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Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
1 (sequence 3)
Language
German
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O ■■—,.■■=:====< Redaction ' Nr. 2. I Jahrgang. ' -O Bezugspreise. und Administration: Me« Erscheint jeden Freitag. Jür Oesterreich: Halbjährig 3 fl. — 6 Kr. II., Rembrandtstraße 11. Wien, 11. Juni 1897. Ganzjährig 6 fl. 12 Kr. Jür das Ausland: Preist der JLttmgnt: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration Wien, II., Rembrandtstraße 11, zu richten. Halbjährig 4 f[. 8 Kr. Die viermal gespaltene Ganzjährig 8 fl. 16 Kr. Petitzeile 10 kr.. O - —1~~ : ~~~C Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte > nicht zurückgesendet. ( Einzelne Nummern 15 kr. >• ■■■ ■■■== -= ■■■=■■■■■=0 Ein Tempelstreit. Von Dr. Max Nordau. Der Oberrabbiner in Wien, Herr Dr. M. Güdemann, hat sich gedrängt gefühlt, in einer Broschüre, „Nationaljudenthum" betitelt, der Bewegung entgegenzutreten, die tiefe Schichten der Judenheit ergriffen hat, der sich entwickeltere Geister unter den Juden in täglich wachsender Zahl anschließen, deren Ziel die Gewinnung eines lebensichernden Wurzelbodens für den Volksorganismus ist, der bis jetzt einer Jerichorose gleich mit ewigem Wechsel von kurzen Augenblicken der Entfaltung und langen Zeiträumen des Melkens und Schrumpfens umgetrieben wurde. Ich habe diese Broschüre mit einer Art Beschämung gelesen. Mein jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl leidet positiv unter der geistigen Minderwerthigkeit dieser Arbeit, von der ihr Verfasser sich doch mit dem geringsten Blaß von vordenkender Klugheit sagen konnte, daß sie ernste Prüfung und schonungslose Zurückweisung herausfordere, die er also doch wenigstens einigermaßen zum unausbleiblichen Kampf um ihr Dasein hätte waffnen müssen. Die Widersprüche sind in der Broschüre so häufig und erstaunlich, sie stehen räumlich so nahe bei einander, daß ich mich frage: hat Herr Dr. Güdemann, als er sie schrieb, jeden Augenblick den Faden seiner Beweisführung verloren? Oder hat er unter dem Einfluß jäh schwankender entgegengesetzter Stimmungen gearbeitet? Oder hat er darauf gerechnet, daß Niemand die 43 Seiten mit Aufmerksamkeit im Zusammenhänge lesen werde? Seite 24 hat er dargethan, „daß die moderne Betonung des Nationalen, dem Geiste der Thora, der Propheten und Psalmen ... durchaus widerstrebt." während er Seite 41 feststellt, den Juden in Babylon sei „bedeutet worden, sich in allen Stücken, bis auf ihren Glauben, als Babylonier zu betrachten, und an diese Weisung haben sich die Juden in der Diaspora immer gehalten. Die in Spanien nannten sich Spanier, die in Frankreich, Franzosen, die in Deutschland, Deutsche." Herr Dr. Güdemann gibt also den Juden Recht, wenn sie ein Nationales betonen, und er versichert Zugleich, daß diese Betonung des Nationalen dem Geiste der Schrift widerspricht. Es ist für den Juden löblich, ein nationaler Babylonier, Spanier, Franzose, Deutscher zu sein, die einzige Nationalität, zu der er sich nicht bekennen darf, ohne den Geist der Thora, Propheten und Psalmen zu verstoßen, ist die jüdische. Seite 41 führt er wider das Bestreben, die Juden durch Erkämpfung ihrer nationalen Selbstständigkeit, der Verfolgung zu entziehen, das fabelhafte Argument ins Feld: „das wäre als ein Eingriff in die Führung Gottes erschienen, in dessen weisem Plane auch die Diaspora ihre vorbestimmte Stelle einniinmt," und schon Seite 42 bemerkt er: Jeder Mann muß wissen, was seine Pflicht und sein Recht ist. Wird ihm das letztere verwehrt, so muß er es erkämpfen, erstreiten. Das gilt auch für die Juden." Welche seiner beiden Empfehlungen wünscht Herr Dr. Güdemann nun befolgt zu sehen? Soll inan „das verwehrte Recht erkämpfen, erstreiten," oder ist dieser „Kainpf" und „Streit" „ein Eingriff in die Führung Gottes," „in dessen weisem Plan" auch die Rechtsverweigerung „ihre vorbestiinmte Stelle einnimmt?" Seite 39 macht er dieses gütige Geständniß: „Wenn man denjenigen Juden, welchen in ihrer bisherigen Heimat der Kampf ums Dasein allzusehr erschwert wird, Gelegenheit bietet, sich anderwärts anzusiedeln, so ist dies in hohem Grade löblich und verdienstlich." Aber schon ^eitc 42 thut ihm diese Nachgiebigkeit leid und er ruft: „Die armen Juden, denen die nationale Bewegung zu Hilfe kommen will, sind gerade die stärksten und dauerhaftesten, die dieser Hilfe, selbst wenn sie eine wäre, am allerwenigsten bedürfen." Also die national-jüdische Bewegung, die den armen Juden Gelegenheit bieten will, sich anderwärts anzusiedeln, ist „in hohem Grade löblich und verdienstlich," aber die Armen bedürfen dieser Hilfe, das heißt, der Ansiedlung im Lande ihrer Borfahren, „am allerwenigsten." (Auf diesen Widerspruch hat schon Dr. Theodor Herzt in Dr. Bloch's „Oesterr. Wochenschrift" hingewiesen). Doch es widerstrebt mir, mich in Wortklauberei zu verlieren und den wunderlichen Verschlingungen der Gedankengänge des Herrn Dr. Güdemann Schritt für Schritt zu folgen. Der Ernst der Sache erfordert, und meinen geistigen Gewohnheiten entspricht cs, die Streitschrift des Herrn Dr. Güdemann ans größerer Höhe und mit weiter umblickenden Augen zu betrachten. Herr Dr. Güdemann bemerkt mit Unmuth, daß in der letzten Zeit der Gedanke, sie seien ein besonderer Volksstamm, unter den Juden zahlreiche Anhänger gefunden hat, die ihn folgerichtig zu der Forderung weiter entwickelt haben, der besondere Volksstamm müsse auch sein eigenes Land und eine nationale Gliederung erlangen, in der er sich staatlich ausleben könne. „Die Geburtshelferin dieser Bewegung war die Entrüstung ... Zur Entrüstung gesellte sich dann, wie dies natürlich ist, der Trotz." Aber diese Bewegung widerspricht dem Wesen des Judenthums. Mit einem großen Aufwand von Anführungen aus den kanonischen und auslegenden Schriften sucht Herr Güde-

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