Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 2 (11.6.1897)
- Article
- Uriel Acosta
- Date
- 1897-06-11
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 16. jto$m Nr. 2. Uriel Acosta Erzählung von I. Zangwill. Erster Thcil. Gabriel da Costa. (1. Fortsetzung.) „Gewissermaßen," antwortete er. „Zu viel Fleisch erzeugt Grillen und Unpäßlichkeiten im Bluter Darum hat die heilige Kirche die Fasten angeordnet. Sie ist uns Aerzten nicht fremd. Adeos!" Und er trabte, dem jungen Reiter ein Lebewohl zuwinkcnd, auf seinem Maulthier davon. Aber als Gabriel, den Markt umkreisend, die steilen Straßen hinanritt, ward er von der unklaren Ahnung eines Geheimnisses beunruhigt und wiederholte später am Tage das Gespräch einem Mönche des Collegiums. ni. Eine Woche später hörte er in der Stadt, daß Dom Diego de Balthasar von der Inquisition wegen Judaisirens verhaftet worden sei. Die Nachricht jagte ihm einen noch ganz anderen Schauer ein, als jenes Grauen über die verrätherische Beharrlichkeit der verfluchten Ketzerei, das sich im Herzen seiner Mitbürger regte. Er erinnerte sich jetzt, daß es vierunddreißig Spuren gab, auf denen die Bluthunde des heiligen Officiums die heimlichen Juden aufspürten, und daß einer der Anklagepunkte lautete: „Wenn sie das Passahfest durch das Essen von bitteren Kräutern und Lattich feiern." Aber an Stelle des Schauers, den der Gedanke an die Juden ihm einst erregt hatte, trat zu seiner eigenen Ueberraschung ein heimliches Mitgefühl. In seinem langsam gereiften, von selbst entwickelten Skepticismus hatte er vergessen, daß eine ganze Rasse von allem Anfang an sich abwehrend Verhalten und um jeden Preis den Eckstein des christlichen Schemas verworfen hatte. Diese Rasse — es fiel ihm plötzlich ein, während sein Herz aufklopfte und sein Blut seltsam prickelte — diese Rasse war einst seine eigene gewesen! Diese Kenntniß, die gleich der verbannten Erinnerung an eine alte Schmach im Hintergründe seines Bewußtseins gelauert hatte, sprang jetzt stark und zuversichtlich empor. Die fernen, schattenhaften Gestalten seiner niedrig geborenen Ahnen, die in den Tagen vor der großen Austreibung in den alten Synagogen gebetet hatten, schüttelten die Nebel eines Jahrhunderts ab und traten fast heldenhaft und anklagend hervor. Dann erinnerte er sich an die Theuerung der bitteren Kräuter auf dem Marktplätze am heutigen Tage, der, wie er jetzt begriff, der Vorabend des Passahfestes war, und plötzlich stieg ihm die Ahnung einer großen, geheimen Verbrüdcrnng der Synagogen auf, die sich unter all' dem äußerlichen Leben der Kirche und des Staates verzweigte — die Ahnung von einer mit Judaismus durchsetzten Gesellschaft, die hartnäckig und ewig trotz Verfolgung und Austreibung Weiterbestand. Und zwar bestand sie nicht in vereinzelten Individuen, wie sie die Inquisition aufspürte, sondern in unentwurzelbaren Gemeinwesen. Der unvorsichtige Arzt hatte ihn fälschlich für ein Mitglied der Bruderschaft Israels gehalten und darum die Scherze gewagt, die ihm jetzt verständlich waren. „Guter Gott!" dachte da Costa und es ward ihm Angst, als er sich an das Antodaft erinnerte, das er in seiner Knabenzeit zu Lissabon gesehen halte, als de la Asunyao, der jüdische Franziscanermönch, mit dem Sanbenito bekleidet, in Gegenwart des Königs und der Königin, des Hofes und des Pöbels feierlich verbrannt wurde. „Guter Gott, war es am Ende die Geschichte, die ich Fra Jose erzählt habe, die zu Dom Diegos Verhaftung geführt hat? Aber nein, das wäre sicherlich ein zu geringer und aus jeden Fall zweideutiger Beweis." Er schob den schmerzlichen Argwohn beiseite und schloß sich eilends in sein Studierzimmer ein, indem er seinen kleinen, schwarzen Sclaven mit einer Entschuldigung zu seiner Mutter und seinem Bruder hinabsandte. In dem schönen Hause auf dem Hügel, das Gabriel's Großvater erbaut und mit seinem Getäfel aus vielfarbigem, brasilianischem Holze geschmückt hatte, war dieses Studierzimmer, das durch seine Lage am Ende der edlen Treppe abgeschlossen war, nicht das wenigst schöne Gemach. Fußboden