Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
[Nachricht]
Date
1897-06-11
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315712--00097-3377075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2. Pie&WdC Seite 5. diesem Vereine haben sich ein Paar Menschen von wirklich vornehmer Gesinnung zusammengefunden, jeder Einzelne von ihnen flößt uns eine Sympathie ein, der wir nur darum keinen lebhafteren Ausdruck geben können, weil sie uns Juden mit ihrer so löblichen Unternehmung nicht genützt haben. Unter der Unnützlichkeit verstehen wir aber nicht das Ausbleiben des Erfolges. Wer denkt so niedrig, daß er dem Helfer die Wirkungslosigkeit einer wohlgemeinten That vorhielte? Diese Wirkungslosigkeit war ja durchaus vorherzusehen, und man mußte wenig Einsicht in die thatsächlichen Verhältnisse haben, wenn man auch nur einen Augenblick annahm, diese vortrefflichen Männer würden irgendwen vom Antisemitismus bekehren. In solcher Bekehrungsmöglichkeit lag auch gar nicht der Werth der Vereinigung zur Abwehr u. s. w. Denn sie hatte einen Werth, und wir sind die Ersten, die ihn freudig anerkennen. Nur erkennen wir den Werth dieser Demonstration freudiger als Menschen an, denn als Juden. Als Menschen stimmt es uns höher, daß Leute, „die es nicht nöthig haben", sich mit dem ganzen Gewicht ihrer reinen Namen, ihrer rühmlichen Vergangenheit und ihrer lauteren Abfichten der Judenhetzc entgegenwerfen wollten. Aber als Juden sind wir dadurch eher bekümmert. Es gibt Hilfeleistungen, die beschämen. Der Verein zur Abwehr demüthigt gerade diejenigen Juden, die in der schweren Zeit in ihrem ungebrochenen Selbstgefühl die letzte Zuflucht suchen. Man lege uns nicht auch diese Worte falsch aus; sie enthalten keinerlei Hochmuth oder Schroffheit, was ja Männern wie Suttner, Nothnagel, Sueß und all den Anderen gegenüber recht unpassend wäre. — Professor Nothnagel sagte in der Versammlung: „Ich erwarte nichts von einem Appell an das sittliche Empfinden; wir haben ihn erhoben, es hat uns nichts genützt. Leute, von denen wir geglaubt haben, daß sie mit uns gehen werden, haben sich zurückgezogen. Die meisten Menschen haben aber kein Rückgrat; sie fürchten, sich zu schaden, darum sind wir so wenige. Die Meisten sind eben gleichgiltig, sie fühlen erst, wenn es in ihrem Hause brennt." Das sind entmuthigte Worte, aber es ist leider die Wahrheit. Und wenn da ein Mangel an Rückgrat bei Vielen beklagt wird, so trifft der Vorwurf in erster Reihe die Charakterlosen unter den Juden, „die eben gleichgiltig sind, sie fühlen erst, wenn es in ihrem Hause brennt". Solche Juden sollte der Verein zur Abwehr nicht schützen, dazu sind seine Mitglieder zu gut. Die Juden aber, die aufrechte Männer find, wollen und müssen sich selbst wehren, und schon das wird sie ein wenig in der Achtung ihrer Gegner heben. Der Verein zur Abwehr kann uns noch ein Gutes thun: wenn er sich auflöst. Darum soll sein versuchtes Werk dennoch unvergessen bleiben. Wir werden diesen edel denkenden Männern erst danken können, ohne uns zu schämen, wenn sie nicht mehr unseretwcgen bei-, sammen sind. * * * Aus dem Tramwaystrike in Wien versuchten alle möglichen Leute alles mögliche Capital zu schlagen. Auf der einen Seite die Geldjobber, auf der anderen die Jobber der Politik. Uns scheint es nicht überflüssig, in dieser Frage wenigstens anzudeuten, wo unsere Sympathien sind. Der Ausstand der Tramwaybediensteten ließ Licht auf eine jener Miseren fallen, an denen wir täglich, stumpf durch die Gewohnheit, vorübergehen. Es gibt sicherlich noch viele andere, unerträglichere Formen des Elends. Die Bediensteten der Tramway verdienen ihr Brot schwer, aber sie haben schließlich ein gesichertes Auskommen. So galt die Bewegung auch nicht dem Lohne, sondern der überlangen Arbeitszeit. Sechzehn Stunden im Tage! Durch sechzehn Stunden stehend die Pferde lenken oder stehend und gerüttelt Fahrscheine verkaufen im Pferch der Fahrgäste, in Sonne, Wind und Regen, in jeder Jahreszeit. Es ist ein erbarmungswürdiger Zustand. Die Leute, welche eine Verbesserung dieser Lage suchten, handelten offenbar gegen die Dienstordnung, aber sie hatten Recht. Es ist bedauerlich, daß