Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 1 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Mein As Redaction und Administration: Mir« H, Rembrandtstraße 11. Preise -er Zeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Nr. 3. I. Jahrgang. Erscheint jeden Freitag. Wien, 18. Zuni 1897. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration Wien, II., Rembrandtstraße 11, zir richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Bezugspreise. Jür He sterr.-Ungarn: Halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Ganzjährig 6 fl. 12 Kr. Jür das Ausland: Halbjährig 4 fl. 8 Kr. Ganzjährig 8 fi. 16 Kr. Einzelne Nummern 15 kr. Schodnica. Von Dr. D- Malz. IO. Juni. Ihrem Aufträge gemäß verfügte ich mich heute nach Schodnica, um durch persönliche Untersuchung den Thatbestand der dortigen Judenschlacht festzustellen und die Motive derselben zu ergründen. Schon vor Drohobycz begegnete ich Emigranten, die aus dem Exccß ihr nacktes Leben gerettet hatten und nun ticsbekümmert zurückkehrten, um die Trümmer ihres Vermögens aufzulesen. Ich war Zeuge ergreifender Scenen. Eine 90jährige Frau, deren Enkel mit Frau und Kindern in Schodnica lebt, eilte trotz ihres Alters aus Lemberg hin, um mit eigenen Augen, die ihr schier den Dienst versagten, das Elend zu sehen. Sie war mir unendlich dankbar und küßte trotz meines Widerstrcbens, mehrmals meine Hände, als ich ihr versicherte, daß ihre Enkel und Urenkel sich nicht unter den am meisten Betroffenen befinden. Vom Bahnhose in Boryslaw fuhr ich mit einigen Juden und einem christlichen Juristen nach dem Kriegsschauplätze. Mein christlicher Begleiter, der die Masuren zu kennen vorgab, meinte, ein Jude dürfe sich ohne ausreichenden Militärschutz nicht unter die Leute wägen. Am „Dzial", einem vor Schodnica gelegenen Orte, begegnete ich den ersten Opfern masurischer Helden: zwei Kindern, einem sechsjährigen Mädchen, Esther Wils und einem dreijährigeu Knaben, Moses Wils, mit arg zerschundenen Gesichtern und verwundeten Händen. Die Kinder führte eine etwa 40jährige, taubstumme Frau, die mir durch erschütternde Zeichen von den Schrecknissen der Pfingstfeiertage erzählte und ihre Erzählung durch die blauen Striemen, mit denen ihr Gesicht bedeckt war und oen zerkratzten Hals illustrirte. Der Wagen rollte weiter. Auf dem Wege begegneten mir verschüchterte, geängstigte Menschen, Juden, denen der Masurenschreck noch in den Gliedern zitterte und am Antlitz deutlich zu lesen war; in den Wäldern blinkt von Zeit zu Zeit der Säbel der Gendarmen.... Wir sind in Schodnica — dem galizischen Califormen. Aus der Erde werden Schätze gehoben — wohl Millionen. Die Schätze gehören einigen reichen Herren; sie heißen: „Perkins und Makintosh", Zdanowicz, Acticn« gesellschaft „Schodnica", Backenroth, Gartenberg. Betriebsame Hände fördern aus den dunklen Schächten Tausende von Kubikmetern Petroleum. Die reichen Besitzer beschäftigen an 5000 Arbeiter, beinahe ausschließlich Masuren. Es geht den Leuten — wie behauptet wird, — nicht so schlecht. Wohlfahrtseinrichtungen sind eingeführt, das Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist das denkbar beste; von Slreitigkeiten oder gar Ausständen weiß Niemand etwas zu erzählen. Und doch mußte es in dieser Gegend zu argen Ausschreitungen kommen. Es wohnen in Schodnica an 50 jüdische Familien, wohl 140 Köpfe stark, die sich kümmerlich als Krämer. Fuhrleute und Handwerker ernähren. Ihre Lebenshaltung ist bedeutend niedriger, als die der ärmsten Taglöhner. Die Anwesenheit dieser armen Leute wirkt wie ein rothes Tuch auf die Masuren. Seit Jahr und Tag müssen die armen Juden die mannigfachsten Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Die Juden ertragen den Schimpf geduldig, sind sie doch einer überwältigenden, rabiaten Majorität gegenüber. „Wir find ja im Golus", meinte philosophisch mein Fuhrmann mit einem wehmülhig furchtsamen Blick nach den Wäldern auslugend. Seit Monaten kam es an Sonn- und Feiertagen zu kleinen Reibereien und Plackereien der Juden. Doch, mein Gott! wir in Galizien sind ja daran gewöhnt — es ist ja unser tägliches Brot. Die Sicherheitsbehörde ist in Schodnica gar nicht vertreten. Es klingt beinahe unglaublich und doch ist es wahr! Der bedeutendste Jndustrieort in Galizien, wo 5000 rabiate, junge Leute arbeiten, wo flottante, uncontrollirbare und unbekannte Elemente im steten Wechsel ab- und zufließen — hat keinen einzigen Gendarmen! Der nächste Gendarmerie - Posten befindet sich zwei Meilen weiter, im gottvergessenen Dörfchen Kropiwnik. So sind die Bewohner Schodniea's der Gnade der Rauflustigen ausgeliefert. Die Katastrophe brach nicht unerwartet herein. Ein Drohobyczer College erzählte mir, daß der Polizei-Jnspector dort die Juden-Krawalle vorhergesagt hat. Im August vorigen Jahres wandte sich der Gemeindevorstand in Schodnica und sämmtliche Grubenvertretungen an die k. k. Statthalierei in Lemberg mit der dringenden Bitte um Etoblirung eines Gendarmerie-Postens in Schodnica. Die Bitte wandelte unerledigt in die Registratur. Nach den besorgnißerregenden Scenen in Dawidow und Chodorow ersuchte der Direktor der Actien-Gesellschaft „Schodnica", Herr Ludwig Grab, den k. k. Statthaltereirath Herrn Mauthner um Erledigung dieser Eingabe, da wirkliche Gefahr im Verzüge sei. Auch diese Bitte und die Eingaben aller Producenten fruchteten nichts. Die Statthalterei überließ die Juden ihrem Schicksal, welches sie auch am zweiten Pfingstfeiertage, den 7. l. M , ereilte. Ich suchte vergebens nach einer concreten Ursache der traurigen Ereignisse. Die Erzählungen der polnischen Presse sind allesammt erlogene Ausgeburten antisemitischer Phantasie. Einige Verstimmung dürfte bei den letzten Reichsrathswahlen aus der fünften Curie entstanden sein, da die Liste der Arbeiter der regierungsfreundlichen unterlag; doch haben die Wahlen zu keinen Kämpfen geführt, da die Betheiligung an