Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Uriel Acosta
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315711-3376914--00081-3376972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 16. Nr. 1. Urtel Acosta Erzählung von I. Zangwill. Erster Theil. Gabriel da Costa. I. Gabriel da Costa spornte leicht sein Pferd und bemühte sich, während er die lange Korkeichenalle entlang sauste, in der heftigen körperlichen Bewegung die Qualen geistiger Probleme zu vergessen und die Theologie sammt den Klöstern und Kapellen Oportos hinter sich zu lassen. Der schöne Jüngling mit den blitzenden Augen und dem dunklen Haar, das auf das seidene Wams herabfloß, ritt mit Anmuch und Feuer dahin. Ein Dichter hätte in ihm das Bild des leidenschaftlichen südlichen Frühlings sehen können; aber für seine eigene Seele bildeten der warme, blaue Himmel Portugals, das Weiß der Mandelblüthen, das Rosa der Pfirsichzweige, die zarten Düfte der Knospen und das frohe Lärmen der Vögel, nur einen unklaren Hintergrund für einen Wirbel von Gedanken. Nein, er konnte unmöglich glauben, daß man durch das Geständniß seiner Sünden, wie die Kirche es vorschrieb, vollständige Absolution erhalten könne. Wenn sich die Seligkeit nur durch besondere Regeln erringen ließe — dann konnte man überhaupt an der Seligkeit verzweifeln. Vielleicht war die ewige Verdammniß chatsächlich sein Los, wenn auch nur seiner Zweifel wegen und trotz aller seiner pünktlichen, mechanischen Kirchlichkeit. O, käme doch ein Befreier — ein Befreier von den Zweifeln, die dem gefangenen Geiste das Prächtige Dunkel der Kathedralen als eine Finsterniß erscheinen ließen! Diese verfluchten Jesuiten, die mit dem Zelotenthum neuer Orden eiferten! Sein Blut kochte, als er an ihre Machenschaften dachte, und die Hand in den Halfter steckend, an dem ein paar silberbeschlagene, mit seinem Anfangsbuchstaben geschmückte Pistolen hingen, zog er eine heraus und zielte im Vorüberfliegen auf einen Vogel, der auf einem Zweig saß, indem er sich der thörichten Einbildung hingab, daß es Ignatius Loyola sei. Aber obwohl er ein sicherer Schütze war, hatte er nicht das Herz, ein lebendes Wesen zu verletzen, wechselte rasch wie der Blitz und schoß statt des Vogels den Zweig ab. Warum hatte sein verstorbener Vater ihn Kirchenrecht studiren lassen? Freilich, für einen Jüngling der wohlhabenden Mittelclasse, war dies der einzige Weg zur Auszeichnung, zur socialen Gleichstellung mit den Adeligen — und war es nicht seine eigene Schuld, daß er selbst nach den ersten fleptischen Regungen ein halbpriesterliches Amt als Schätzmeister eines geistlichen Collegiums angenommen hatte? Aber wie sollte er voraussehen, daß diese Unsicherheit der Jugend durch tieferes Studium, durch leidenschaftlichere Frömmigkeit eher verstärkt als beruhigt werden würde? Seltsam, überall um ihn her, im Collegium oder in der Kathedrale herrschte Vertrauen und Frieden; nur in seinem Geiste herrschte eine geheime Unruhe und ein unterdrücktes Gähnen, das all' die süße Musik frischer Knabenstimmen weder beruhigen noch stillen konnte. Plötzlich fühlte er, daß sein Pferd langsamer ging, und gebrauchte wüthend, aber wirkungslos die Sporen, ehe er sich bewußt ward, daß er bei dem steilen, kreidigen Ufer einer Schlucht angelangt war, durch welche ein einziges Flüßchen rieselte, und daß die Flanken des Thieres mit Blut befleckt waren. Seine Augen feuchteten sich sofort. „Uodrs!" rief er aus dem Sattel springend und dem Pferde die Nüstern streichelnd. „Beschämung vor Menschen habe ich immer gefürchtet, aber sich vor sich selbst zu schämen ist noch ärger". Und das Pferd beim Zügel führend, kehrte der junge Reiter auf gewundenen, mit Purpurrothen Anemonen bestreuten und von grauen Olivenbäumen begrenzten, grasigen Pfaden nach Oporto zurück. Da und dort guckten zwischen dem tiefgrünen Laub, das den Himmel in tausend hellblaue Flecken zerriß, die hellschimmernden Orangen hervor. II. Als er sich dem Marktplatze näherte, von dem die Stadt auswärts stieg, saß er wieder auf. Aber der Weg war ihm versperrt; denn es war Markttag und der große Platz, der gleich einem orientalischen Bazar von einer Säulenhalle