Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 2 (11.6.1897)
- Article
- Rechtlosigkeit in Rumänien
- Date
- 1897-06-11
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. Nr. 2. Angehöriger eines anderen Staates sein muß, unter dessen Schutz er auch im fremden Lande steht, so taucht die Frage auf, unter wessen Schutz denn die rumänischen Juden stehen, welche ihre eigene Regierung zu den Fremden im Lande zählt? Und diese Rechtlosigkeit existirt in der Mitte des civilifirten Europa. Dennoch ist der Judenhaß der Rumänen nicht mit dem Maßstab des Antisemitismus anderer Nationen, wie der Deutschen, Polen rc. zu messen. Der Rumäne ist von Natur gutmüthig und tolerant. Der Geistliche ist nicht fanatisch, ist kein Agitator oder Hetzer. Das antisemitische Handwerk, treiben hier hauptsächlich die sogenannten Contrebande-Rumänen, welche aus aller Herren Ländern hier eingewandert sind, wie Griechen, Bulgaren, Deutsche rc. Die bedeutendsten und einflußreichsten Träger des Antisemitismus find hier die aus Siebenbürgen stammenden Lehrer der Gymnasien und Hochschulen. Es ist ähnlich wie in der nachbarlichen Bukowina, wo mit der Hochschule zugleich der Antisemitismus eingewandert ist. Dort wie da haben die fremden Professoren, dort die Deutschen, hier die Siedenbürger, mit der Civilisation den Judenhaß in die friedliche Bevölkerung verpflanzt. Demnach ist in Rumänien der Judenhaß rein ökonomischer Natur. So wie in Galizien, die Gesellschaft Kölka rolnicze, die Juden auf dem flachen Lande aus allen möglichen Positionen zu verdrängen sucht, so verfährt hier die Regierung auf dem Wege der Gesetzgebung. Glücklicherweise haben die Juden größtentheils Erwerbszweige inne, die durch Rumänen nicht betrieben werden können. Handel und Handwerk ist noch immer zum großen Theil in jüdischen Händen. Die hier bestehenden Gewerbe- und Handwerksschulen haben seit ihrem langjährigen Bestehen nur sehr geringe Resultate ergeben. Das Schulgesetz, wonach die fremden, respective jüdischen Schüler blos gegen Bezahlung und unter der doppelten Bedingung in die Schule zugelassen werden, wenn die vorgeschriebene Schülerzahl nicht durch rumänische Kinder completirt ist, und daß die Zahl der Fremden 20 Procent nicht übersteigen dürfe, besteht fort. Dazu lieferte der gewesene Minister, Professor der Chemie, Poni, ein merkwürdiges Reglement für die Privatschulen, dessen Spitze hauptsächlich gegen die jüdischen Winkelschulen (Cyedarien), die er mit dem Namen „Asyl" bezeichnet, gerichtet ist. In ein solches „Asyl" dürfen nur Kinder unter 7 Jahren ausgenommen werden. Woher dieser Chemiker die Bezeichnung „Asyl" für eine Schule genommen hat, ist sicherlich ihm selbst nicht bekannt. Sein Zweck scheint es gewesen zu sein, den jüdischen Kindern selbst den Unterricht in der Bibel unmöglich zu machen. Er scheint fich Antiochus Epiphanes und Hadrian zum Muster genommen zu haben, welche ihrer Zeit den Unterricht im Gesetze verboten, und Letzterer ließ wegen Uebertretung des Verbotes den Chanina ben Taradion mitder Thorarolle verbrennen. Allein diese Arten von Executive stehen einem rumänischen Minister nicht zu Gebote. Der Minister erlaubte fich auch, die Schulen der Gesellschaft Junime (Jugend), die länger als 20 Jahre mit behördlicher Autorisation unter meiner Leitung bestehen, als Asyle zu erklären. Weltchronik. Angesichts des türkisch-griechischen Krieges dürfte es besonders interessiren, die Anzahl der jüdischen Einwohner in in beiden Staaten zu kennen. Die Anzahl ist im Rerche des Sultans eine sehr große. In Salonichi. wohnen 22.516 Juden „ Archipelag. n 1.897 „ „ Villatet von Brussa .... tt 3.222 „ ff ff tt Nngora .... tt 478 „ „ „ „ Diarbettir . . . tt 1.269 „ - „ „ Aleppo .... tt 20.000 „ „ „ „ Van. tt 5.000 „ ,, „ „ Mossul .... tt 5.000 „ „ „ „ Bafsorah. . . . tt 4.500 „ n » n Bagdad .... tt 53.000 „ u. s. w. Der derzeitige Kriegsschauplatz in Thessalien mit den Gemeinden von Janina, Arta, Trikalla, Volo und Larissa zählt im Ganzen circa 90.000 Juden. Man vergleiche aber wie das „freie" Hellas seine vereinigten Juden behandelt und wie die türkischen Herrscher ohne Parlament, ohne Constitution von jeher den Hunderttausenden von Juden entgegenkommen. Trotz der großen Kriegssorgen, die auf dem Sultan Abdul Hamid lasten, hat derselbe doch nicht vergessen, zwei Tage vor dem Peßachfest dem Chacham Baschi Moses Levy 30.000 Piaster zu übersenden, damit man dafür für die Armen Mazzos, Fleisch und Wein ankaufe. