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Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
London [Nachricht]
Date
1897-06-11
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12. Nr. 2. liefern, durch die das Land ehemals berühmt war. Darin ist leine Uebertreibung, es ist nur die Bestätigung dessen, was von Beobachtern gesagt worden, die dem Lande Jahre der Erforschung zugewendet haben. Jerusalem, das am meisten verleumdete, ist noch eine wunderschöne Stadt, eine Stadt des Ostens ohne Zweifel und von Uebeln hcimgesucht wie andere orientalische Städte, d. h. von mangelhafter oder schlechter innerer Verwaltung. Aber dennoch ist es ein großer und überwältigender Anblick, wenn es von außen angeschaut wird — wie ja Constantinopel selbst, die Hauptstadt des Reiches angesehen werden muß — wenn man es vom Oelbcrge oder vom Berge des Aergernisses aus betrachtet. Der Palästinaforscher Dr. Bliß zeigte uns die Reliquien eines alten Jerusalem, das sich soweit über die Hügel erstreckte, als die gegenwärtige Stadt mit ihren 60.000 Einwohnern. Aber wir sahen auch ein neues Jerusalem, das außerhalb der Stadtmauer erstanden ist, eine große Vorstadt, die sich eine volle Meile nach Westen hin dehnt und beinahe ausschließlich von Juden bewohnt ist. Und diese Juden haben sich da Häuser gebaut nach der neuesten europäischen Art. Diese vorstädtischen Wohnhäuser würden sich nicht einmal in unseren großstädtischen Bezirken von Kilburn und Norwood schlecht ausnehmen und sie enthalten genug, was auch den prosaischsten und materialistischsten Menschen befriedigen könnte, indeß andere durch die Poesie und die Erinnerung an die alten Stätten über die mehr oberflächlichen Mängel hinwegkommen mögen. Das Volk, jedenfalls unser Volk, flehte uns in den Städten an, nicht um Geld, sondern um Arbeit oder Unterricht, man möge sie in Ackerbau- oder Gewerbeschulen schicken oder im Handwerk beschäftigen, sie seien bereit, überall hinzugehen und alles zu leisten, wenn sie nur Arbeit und Lebensmittel bekommen könnten. In den ländlichen Gegenden bildeten sie die einzigen Zeichen des Fortschrittes mit ihrer wunderbaren Anpassung an das natürliche Leben. Sie jagen über die Hügel auf ihren wilden Pferden oder patrouilliren auf ihren Feldern mit dem Gewehr auf dem Rücken, die Patrontasche um den Leib. Sie entwickeln die Gewohnheiten der Unabhängigkeit in sich und gehen sogar bis zur summarischen Bestrafung der Gaudiebe und vor allem wächst ihr Stolz im Gebrauche der hebräischen Muttersprache, die jetzt schon von den kleinen Kindern als eine lebende Sprache gesprochen wird. Wir sahen einige von den Colonien und gewahrten, welche Wunder da geschehen sind, nicht nur unter dem Volke, sondern auch an dem Lande selbst. Wie ein reizendes Dorf, das aus den Vogesen oder Ardennen herüberverpflanzt scheint, aus dem Sande sich erhoben hat, und das ist Rischon lezion im Süden. Ein anderes sprang aus dem Felsen, und das ist Rosch pina im Norden, mit seinen Tausenden von Acres von Maulbeerbäumen und goldenen Saaten. Und wie an einem dritten Orte die Sümpfe von Merom in einen wirklichen Blumengarten verwandelt wurden, das ist Jyssod Hamale, wo die Parfumfabrikation auf eine Stufe gebracht worden ist, welche diese Parfüms des Orients bald in einen ernsten Wettbewerb mit denen von Italien und Frankreich bringen wird." Nachdem Herbert Bentwich in dieser Weise dem in Palästina empfangenen günstigen Eindruck schwungvollen Ausdruck gegeben hatte, kam er auf das künftig zu Leistende zu sprechen. Er und seine Reisegenossen haben die feste Ueberzeugung gewonnen, daß die Hoffnung des Landes und unserer schon jetzt dort befindlichen Volkstheile auf der Entwicklung des Colonisationswerkes aufgebaut ist. „Namentlich wir Engländer", sagte er, „haben eine besondere Verantwortung in dieser Frage, denn es ist ja für Niemand ein Geheimniß, daß hier ein sehr großer Geldfond zur Verfügung steht, welcher für Zwecke der jüdischen Colonisation in Palästina zu verwenden ist, und ich wünsche lebhaft, daß die englischen Verwalter dieses auch zur Ueberzeugung gelangen mögen, zu welcher die amerikanischen und die anderen Vertreter bereits gelangt find, welche ungeheueren Ressourcen hier für die Besiedler des Landes eröffnet werden können, die mit offenen Armen