und Wände bestanden aus bunten Fliesen, die gewölbte Decke war mit polirten Holzrippen belegt, so daß sie dem ausgehöhlten Innern einer halben Orange glich, kostbare Vorhänge dämpften das Geräusch der äußeren Welt und große Fensterläden schlossen, wenn es nothwendig war, die grelle Sonne aus. Nur die Strahlen der Vernunft konnten nicht ausgeschlossen werden; und in dieser friedlichen Höhle hatte der junge Katholik seine bittersten Stunden kennen gelernt. Hier warf er sich jetzt fieberisch auf das Studium des alten Testamentes, das er ebenso vernachläßigt hatte, wie es die Kirche that. , „Dieses Buch wenigstens muß wahr sein," dachte er stürmisch, „denn dieses Testament verehren beide Religionen, die sich über das spätere streiten." Er hatte einen lateinischen Text vor sich und wandte sich zuerst dem 53. Capitel Jesaias zu; er las es kritisch durch und es schien ihm, daß alle diese prophetischen Stellen, die er auf Treu und Glauben als Weissagungen eines Erlösers hingenommen hatte, auch ganz andere und verständlichere Dinge bedeuten konnten. Bis lange nach Mitternacht las er in den Propheten, mit gerötheten Wangen und funkelnden Augen, wie einer der von jungem Wein trunken ist: „Was für erhabene Wahrheiten, welch' ein Streben nach Frieden und Recht, was für Posaunenstöße um Gerechtigkeit!" Er erschauerte bei dem Rufe des Propheten Amos: „Thue nur weg von mir das Geplärr Deiner Lieder; denn ich mag Dein Psalterspiel nicht hören, Es soll aber das Recht geoffenbart werden wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom." Oder bei der Frage des Propheten Micha: „Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir fordert, nämlich: Gott Wort halten und Liebe üben und demüthig sein vor Deinem Gotte", Ja, Gerechtigkeit, Erbarmen und Demuth — nicht Paternosters und Pönitcnz! Er war zu Thränen gerührt, er ward zu den Sternen emporgetragen. Und dann wandte er sich dem Pentateuch und den Gesetzen Moses' zu, den zärtlichen Geboten gegen die Armen, die Fremden und die Thiere. „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Du sollst mir sein ein heilig Volk". Warum hatten seine Ahnen sich von diesem großen Volke abgelöst, dessen Glaube gleichzeitig so erhaben und so einfach war? Eine unbestimmte Kenntnis von der namenlosen Tragödie der großen Austreibung, als jene steifnackigen Ketzer der Wahl zwischen Vertreibung oder Bekehrung gegenübergestellt wurden, war bis zu ihm herabgedrungen; aber jetzt durchsuchte er seine Bücherbretter vergeblich nach irgend einer Chronik aus jenen Tagen Torquemada's. Die heimischen Geschichtsschreiber enthielten wenig, aber dieses Wenige erfüllt seine Phantasie mit furchtbaren Bildern jenes zweiten Exodus — Hungersnoth, Pest, Raub, Mord, Jungfrauenschändung. Und all' dies wegen des hartnäckigen Ehrgeizes eines portugiesischen Königs, um Spanien durch eine Heirat mit einer spanischen Prinzessin zu regieren — ein Ehrgeiz, den die Ironie der Geschichte ebenso hartnäckig vereitelte. Nein, für seine Ahnen, die zurückgeblieben und sich an die Kirche geklammert hatten, gab es eine Entschuldigung. „Hatten diese Marannos oder Neuchristen echte Bekehrte sein können?" fragte er sich. Nun, welche auch die Gefühle seiner Urgroßeltern gewesen sein mochten, der Glaube seines Vaters war feurig genug gewesen; daran konnte er nicht zweifeln. Nein, die heimliche Verschwörung hatte das Haus da Costa nicht umfaßt, und fast mochte ec annehmen, daß auch seine früheren Vorfahren nicht Heuchler gewesen waren; denn so viel er wußte, waren sie schon vor der Austreibung zur Kirche übergetreten. Auf jeden Fall war er froh, keine Beweise für die Betrügereien seiner Ahnen zu haben. Gott sei Dank, kein da Costa war ein Feigling gewesen und er — er war auch kein Feigling, sagte er sich. (Fortsetzung folgt.) Das Arlreitsprogramm des Münchener Congresses wird in einer der nächsten Rnmmern unseres Blattes veröffentlicht werden. Die Redaction. Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redacteur Dr. S. R. Landau — Druck der „Gesellschaft für graphische Industrie."