Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
Eine seltene Auszeichnung [Nachricht]
Date
1897-06-11
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315712--00137-3377081
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2. Seile 11. Oberbürgermeister in Brüssel, Bul's, beschieden, welcher ihm mittheilte, daß er auf den nächsten Samstag zum König befohlen >ei, um seine Auszeichnung in Empfang zu nehmen. Herr Buls gab dem wakeren Manne oie Versicherung, daß er der erste Ausländer sei, der sich dieser hohen Auszeichnung zu rühmen habe. Noch sei erwähnt, daß die königliche freiwillige Rettungsgeselljchast zu Ehren des Herrn Simons ein Fest veranstalten wird. Correspondenzen. Oesterrcich-Nngarn. Wie». (Orig.-Corr.) Man weiß, daß die sechs jüdischen Mitglieder des Polencluds die Interpellationen des Abgeordneten Dr. Straucher sowohl über Chodorow als auch über die Präterirung jüdischer Rechtspraktikanten nicht unterschreiben wollten. Sie haben sich damit in den Augen ihrer jüdischen Wähler und aller Juden gerichtet. Nun ist das Parlament geschlossen, die Herren sollen nach Hause. Aber ste schämen stch. Sie wollen daher wenigstens den Schein erwecken, als ob sie etwas gelhan hätten. Sie antichambriren also. Was ste im Parlament offen als Recht verlangen konnten und sollten, das gehen sie jetzt als Gnade in den Vorzimmern der Mmister erbetteln. Dann geben sie es in die Blätter, daß sie der und jener Minister wohlwollend empfangen und die Erfüllung ihrer Bitte in Aussicht gestellt hat, und fahren ruhig nach Hause. Wie wär's, wen« sre auch ständig dort blieben? Podgorze, 4. Juni. (Orig.-Corr.) Die Wahlen in der fünften Curie haben dieser Tage vor dem Landesgerichte in Krakau ihr Nachspiel gehabt. Es zeigte sich dabei, in welch' couragirter Weise selbst die reichen Juden für den Socialdemokraten Daszynski «gitirt haben. Angeklagt waren der Eisenbahn - Conducleur Michael Eichner und der 19jährige Samuel Pinkas Zucker, der Sohn eines reichen und angesehenen hiesigen jüdischen Bürgers, wegen Vergehens der Wahlfälschung. Zucker erschien nämlich am 9. März vor der Wahlcommisfton, um den Stimmzettel des abwesenden Eichner für Daszynski abzugeben. Der anwesende Bezirkshauplmann Graf Slarzenskl gab schon damals Proben der Rancune, die die Juden wegen ihrer politischen Stellungnahme von ihm zu erwarten hatten, indem er den Zucker persönlich in den Arrest abführte und dort trotz des Mangels aller Voraussetzungen für die Verhängung der Untersuchungshaft zur Bestürzung der gesammten hiesigen Judenschast zwei Wochen festhalten ließ. Dean sie insgesammt sollte nach den Intentionen des Bezirkshauptmanns dadurch getroffen werden. Bei der Verhandlung berief sich Eichner auf seine Abwesenheit und leugnete jede Mitschuld. Er wurde daher befreit. Der kleine Zucker jedoch zu vierzehn Tagen strengen Arrests verurtheilt. Vielleicht wird er dort über die Worte Daszynski's Nachdenken: „Die Juden und Graf Badeni sind eine Hand." Ganz. (Orig.-Corr.) Unsere Stadt ist ganz antisemitisch. Die Bevölkerung ist gesellschaftlich in zwei Lager getrennt: Hie Juden! Hie Arier! Der Gememderath hat eine antisemitische Majorität und von Zeit zu Zeit wird „Wiener Gemeinderath" gespielt. Es hat sich hier ein antisemitisches Zeitungspflanzchen angesiedelt, das seinen zarten Dust über die ganze Umgebung verbreitet. Sein Programm: 1. Hepp, hepp, 2. Hepp, hepp, 3. Heils — und alle arischen Herzen fliegen ihm zu. Der Antisemitismus ist bei uns nicht, wie der technische Ausdruck lautet, „Zeilerscheinung". Unsere Gegend, wie das nordwestliche Deutschböymen überhaupt, galt zwar officiell immer als „Hochburg" des Liberalismus. Aber dennoch war die Stimmung der Bevölkerung immer judenfeindlich. Der Judenhaß trat zwar nicht so offen, ja marktschreierisch zutage, wie heute, aber andererseits bestand niemals ein herzliches Verhältniß zwischen Juden und Nichtjuden, immer hinderte etwas Kaltes, Fremdes den innigen Verkehr. Der Antisemitismus schlummerte stets unter der Bildftäche, jeden Moment konnte er erwachen. Und jetzt ist er erwacht. Wird er verschwinden? Schwerlich. Er wird höchstens wieder einschlummern. Aber er hat einen leisen Schlaf. Die Städte der Umgegend, Kaaden, Brüx, Komotau rc., sind ebenfalls vollständig antisemitisch. Die „hoffähigeren" Vereine sind alle „judenrein". Die Juden müssen sich nolens volens separiren, sie geben ihre eigenen Judenbälle, ihre eigenen Unterhaltungsabende. Und damit der traurigen Wahrheit auch die komische Seite nicht fehle, sind selbst die Homunculi in den Gymnasien in zwei Parteien: Liberale (Juden) und Antisemiten gespalten, die sich gegenseitig verachten und ignorire». Deutschland Köln. (Orig.