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Die Vorarbeiten zum Zionistencongreß in München schreiten hier rüstig vorwärts. Es wurde eine Ärbeitstheitung in dem Sinne getroffen, datz die Herren Kohnberg und Dr. Loewe über die Colonien, Dr. Grünhut über die Chaluka, Direktor Cohn über das Schulwesen, Wilhelm Groß über Industrie, Handel und Gewerbe Referate ausarbeiten. Die Chaluka soll und muß abgeschafft werden, denn abgesehen von den Mißständen, die sie im Gefolge hat, entspricht sie auch gar nicht den einfachsten Bedingungen der Wohlthängkeit. Den armen Juden fehlt hier hauptsächlich die gesunde Nahrung. Ihr Mangel erzeugt die meisten Krankheiten. Es ist schon oft der Ruf laut geworden nach Gründung von Volksküchen, aber die reicheren Jerusalemer Juden warten auf eine Anregung, die von den Frommen Europa's kommen möge. Die Bettelei kann nur abgeschafft werden, wenn man den erwerbsunfähigen Leuten zu essen gibt. Die Juden scheinen überhaupt hier nicht die Kraft zu besitzen, ans eigener Initiative ihre Lage selbst zu verbessern. So werden erst jetzt Vorschläge, die schon vvr Jahren zur Förderung des Handwerkes, der Industrie und des Handels unter den Juden in Palästina gemacht wurden, hervorgJholt. Es wird eine Organisation der verschiedenen Handwerks- und Industriezweige zu Genossenschaften geplant. Diese legen ein Muster- und Waarenlager sämmtlicher palästinensischer Producte und Jndustrieartikel an, behufs einheitlichen, systematischen Betriebes und Gewinnung neuer Absatzgebiete. In weiterer Folge wird eine Versuchsstätte zur Prüfung der Rohprodukte und zur Einfühung neuer Industriezweige errichtet. In Rischon Lezion werden schon jetzt Versuche mit der Erzeugung von Toiletteseifen, Tafelölen, Obstconserven und Kunstdünger unternommen. Gleichzeitig werden Versuche gemacht, Arbeiterconsumvereine und Arbeiterhäuser zu errichten. Von dem Zionistencongresse in München erwartet man eine kräftige Unterstützung dieses Projektes, das nur dazu angethan erscheint, das Gefühl der Solidarität unter den palästinensischen Juden zu stärken. Die Juden in den Colonien sind darin ihren Brüdern in den Städten weit voraus. Anläßlich der türkischen Siege wurde in den Colonien ein Festgottesdienst abgehalten. Der jüdische Bauer betete für das Wohl des Sultans, seines milden Schirmherrn. W. A. Eine Bombe. Aus Ora n (Algerien) wird unterm 4. Juni gemeldet: In vergangener Nacht brannte die Synagoge in Ainalarba nieder. In dem Schutte wurde eine aus Blech hergestellte und mit Pulver und Eisenstücken gefüllte Bombe gefunden. Noth in Argentinien. Berichte aus der Provinz Catamarca melden, daß dort rnfolge des Fehlschlagens der Ernte die größte Noth herrscht. Die Nationalregiernng schickt jetzt Unterstützungsmittel. (Köln. Zeitung.) Pflanzungen in den Colonien. Aus Jaffa wird der Jüdischen Presse geschrieben: In dem Dorfe Pethach-Tikwah sind bis jetzt 30.000 Eukalyptusbäume angepflanzt, und in diesem Jahre werden noch weitere 10.000 folgen. Die von der Rothschild'fchen Administration unterhaltene Schule hat vier Classen, in denen täglich 2 bis 3 Stunden Französisch und außerdem Hebräisch und Arabisch unterrichtet wird. — In der Colonie Ekron find bis jetzt etwa 10.000 Olivenbäume gepflanzt. Man hat dabei die Bemerkung gemacht, daß die Olivenbäume hier zu Lande ein bedeutend schnelleres Wachsthum zeigen als in Frankreich. So ist z. B. häufig beobachtet, daß ein hiesiger sechsjähriger Baum einem gleichen Baume im Alter von zwanzig Jahren in Frankreich gleichwertig ist. Dem schnellen Wachsthum entspricht die ausgezeichnete Qualität des Oels, daß besser als dasjenige von Graffe in Südfrankreich ist. Rabbiner Dr. Klein in Stockholm, welcher im vergangenen Winter im Aufträge des Königs von Schweden vor diesem, einem Theile der Hofgesellschaft und den angesehensten Gelehrten des Landes eine Reihe von Vorträgen über „Christenthum und Judenthum" gehalten hat und dafür, wie berichtet, vom Könige, der mit großem Interesse die Reden anhörte, eine goldene Medaille mit der Inschrift „in sät memoriam“ erhielt, ist jetzt aus demselben Anlaß von der philosophischen und theologischen Facultät Upsala zum Professor ernannt worden. Eme seltene Auszeichnung. Ueber die muthige That eines deutschen Juden wird berichtet: Dieser Tage rettete ein in Brüssel wohnender Jude, Jakob Simons aus Langenwehe bei Düren, Weinhändler in Lanken, zwei Menschenleben, indem er sich einem durchgegangenen Pferde entgegenwarf und demselben in dem Augenblick m die Nase griff, als der Knischer und ein neunjähriges Mädchen aus dem Wagen und vor die Räder stürzten. Als Seltenheit muß erwähnt werden, daß diese That dem Herrn Simons die höchste bürgerliche Auszeichnung, die goldene Rettungsmedaille mit der Krone, einbringt, da derselbe schon sieben Auszeichnungen dieser Att sich erfreut, darunter vier wegen Erretturrg vom Ertrinken. Nach einigen Tagen war Herr Simons zum