uns zurufen: Helfet uns darin, daß wir befreit werden von der Schande, die wir nicht weniger fühlen als ihr selbst, daß wir von den milden Spenden unserer Glaubensbrüder aus anderen Ländern leben müssen. Einiges englisches Capital ist dazu nothwendig und zugleich vielleicht auch die Einführung englischer Verwaltungsmclhodcn. Lasset diese Mittel vorstreckcn und wir werden sehen wie aus diesen Wüsten ein Paradies wird und diese Wildniß gleich dem Garten des Herrn." Nach Mr. Herbert Bentwich sprach Mr. Israel Zangwill, der auch an der Expedition theilgenommen und am ersten Ostertage in Jerusalem eine Vorlesung gehalten hatte. Zangwill's Tischrede war launig gehalten, aber auch seine scherzenden Worte enthielten die beste Zuversicht auf das Wiedererstehen und neue Aufblühen von Palästina und Jerusalem. London, 5. Juni. (Orig.-Corr.) Aus Anlaß des am 22. d. M. stattfindenden 60jährigen Regierungs-Jubiläums der Königin Victoria haben die zwei hervorragendsten jüdischen Körperschaften, die „Anglo-Jewist Association“ und der „Board of Deputies“, beschlossen, im Namen der englischen Judenschaft der Königin eine Adresse zu überreichen. Die Adresse beginnt mit dem Spruch; „Eine weise Frau, wer kann sie finden!" und hat folgenden Wortlaut: „Allergnädigste Herrscherin! Wir, das Londoner „Comitee of Deputies“, als Repräsentanten zahlreicher jüdischer Vereine Großbritanniens, und wir, der Vorstand der „Anglo-Jewist Association“, wagen es, unter» thänigst und ehrerbietigst Eurer Majestät zu nahen, um unsere loyalen und herzlichen Glückwünsche aus Anlaß des sechzigjährigen Regierungs-Jubiläums Euer Majestät zu den Stufen des Thrones niederzulegen. Ehrfurchtsvoll richten wir unsere Dankgebetc zu Gott, daß er Eurer Majestät gestattet hat, während einer in der Geschichte der Nation unvergleichlich dastehenden Reihe von Jahren dieses Reich zu beherrschen. Freudig bewegt aus diesem einzig dastehenden Anlasse, erinnern sich die Bekenner jüdischen Glaubens wie die übrigen Unterthancn Eurer Majestät aber auch, daß sie Eurer Majestät zu tiefstem Danke verpflichtet sind. Während des glorreichen Regimes Eurer Majestät sind alle Schranken gefallen, unter denen sie früher gelitten haben; alle britischen Staatsbürgerrechte sind ihnen voll zuerkannt worden und sie stehen gleichberechtigt neben ihren Mitbürgern. Als an einen glücklichen Erfolg der Emancipation gedenken wir dankbaren Herzens, daß es vielen unserer Glaubensgenossen vergönnt war, im Parlament, im Barreau, in der Justiz und in anderen öffentlichen Stellungen erfolgreich Eurer Majestät und dem Lande zu dienen." Die Adresse schließt mit dem Wunsche, daß der Allmächtige der Königin Kraft und Gesundheit verleihen und daß ihre Herrschaft noch recht lange dauern möge. Auf den jüdischen Ursprung deutet auch der prachtvolle, kostbare Einband hin Er ist geschnitzt aus palästinensischem Olivcnhol,; an allen vier Ecken find goldene Palmenblätter und das Wappen Davids reich mit Diamanten besetzt angebracht. In der Mitte glänzt das Wappen der Königin in Gold und Email, während die Buchstaben V R aus Diamanten zusammengesetzt sind. Das Ganze ruht in einer blauen, mit weißer Seide gefütterten Cassette. Das Jubiläum der Königin ist auch für die englischen Juden ein Fest. Denn ihr reiner und wahrer Patriotismus läßt sich ganz gut mit dem Zionismus vereinbaren und nur einigen beschränkten Köpfen auf dem Continent ist es Vorbehalten geblieben, den ersteren gegen den letzteren auszuspielen. Amerika. New-Nork. („Toleranz".) Mit. aufrichtigem Vergnügen berichten wir, daß Dr. P. Mendes, der gelehrte Rabbiner der portugiesischen Gemeinde, schon Anlaß genommen hat, die Idee einer Wiedererrichtung des Judenstaates in seine Predigt einzuflechten. Der ebenso gelehrte, wie humane Rabbiner dieser hervorragenden jüdischen Gemeinde hat die Idee vollkommen erfaßt und ist willens, sich derselben anzuschließen. Er. wird die Frage in erster Reihe der berufensten Körperschaft, der Rabbinerconferenz, vorlegen und dann mittels eines bereits ausgearbeiteten Aufrufes die repräsentativen New-Iorker Juden zu einer Vorberathung einladen. In einer Unterredung des Herrn Dr. Mendes mit Herrn Michael Singer wurde die Frage durchberathen und der Plan

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