-Corr.) Die hiesige nationaljüdische Vereinigung hat die nachstehenden drei Thesen veröffentlicht, in welchen das Programm der deutschen Zionisten deutlich genug ausgesprachen ist. I. Durch gemeinsame Abstammung uud Geschichte verbunden, bilden die Juden aller Länder eine nationale Gemeinschaft. Die Bechätigung patriotischer Gesinnung und die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten seltens der Juden, insbesondere der deutschen Inden, für ihr deutsches Vaterland wird durch diese Ueberzeugung in keiner Weise beeinträchtigt. II. Die staatsbürgerliche Emancipation der Juden innerhalb der anderen Völker hat, wie die Geschichte zeigt, nicht genügt, um die sociale und culturelle Zukunft des jüdischen Stammes zu sichern, daher kann die endgiltige Lösung der Judensrage nur in der Bildung eines jüdischen Staates bestehen: denn nur dieser ist in der Lage, die Juden als solche völkerrechtlich zu vertreten und diejenigen Juden aufzunehmen, die in ihrem Heimatland nicht bleiben können oder wollen. Der natürliche Mittelpunkt für diesen auf legalem Wege zu schaffenden Staat ist der historisch geweihte Boden Palästinas. III. Dieses Endziel muß sowohl durch die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins, als durch zielbewußte praktische Tyätigkeit vorbereitet werden. Als Mittel hierzu dienen: a) Die Förderung der jüdischen Colonien in Syrien und Palästina. b) Die Pflege jüdischen Wissens und jüdischer Sitte (Literatur, Geschichte und hebräisch« Sprache). c) Die Verbesserung der socialen und culturellen Lage der Juden. England. London. (Orig.-Corr.) Der Makkabäerclub feierte die heimgekehrlen Palästinaptlger Herbert Bentwich und Israel Zangwill durch ein Bankett; der Maler Solomon von der königlichen Akademie präsidirte der Festtafel und hielt die Begrüßungsreden an die heimgekehrlen Clubmitglieder, worauf Herbert Bentwich das Wort nahm, um Bericht über seine Reise zu erstatten. „Der Name der Londoner Makkabäer", sagte er, „hat überall wie ein Zauber gewirkt und die Theilnehmer der Expedition wurden überall im Oriente mit größter Begeisterung ausgenommen und zwar von allen Gesellschastsclasien. Man begrüßte in ihnen die Vertreter des Makkabäergeffles unter den westlichen Juden." Alach einer kurzen Schilderung des geringfügigen Ungemaches, das keinem Reisenden erspart bleibt, kam Bentwich zum interessantesten Theile seines Berichtes und entwarf eine Schilderung seiner Palästina-Eindrücke. „Ich muß gestehen", sagte er, „daß ich als ein enttäuschter Wandersmann zurückkehre. Ich hatte so viel davon gehört, daß das Land kahl und felsig sei, eine Wildniß, eine wüsie und verlassene Gegend, seine Städte Trümmerhaufen, seine Bevölkerung eine Horde von Herumlungerern und Bettlern, statt dessen fanden wir das Land gleich einem Garten, unsere Pfade waren oft tagelang eingesäumt von wahren Blumengewinden und die Erde bot eine lächelnde Ernte, wo immer der unstäte Araber sie mit einem krummen Stabe gekitzelt, es ist thatsächlich ein Land, von dem man sagen kann, daß dort Milch und Honig stießt, und die Landschaft, durch die wir refften, hatte alle Arten von Reizen in sich, von der erhabenen Größe der Alpen bis zur Weichheit und Mannigfaltigkeit unserer englischen Seen. Wir sahen selbst auf den unfruchtbarsten Bergen Judäas Terrassen über Terrassen, ^ansteigend bis zur höchsten Spitze der Berge und noch die Spuren einer alten glücklichen Weincultur aufweisend. Diese würden nur geringen Kostenaufwand erfordern, um wieder die alten großen Weinlesen zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.