Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Mission in vorchristlicher Zeit [Rezension]
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 1. Seite 15. Kermlniß der englischen Volksseele zn sehen. Georg Brandes, der die ganze „Theologie" Disraelis nicht ernst nimmt, mag darin die Klugheit des Weltmannes erkennen, der aus der Noth eine Tugend macht und die Juden zum eigenen Wohle in den Himmel hebt, da er seine jüdische Abstammung nun einmal nicht aus der Welt schaffen kann. Aber war Disraeli wirklich so klug und ein so vorzüglicher Rechner? Wenn er den an sich gewiß richtigen Grundsatz gehabt hätte, Gegenwart und Zukunft nicht durch einen zu offenkundigen Bruch mit der Vergangenheit zu compromittiren, so hätte er diese Vorsicht in erster Reihe im politischen Leben beobachtet und sich manchen schrecklichen Tag und viele bittere Feindschaften erspart. Ich will davon absehen, daß er Peel, dem ehemaligen Parteigenossen, dem er vieles zu verdanken hatte, gelegentlich des von diesem Staatsmanne eingebrachten Gesetzes zur Abschaffung der Kornzölle in einer Weise zusetzte, die ihm im eigenen Lager nicht wenige Leute entfremdete; denn Peel war vom Schutzzöllner plötzlich, der Noth gehorchend, zum Freihändler geworden, in diesem Falle war also der Gegner Disraelis der Apostat. Aber wie wenig Rücksicht Disraeli auf seine Vergangenheit nahm, wenn sie ihm im Wege stand, zeigte seine berüchtigte Affaire mit O'Connel, die einem minder zielbewußten Menschen die Politik für ewige Zeilen verleidet hätte. Im Jahre 1833 hatte sich Disraeli chss radikaler Candidat um die Vertretung von High Wycombe beworben und war dabei von einem Briefe OConnels empfohlen worden, der, gedruckt und placatirt, dem ganz unbekannten Bewerber eine beträchtliche Anzahl Stimmen verschaffte. Freilich hatten diese Stimmen nicht ausgereicht, um ihm zu einem Sitze im Parlamente zu verhelfen; aber das war nicht die Schuld OConnels. Zwei Jahre darauf war Disraeli vom Radicalen zum Tory avancirt und bewarb sich um Taunton mit einem tvryistischen Programm; dabei vergaß er die ehemalige Bundesgenossenschaft der Radicalen so weit, daß er seinen ehemaligen Gönner O'Connel einen Aufwiegler und Brandstifter nannte. Darauf blieb dieser die Antwort nicht schuldig. „Ich habe das Glück", schrieb O'Connel, „mit mehreren jüdischen Familien in London zu Verkehren, und ich kenne keine gebildeteren Frauen, keine humaneren, herzlicheren, charaktervolleren, besser erzogenen Männer. Wenn ich also von Disraeli als dem Sohne eines Juden rede, so will ich ihm beileibe aus seiner Abstammung keinen Vorwurf machen. Aber es hat auch Schurken unter den Juden gegeben, z. B. den Schächer am Kreuze, und der hat gewiß Disraeli geheißen." Wäre Disraeli der kalt berechnende Kopf gewesen, als den man ihn gewöhnlich hinstellt, er hätte discret seine politische Vergangenheit ruhen lassen und sich wohl gehütet, den Namen eines so furchtbaren Gegners wie O'Connel war, eitel zu nennen. Aber Disraeli war durchaus keine Rechenmaschine, und sein Verhältniß zum Judenthum wurde von ihm nicht künstlich formulirt. Das Erbe der marranischen Vorfahren war eben stärker in ihm als die vom Vater überkommene Aufklärung, welche persönlichen Glauben von Stammesidealen und Stammesgeschichte nicht zu scheiden verstand, und die alte in tausendfacher Verfolgung erprobte Treue seiner aus Spanien vertriebenen Ahnen erwies sich sogar stärker als der Haß der Großmutter väterlicherseits, welche bei der Geburt ihres Sohnes von einem einzigen Gefühle beherrscht wurde, dem Jammer darüber, einen Juden geboren zu haben, und die eben diesen Sohn Jsaac, den Verfasser der berühmten „(lmiosititzs ok lütsrsturs« nie ansah, ohne ihn ihren Widerwillen empfinden zu lassen. Wie um die Sünden seiner nächsten Vorfahren gut zu machen, wählte Disraeli das bessere Theil: die Liebe zu seinem Stamm. Ein Neuchrist als Anwalt des verfolgten Judenthums ist an sich eine seltene Erscheinung, aber ein Neuchrist, der mit prophetischem Blicke über die trostlose Gegenwart hinaussieht und dem zerstreuten, getretenen Volke eine glorreiche Zukunft im eigenen Lande verspricht—das ist nicht schlaue Berechnung, nicht der Ausdruck eitler und herausfordernder Eigenliebe, das ist die still genährte, von Geschlecht zu Geschlecht wie ein kostbares Familiengeheimniß überlieferte Hoffnung, die der letzte kinderlose Sprosse dem Papiere vertraut. _ (Schluß folgt.) Die Bücherwelt. Mission in vorchristlicher Zeit. (M. Friedländer, das Judenthum in der vorchristlichen, griechischen Welt. