. Die kleinen Kinder wurden ebenfalls nicht geschont. Die Frau, die sich durch Flucht retten wollte, wurde nach einer wilden Jagd eingeholt, in einen Graben voll Unrath geworfen, und man versuchte ihr noch andere Gewalt anzuthun. Die Verfolger rasten weiter. Die Juden flüchteten sich auf die Dachböden, in die Keller und in die nahen Wälder. Ihr Hab und Gut lag frei für die räuberische Bande. So wurde die ganze Wohnung Jsaak Backenroth's förmlich ausgeplündert; was sich nicht forttragen ließ, wurde zertrümmert. Der Uhrmacher- Laden des Samuel Mandel, der in Drohobycz weilte, wurde erbrochen, der ganze Waarenvorrath an Uhren im Werthe von über 300 Gulden gestohlen. Dasselbe Schicksal ereilte die Handlung des Salomon König. Bei einigen jüdischen Kaufleuten, deren Schuldner die Masuren waren, wurden die Handlungsbücher gestohlen und vernichtet. Nur einige wenige Juden, die in christlichen Häusern wohnten, wurden übersehen und verschont. Die Gendarmen thaten, was in ihrer Macht war — das muß man ihnen lassen! Nachdem das Zerstörungswerk vollbracht war, zitterten die Juden noch immer für ihr Leben und verließen schleunigst ihre Behausungen, anderswo Schutz suchend. An 50 Personen suchten und fanden gastliche Aufnahme bei Herrn Ludwig Grab, 12 andere bei dem Producenten Biesiadecki. Der Rest floh nach Boryslaw und Drohobycz und kehrte erst nach einigen Tagen zum Theile zurück. Ich fand 3 Tage nach den Excessen oft Gelegenheit sperrangelweit geöffnete Wohnungen zu schen, deren Bewohner ihr Hab und Gut zurück gelassen hatten und noch immer nicht zurück waren. Nachdem der Grimm der Masuren durch Verstärkung der Gendarmerie und Requirirung von 40 Soldaten aus Sambor lahmgelegt war, begann die Repression der Behörden. Der k. k. Statthaltereirath und Bezirkshauptmann Herr Switalski und der k. k. Gerichts-Adjunct Herr Twardochleb leiten energisch die Untersuchung; am Tage meiner Ankunft erfolgte bereits die Verhaftung von 72 Masuren. Weitere Verhaftungen sind in Sicht. Ich sah mir eine Anzahl der Verhafteten, die in Ketten an das k. k. Bezirksgericht in Drohobycz transportirt wurden, an; zumeist halbwüchsige 16—18 jährige Burschen — und diese brachten den Juden so viel Unglück. Die Behörden werden ihre Pflicht thun, sie werden die Schuldigen zur Verantwortung ziehen. Die Lage der Juden dürfte aber nicht verbessert werden, ihre Sicherheit ist nach wie vor bedroht. Die Producenten hielten unter Vorsitz des Statthaltereirathes Herrn Switalski eine Sitzung ab, um Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen. Sie beschlossen einen stabilen Gendarmerie-Posten zu errichten und auf eigene Kosten einen römisch-katholischen Priester für die Masuren zu bestellen. Die Woche. Wien, 17. Juni. Für die Socialdemokraten ist die Judenfrage eine Verlegenheit geworden. Es nützt ja nichts, die Thatsache einfach zu leugnen und zu sagen: es gibt keine Judenfrage, es gibt nur eine Menschenfrage. Eine „Frage" ist in dem Augenblicke da, wo die öffentliche Meinung sie erhebt, und daß dies in unserem Falle reichlich geschieht, weiß doch Jeder. Nun mußte die Judensache für die Socialisten keine solche Unannehmlichkeit sein, wenn ihre Partei sich auf eine normale Weise vergrößert hätte. Aber sie haben einen Zuwachs bekommen, der für sie kein eigentlicher Gewinn war. Die vom Liberalismus enttäuschten, von den nationalen Parteien mit Hohn abgewiesenen Juden fingen an, ihre Zuflucht bei den Socialisten zu suchen, und bei dieser Gelegenheit wurde der Socialismus verjudet. Es wimmelte plötzlich überall von Märxlein und Lasfällechen, und