begrenzt Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redacteur; ward, war dicht mit Buden besetzt. Die weißen Leinenzelte hoben sich in köstlicher Frische von dem brennenden blauen Himmel und den leuchtenden Costümen der aus der Umgebung hereingekommenen Bauern ab. Hinter einem Winkel der Praya erblickte man Pappeln, Ulmen und das frische Glitzern des Stromes. Das nasale Summen vieler Stimmen klang heiter und geschäftig. Am Eingang des Bazars, wo alte Weiber Blumen und Früchte verkauften, zügelte Gabriel sein Pferd. „Wie glücklich sind doch diese einfachen Seelen!" dachte er sinnend. „Wie sicher find sie ihrer Seligkeit! Ihren Rosenkranz zählen und ihre Ave-Marias murmeln — das ist Alles, was sie brauchen. Der Fischer dort, mit den großen, goldenen Ohrringen, der seine Netze auswirft, seine Juanita umarmt und mit seinen Kameraden zecht, hat mehr Grund den Heiligen zu danken, als ich Unglücklicher, der mit Reichthum gesegnet ist, aber den Fluch der Einsamkeit trägt, der seine Nebenmenschen liebt, aber doch weiß, daß sie nichts anderes sind als Schafe. Gottes Schafe, dumm und taub gegen den Ruf ihres wahren Hirten, verführt von den Wölfen im Priesterkleidei" Ein Krüppel unterbrach seine Betrachtungen durch ein flehentliches Gewinsel. Gabriel erschauerte bei dem Anblick seiner Wunden vor Mitleid und versank, nachdem er ihm ein Silberstück gegeben, wieder in eine Träumerei über das Geheimniß des Leidens. „Wie, auch Du hast Deine Kräuter ausverkauft?" brummte gutmüthig eine wohlbekannte Stimme, und als Gabriel den Kopf wendete, sah er, daß der dicke, alte Herr, der das runzelige Marktweib vom Rücken eines Maulthieres herab ansprach, Dom Diego de Balthasar war, der ehemalige Professor der Logik an der Universität Coimbra, seit Kurzem Arzt in Oporto. „Ei wohl, noch Vormittag", murmelte das eingetrocknete alte Weiblein. „Ganz Oporto scheint heute auf bittere Kräuter erpicht zu sein. Aber das kommt gegen die Osterzeit öfter vor, obwohl ich selbst solchen Salat nicht mag." „Natürlich," lachte Dom Diego, als sein Blick den Gabriels traf. „Sie sind gut fürs Blut und Du hast keines, gute Frau." Um die Augen des Professors schien beinahe ein Blinzeln zu liegen und der junge Reiter belachte gutmüthig den Scherz des Arztes, „Dann sind die Leute, die sic essen, vernünftig," sagte er. „Ei ja, die einzigen vernünftigen Leute in Oporto," entgegnet« Dom Diego jetzt auf lateinisch, aber noch immer lächelnd. „Und das einzige gute Blut, da Costa," fügte er hinzu, indem er nun ganz unverkennbar mit den Augen blinzelte. Aber diesmal vermochte Gabriel die Pointe nicht zu verstehen. „Das einzige gute Blut?" wiederholte er. „Hältst Du es denn mit den Trappisten, daß Fleisch etwas Arges ist?" Ein seltsam erschreckter Ausdruck blitzte über das Gesicht des Arztes und nahm ihm seine gewohnte rothe Farbe; wohl kehrte sein Lächeln augenblicklich wieder zurück, aber es war gleichsam gezwungen. (Fortsetzung folgt.) Vereinsnachrichten. Eittzelverein „Wien" des Verbandes Zion, ü, Rembrandtstraße 11. Der letzte Dienstagabend brachte nebst einem Referate unseres Delegirten über seine Theilnahme am Tarnower Delegirtentag und den Berichten, die Dr. Herzl über die zionistische Bewegung in Amerika vorlas, zwei interessante, liebe Gäste. Zwei jüdische Colonisten aus der Colonie Rehoboth, die im Geschäftsauftrage in Wien weilen, hatten sich im Vereinslocale eingefunden. Sie brachten auch eine würdige Legitimation mit, denn sie zeigten den erstaunten Wiener Zionisten, wie ihre Gerste, die vor vierzehn Tagen bereits geschnitten wurde, aussehe und wie ihr Weizen blühe. Allgemein überraschte die Stärke des Halmes und die Größe des Kornes. Man sah auch die Blüthen und Blätter der Weinstöcke. Die Rebenblüthen sind so weit gediehen, daß man die Gärten bereits überwachen muß, die Araber stehlen die Blüthen und kochen sie. Die eingemachten Obstconserven, die Feigen und Mandeln aus den Colonistengärten wurden mit Begeisterung aufge—gessen. Schließlich übergaben die Gäste den Herren des Vorstandes kleine Holzschnitzereien, Erzeugnisse der jüdischen Hausindustrie, zum Zeichen ihres Vertrauens und ihrer Anerkennung. Leb. c. S. R. Landau — Druck der „Gesellschaft für graphische Industrie."