eine Entartung des Erwerbstriebes die Vertreter der Actionäre hinderte, eiOtzusehen, wie sehr sie sich im Gegensätze zur Bevölkerung befinden. Es liegt etwas Aufreizendes darin, daß bei einem Verkehrsmittel, welches entschieden schlechter ist als die ähnlichen Einrichtungen anderer Städte, der ohnehin enorme Unternehmergewinn mit Härte vertheidigt wird. Das Publicum der Tramway schwitzt oder friert, die Bediensteten brechen vor Müdigkeit zusammen, und dennoch wagt man es, „gut zu verwalten", um von den Börsenstreichen ganz zu schweigen, die gewöhnlich nebenher gehen. Wir wissen nicht, ob und wieviele Juden an diesen Tramwaygewinnen betheiligt sind; daß man die Geschichte gegen alle Juden ausbeuten wird, scheint uns nur zu sicher. Darum wollen wir eine deutliche Demarcationslinie ziehen, auf die Gefahr hin, „jüdische Antisemiten" gescholten zu werden. Wer dem Judenthum mehr schadet, diese Leute oder wir, das bleibe einstweilen dahingestellt. * * * Die Juden sind beliebte Blitzableiter für den Zorn unglücklicher Völker. Diese alte Erfahrung findet wieder einmal eine Bestätigung. Die Griechen wollten eine Schlacht bet Marathon schlagen und hatten dabei nicht den ersehnten Erfolg. Wer ist nun schuld an dem Mißgeschick? Man braucht nicht lange zu suchen: die Juden. Die Juden, welche todesmuthig ihr Blut auf den Schlachtfeldern Griechenlands vergossen haben und durch die Kriegsnoth schwerer als alle Anderen an Hab und Gut geschädigt sind. Somit wäre der Sündenbock gesunden. Die griechische Presse bringt Brandartikel gegen die Juden und der Pöbel brüllt sie nach. Jene Personen, welche sich scheu verkriechen mußten, wenn im Volk der stürmische Ruf nach den Schuldigen erscholl, athmen erleichtert auf. Der Groll der Menge kann sich entladen. Das ist die Mission der Juden in der Diaspora. * -i- * Die Judenschaft der deutschen Provinzen Oesterreichs ist in gewaltiger Aufregung, die unglückliche Judenschaft denkt nur an Eins bei Tag und Nacht: an die Sprachenverordnung. Schrecklich! Man hat den Czechen im nationalen Streite Concessionen gemacht, die Teutonen raufen sich die Haare und die Juden ahmen mit anerkennenswerthem Talent dieses löbliche Beispiel nach. Aber dem Mimen flicht hier nicht einmal die Mitwelt irgendwelche Kränze. Die Juden blicken nach dieser mimischen Glanzleistung auf dem Gebiete der Entrüstungskunst erwartungsvoll um sich — doch kein „Bravo!" läßt sich vernehmen, kein da capo. Ja, der Club der katholischen Volks- Partei erkühnt sich, die Juden bei Erörterung der Sprachenverordnung als Luft zu behandeln; er erklärt, daß die wirkliche Versöhnung beider Nationen „nur durch gegenseitige Verständigung auf dem Boden der christlichen Gerechtigkeit" erfolgen könne, und der Abgeordnete Wolf erlaubt sich gar, dem Abgeordneten Stransky, der sich wieder für das czechische Volk die Haare rauft, im Parlamente zuzurufen: „Der Jude Stransky glaubt auch, er ist ein Czeche." Aber das genirt die Juden nicht. Sie halten trotzdem unentwegt fest an ihrer Aufregung, die einen pro, die anderen eontra. Natürlich, die Juden haben ja keine anderen Sorgen. Was bedeutet denn die am Horizonte Oesterreichs aufsteigende drohende Ghettowolke, was bedeutet der ganze Jammer der im Elend verkommenden galizischen, rumänischen und russischen Brüder gegen die Sprachenverordnung I -- Berliner Brief. Von Dr. N. Birnbaum. Es ist cin alter, bald der Leichtgläubigkeit, bald der Schlauheit entspringender Brauch der Parteien, auf irgend ein Nachbarland hinzuweisen, wo cs angeblich besser sein soll als daheim. So machen es auch seit jeher Jene, die sich über die Gleichgiltigkeit der österreichischen Juden gegenüber ihrem Volke aufhalten. Sie zeigen auf Deutschland: Das sind ganz andere Juden dort, da wird noch was für jüdische Zwecke gethan, da pulsirt noch jüdisches Leben!.Welch liebenswürdiger Jrrthum! Ich habe vom jüdischen Leben in Deutschland nicht viel bemerken können. Damit soll kein absprechendes Urtheil über die deutschen Juden gefällt werden. Sie besitzen eben nicht, was wir Alle, wir Juden des Westens, nicht besitzen können, solange wir nicht — Zionisten sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.