Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 2 (11.6.1897)
- Article
- New-York
- Date
- 1897-06-11
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2. Seite 13. zur möglichen Durchführung der angeregten Idee nach allen Seiten hin ventiiirt. Es wird eine große Organisation geschaffen werden, welche sich über die Vereinigten Staaten erstreckt, und nun, da sich auch die aus den hervorragendsten Vertretern der New-Iorker Judenhcit bestehende portugiesische Gemeinde mit dem im allgemeinen Ansehen stehenden Rabbiner Mendcs der Bewegung anschließt und alle maßgebenden Kreise für dieselbe zu gewinnen verspricht, scheint der Erfolg gesichert zu sein. Ein vereintes Vorgehen der Judcnheit wird die Judcnheit selbst in den Augen Aller heben und uns zweifellos sogar die moralische Unterstützung Andersgläubiger sichern. Zeitschriften Rundschau. In ber letzten Nummer des „Zion" findet sich eine ganz interessante kritische Arbeit von Dr. David Farbstein: „Zur Beleuchtung der Judenfrage." Der Verfasser kritisirt zuerst die bisherige Geschichtsschreibung unserer Gelehrten. Er meint: „Eine Geschichte des jüdischen Volkes, d. h. eine in dem Sinne, wie sie ein moderner Historiker versteht, haben wir nicht." Unsere Historiker wären „in erster Linie Theologen, Philologen, Bibliographen. Ihr ganzes historisches Wissen war ein Product ihrer theologischrabbinischen Stellung. Wie komisch, ja wie kleinbürgerlich muß uns sogar ein Mann wie Graetz Vorkommen, wenn wir seinen Abschnitt über den Chassidismus lesen". Der Verfasser will in einer Geschichtsschreibung auch die wirthschaftlichen Momente berücksichtigt wissen. Er will nicht blos eine Geschichte der jüdischen Kirche, sondern auch eine Geschichte des jüdischen Volkes. Die Wirthschaftsgeschichte des Judenthums sei besonders für beit Zionismus. „Eine geschichtsphilosophische Begründung des Zionismus darf nicht auf Worten, sondern soll auf Thatsachen, auf Zahlen beruhen. Der Zionismus wird dann lebensfähig sein, wenn er eine nothwendige Folge unserer gesammten Geschichtsentwickelung, speziell unserer wirthschaftlichen Geschichtsentwickelung sein wird". Die Judenfrage ist nach ihm eine specifisch-jndische sociale (?) Frage. Zum Schlüsse gibt der Verfasser die sehr bemerkenswertste Anregung, einen Verein für jüdische Socialpolitik zu gründen, der uns genau über die sociale Lage der Inden aufklären und der den Stoff für eine jüdische Socialuissenschaft herbeischaffen soll. Nach dem „Laach Erez-Jsraol", von A. M. Luncz für das Jahr 56o7, der schätzungsweise Zahlen giebt, hat I eru s a lein 45.420 Einwohner, wovon 28.112 Juden sind. Davon sind 15.074 Aschkenasim, 7.900 Sephardim, 2.420 Moghrebiner, 670 Grusiner. 530 Bucharenser, 1.288 Jemeniten, 230 Persianer. — Jaffa hat 17.713 Einwohner, worunter 3.970 Juden, und zwar 1.260 Sephardim und 1.760 Aschkenasim sind, ferner 11.630 Muhamedaner und 3.113 Christen. Im „Berliner Tagblatt" erinnert ein „ehemaliger hoher Justizbeamter und alter Burschenschafter" an den Beschluß, der vom allgemeinen Delegirtenconvent in der Pfingstsitzung der Burschenschaft zu Eisenach im Vorjahre gefaßt wurde: „Der allgemeine Delegirtenconvent stellt fest, daß die activen Burschenschaften zur Zeit, ebenso wie in den letztvergangenen Semestern, jüdische Mitglieder nicht haben. Im Hinblick auf diese Thatsache gibt der allgemeine Delegirtenconvent der Erwartung Ausdruck, daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studirender einmüthig zusammen halten werden. Eine Aufnahme diesbezüglicher Bestimmungen in die allgemeinen Delegirtenconventsatzungen ist daher nicht erforderlich." Daran knüpft der alte Burschafter unter anderem folgeude Betrachtung: „Die Sache ist von großer Bedeutung, weil die Grundsätze, die der junge Mann, wenn er als sein eigener Herr in's Leben getreten ist, sich für seine Lebensführung zur Richtschnur nimmt und in sich befestigt, meistens nicht wieder auszutilgen sind, und nur Ansnahmsnaürren sie wieder aufzugeben vermögen." Nette Perspective! Tausende von Studenten, die mit obigen, unvertilgbaren Grundsätzen als Beamte, Richter, Lehrer zc. ins Leben hinausgetreten und nach diesen sauberen Principien ihr Thun und Lassen einrichten. Das kann ja recht gemächlich werden. Da lohnt cs sich doch auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Vereinsnachrichten. Einzelvcrein „Wien" des Verbandes Zion (II., Rembrandtstraße Nr. 11). Dienstag, 1. Juni, hielt Rabbiner Dr. Reich im Vereine „Zion" einen Vortrag, worin er die Nothwendigkeit und Berechtigung des Zionismus insbesondere vom theologischen Standpunkte aus darlegte. Die geistreichen Ausführungen des Referenten fanden bei der zahlreich versammelten Zuhörerschaft großen Beifall. Ieuil'l'eton. Lord Beaconsfield Von Leon Kellner. (Schluß.) Das einst vielgelesene und vielgerühmte Prosa-Epos „David Alroy" ist im Wollen das letzte Wort des Zionismus, der Zeit wie der Ausführung nach das Unreifste, was Disraeli jemals in Bezug auf Juden und Judenthum geschrieben hat. Der Roman hat alle Fehler einer Jugendarbeit — die Aeußerlichkeit, die Uebertreibung, das Ueberwuchern der überlieferten literarischen Maschinerie über den lebendigen Geist; die Schwäche des Werkes liegt aber in erster Reihe darin, daß es in kühnem Fluge den Gipfel erreichen will, während man dieses Ziel nur Schritt für Schritt durch schwere Mühe und Arbeit erreicht. Alroy wird im Handumdrehen durch persönliche Tapferkeit und einige übernatürliche kabbalistische Zulhaten der Beherrscher eines selbstständigen jüdischen Reiches — das geht viel zu schnell, daher wird diese ganze Herrlichkeit wie ein Kartenhaus vom ersten Windstoß umgeblasen. Alroy war für sein Ziel so wenig vorbereitet wie Disraeli für seinen Roman — „David Alroy" wurde um zwanzig Jahre zu früh geschrieben. Wir wissen auch ganz gut, was die Frucht in unreifem Zustand vom Baume geschüttelt hat, In den Jahren 1828—1831 bereiste Disraeli die Urheimat seiner Väter; er sah Juda und Jerusalem; er sah die verwaisten Kinder Zions auf den Trümmern des Tempels klagen; er sah, wie der Sohn der Magd sich breit machte in dem Lande, das die Juden hundertfach mit ihrem Blute gedüngt haben — das weckte den alten Schmerz der Kindheit, da der hochbegabte Knabe in der Schule von Dummköpfen und Feiglingen wegen seiner Abstammung verhöhnt und gemieden wurde (Vivian Grey), und es drängte den Dichter, dem Traume von der Heilung des Leides wenigstens in Worten Wirklichkeit zu geben. „Mein Herz ist voller Sorge, meine Seele finster vor Kummer. Wer bin ich? Was ist dies Alles! Eine Wolke hängt über meinem Leben. Ich weiß nicht, was ich fühle — doch was ich fühle, ist Wahnsinn. Ein solches Dasein ist nicht Leben, wenn das Leben das ist, was ich manchmal im Traume sehe und zu denken wage, es könnte so sein. Athmen, essen, schlafen, erwachen und wieder athmen, wieder das Dasein fühlen ohne Hoffnung — wenn das Leben ist, warum diese brütenden Gedanken, die mir zuflüstern, der Tod wäre besser! . . . . O Gott, wenn Deine Verheißung, an die wir uns klammern, kein Wahn ist, o so lass' ihn konunen, schnell kommen, denn Dein Knecht Israel ist ein so schmachbedeckter Sclave, so elend, so verachtet, daß selbst damals, als unsere Vorfahren ihre Harfen an die Weiden hingen an den traurigen Wassern Babels, dies ein Paradies war im Vergleiche zu dem, was wir jetzt leiden!" Dieser Schmerzensschrei Alroy's, der so alt ist wie die Zerstreuung, war Disraeli in jungen Jahren mehr als einmal aus tiefster Brust gekommen; aber gleich Alroy, ungleich allen seinen Glaubensgenossen, halte er in seinem Stolze die Erfüllung dessen geträumt, was die Anderen alle als leere Formet mit so vielen anderen leeren Formeln tagtäglich, dreimal täglich gedankenlos wiederholten. Wie der Traum in Erfüllung gehen sollte? Darüber hatte sich der früh Geraufte, früh in die Gesellschaft Eingesührte keine Gedanken gemacht. Als ihm nun in Jerusalem das alte Leid wieder in den Weg kam, und die Heilung, ein neues Zion für die Kinder Zions, ihm lebendig vor Augen trat, entstand die Dichtung „David Alroy". Der Held sammelt ein Heer, das nicht gerade zum größten Theile aus Juden besteht, und macht sich zum Herrn von Bagdad. Statt aber diesen Erfolg auszunützen und auf das eigentliche Ziel loszugehen, die Wiedereroberung des heiligen Landes, wird ihm die üppige Stadt zum Capua, wo er in den Armen einer mohammedanischen Prinzessin die alte Verheißung, die Wünsche des Volkes und dessen Zukunft vergißt. Seine verrathenen Glaubensgenossen kehren sich gegen den falschen Messias,