Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Verschwinden und Wieaerauftauchen, — ein Kampf um den hervorragenden Platz. Und gerade in diesem Falle war der Kampf nicht fruchtlos. Durch Jahrhunderte hat sich die Familie behauptet, allmählich steigend, in stetiger Entwicklung. Eine ganze Reihe von Charaktergestalten aus verschiedenen Jahrhunderten ersteht vor uns, Salonion Gumpel oder Gumperts, der als erster einen Geleitbrief für die Familie Gomperz vom Brandenburger Hof erhielt, mit dem diese Familie in der Folgezeit so eng liiert %ein sollte. „Unndt Wir Wolffgang Wilhelm, Pfaltz Graff bey Reyhn, in Beyern, zu Gülich, Cleve unnd Berg Hertzog", hieß es im Schutzbrief, „Thun kundt vür Unnß, unsere Churunndt Fürstliche Principalen unndt füegen hirmit zu wißen, daß unnß Vorweiser Salomon Jud supplicierend unterthenig angefügt, JtVaß gestalt er sambt Weib kindern unnd gesinde unter Weyl. beyder in Gott ruhender Vatter unnd Sohneß, Hertzogen zu Gülich, Cleve unnd Berg Christmilden verliehenen geleidt Schutz unnd Schirm in der Statt Emrich sein Haußliche Niedersaß unnd Wohnung etzliche Jahren hero gehabt, unnd unterthenig gebehten, Wir wolten solch glaidt Schutz unnd Schirm gnedichlichen von neuen. confirmiren, continuiren .... So haben wir solcher bitte gnediglichen statt geben ..." Dann folgt der bedeutende Bankier, der Geschäftsmann großen Stils, Elias Gompertz in Cleve, „Elias Gumperts Jode", wie er zu unterzeichnen pflegte, der in engen geschäftlichenßeziehungen mit derholländischen -Regierung und dem Großen Kurfürsten stand. Er spielte die Rolle eines damaligen Rothschild. „Seine Wohnung", berichtet „Glückel von Hameln", „gleicht der Wohnung' eines Königs, in allen Manieren wohl möbliert als eines Herrschers Palast." Und in diesem Hause empfing Elias oft die Fürstlichkeiten des Landes. ... Gewissermaßen den Gipfel der Bedeutung und des Einflusses erreichte die Familie Cleve; im Sohne Elias Cleves — Rüben. Er ist eine dramatisch-interessante Erscheinung. Ein rastloses Leben, voll Glanz und Streben, unter den Anfeindungen und Widerwärtigkeiten niedersinkend und sich immer wieder erhebend. Eine Herrennatur, die über" das traditionell Geschäftsmäßige hinauswollte, die im verzweifelten Kampf gegen die Schranken des Ghettolebens und des verzopften Staatslebens anrannte. Eine besonders dramatische Episode seines Lebens ist seine auf Betreiben des Kardinals Kollonitsch in Wien erfolgte Verhaftung unter der Anklage, den aufsehenerregenden Mordanschlag auf den hochangesehenen Samson Wertheimer verursachtzu haben. Es war eine wahnwitzige Anklage, aber sie genügte bei den damaligen Rechtsverhältnissen, um den vielbeneideten und befeindeten Mann, der mit kolossaler Energie sich den Weg ins Leben zu bahnen verstand, monatelang in Haft zu behalten. Ja, das Merkwürdige an der Geschichte ist die geheime Intrige, die von den Wiener Jesuiten gesponnen wurde. Rüben Gompertz sollte nach Wien ausgeliefert werden, wogegen der Kaiser zum Entgelt den Schwiebuser Kreis, der damals ein Gegenstand des Streites zwischen Wien und Berlin war, an Brandenburg, abtreten sollte. Aus den Verhandlungen ist jedoch nichts geworden, und Rüben wurde schließlich befreit. So wird Geschichte gemacht. . . . Das fernere Schicksal Rubens gleicht fast auf ein "Haar dem des „Jud Süss". Zuerst Oberrezeptor von Cleve, — also hoher Finanzbeamter» Finanzratgeber des Kurfürsten von Brandenburg, kühn in seinen Unternehmungen, waghalsig in seinen Plänen, hat er sich zum zweitenmal den "Hals gebrochen, — und diesmal errettete ihn der Tod vor dem vollen Zusammenbruch. ... In vielen Hinsichten ist auch die Figur des Aron Emmerich Gompertz interessant. Ein echter „Aufklärer- Typus mit der ganzen Naivität und Biederkeit des deutschen achtzehnten Jahrhunderts, so ein guter, braver Perückenmensch. Die Verfasser der genannten Monographie sprechen in überschwenglichen -Worten von Aron, dem Freunde und Lehrer Mendelssohns. Und wenn sie sagen: „Nicht Moses Mendelssohn, sondern Aron Gumpertz kommt das Verdienst (der Wiederversöhnung der Kultur mit dem Judentum) zu," so ist dies eine arge Übertreibung und ein Verkennen des Wesens der aufklärerischen Tätigkeit. Aron Gompertz war schließlich nicht mehr als ein braver, gutmeinender Mann, eine weiche, rezeptive Natur, der weder lehren noch wirken konnte.--- Er war vielleicht der letzte aus der Familie Gompertz, der eine gewisse Rolle im Judentum gespielt hat. Geistesheroen hat die Familie nicht hervorgebracht. Aber wir schickten ja voraus: Nicht nur die Genealogie der führenden Geister ist von Wichtigkeit. Wir brauchen vor allem „Dokumente des jüdischen Lebens". Und als solche sind uns die Monographien von dieser Art von Wert. Erst auf Grund der kleinen, an sich unscheinbaren Einzeltatsachen wird man eine Psychogenese — und das ist im letzten Grunde die Geschichte — des jüdischen Volkes schreiben können. . . A. Cor. Abraham Goldfaden Ein Essay Des Schnitters Sichel kreist schonungslos — und auch der wurde weggemäht. Kaum ein alter Mann — und in seinem Elend so heiter, so niedlich, gefällig, so naiv-kindlich, ein Frühlingsgeist! Ich begegnete ihm in Paris, im neuen Ghetto hinter dem Hotel de Ville, wo sich die jüdische Einwandererarmut bang zusammendrängt. Zuweilen sah ich ihn bei Zadoc Cahn, beim letzten seines Geschlechts, beim Thoraduftumzitterten, dessen Herz noch für jüdische Art glühte und der wie ein sterbender Aar noch zur Sonne strebte. Dem Rabbi klang noch mancher Goldfadensche Ton wie ein Laut aus den süßen Auen seiner jüdischen Kindheit, und der ehrenlegionsbestirnte Würdenträger des „israelitischen Kultus" lauschte dem herumirrenden Dichter einer fernen jüdischen Gasse. Ich sah ihn auch in London, im grauen Whitechapel. Düster und kalt — die rohen Winde schwellten den leichten, altmodischen Havelock, und es sah aus, als ob er segelte. Ja, er segelte, wie ein Schiffswrack im großen Diaspora-Ozean, wo es ringsumher wallet und siedet und braust. Ein Dichter fremder Zonen und versunkener Welten irrte er wie ein Gespenst umher. Zuweilen horchte er auf; rauscht nicht sein Lied, klagt nicht sein Wehruf, ist es nicht sein Seufzerlaut, der noch jetzt die jüdische Masse durchzittert? Oder ist es ein grimmiges Abendlied, das dem Herbst seines Lebens den Hohn der Nachahmung entgegenschleudert? Nein, die heitere Muse ließ die