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Christenthums.) Es hat die längste Zeit als unbestrittene Wahrheit gegolten, die Juden hätten nie das Bedürfniß gehabt, Andersgläubige zu ihrer Lehre zu bekehren. Die angebliche Thatsache, welche immer wieder mit einem zu Tode gehetzten Citat aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert belegt wurde i„die Proselyten sind den Juden unerträglich wie ein Aussatz"), ist von den Judenfeinden stets als Beweis für unsere Selbstsucht und unsere von Tacitus her wohlbekannte Lieblosigkeit, von unseren Freunden als Antwort auf den Vorwurf der Anmaßung und Unduldsamkeit angeführt worden. Ich muß gestehen, daß mir der Vorwurf unserer Feinde manche unruhige Stunde bereitet hat; er schien mir viel Logischer als das Lob unserer Freunde. Entweder man glaubt an seine Religion und sieht in ihr das Heil der Seele, oder man glaubt es nicht. Die Juden haben von jeher zu den Gläubigsten aller Menschen gehört, sie waren stets von ihrer Religion als der besten aller möglichen Religionen durchdrungen. Warum sollten sie nicht den menschenfreundlichen Wunsch gehabt haben, ihren Nachbaren das gleiche Heil durch Belehrung und Ueberzeugung zu Theil werden zu lassen? Freilich, eine solche Missionsthätigkeit der Juden war weder in der Zeit des ersten Tempels, also der Zeit der in jeder Beziehung eng gezogenen Grenzen, noch in den nachchristlichen Jahrhunderten als der Zeit der Verfolgungen zu erwarten. Aber warum sollten die jüdischen Zeitgenossen der letzten römischen Republikaner, der ganz glaubenslosen Griechen, nicht die Sehnsucht gefühlt haben, der haltlosen antiken Menschheit Stab und Stütze in ihrem starken, jugendfrischen Glauben zu geben? Die Proselytenmacherei ist bei uns modernen Menschen aus guten Gründen ein verdächtiges Geschäft. Aber es ist doch ein Unterschied zwischen Bekehrung und Bekehrung. Man hat ja nicht immer die Leute mit dem Messer an der Kehle überzeugt. In Wahrheit haben die Juden auch der übrigen Menschheit Missionsdienste geleistet, und zwar in einem Umfange, den die wenigen in die Urgeschichte des Christenthums eingeweihten Gelehrten wohl ahnten, aber selbst kaum zu glauben vermochten. Durch die Forschungen M. Friedländer's, welche den großen Vortheil haben, „in der Sprache der Menschen zu reden" (um das talmudische Wort von der gemeinverständlichen Bibel zu gebrauchen) ist die angebliche Thatsache von der Proselytenfeindlichkeit der Juden in das Gebiet des Legendarischen verwiesen, und wir sehen mit Staunen, wie die heidnische Welt Europas, Asiens und Afrikas lange vor den: Auftreten des Christenthnms für das Christenthum vorbereitet war — durch die jüdische Mission. Was Friedländer in einem früheren Werke (Zur Entstehungsgeschichte des Christenthums. Ein Excurs von der Septuaginta zum Evangelium. Wien, Holder 1894) in streng fachmännischer Weise begründet, aber vielfach auch nur angedeutet hat, das ist in seiner jüngsten Schrift in populärer Weise klar angeführt. Alle die segensreichen Elemente kosmopolitischer Natur, welche das Judenthum der heidnischen Welt als Samen einer neuen Cultur abgab, wurden Griechen und Römern nicht erst durch das Christenthum, sondern durch alexandrische Juden von kosmopolitischer Bildung vermittelt. Nach diesen Forschungen ist der Ursprung des Christenthums außerhalb Palästinas zu suchen und um volle hundert Jahre — mindestens — zurückzudatieren. Der Sabbath war um die Zeit des Augustus in der ganzen christlichen Welt ein eingebürgerter Feiertag. Das war der Kern, um den sich eine neue Welt krystallisirte. Der Sabbath war schon damals bei den Juden der Mittelpunkt alles geistigen Lebens. Am Sabbath wurde die Bibel in griechischer Sprache — es ist, wie gesagt, von den Juden außerhalb Palästinas die Rede — vorgelesen; daran schlossen sich Erklärungen, später auch Meinungsaustausch an, die Synagoge wurde so eine Hochschule für jüdische Religion. Und die Heiden strömten in Schaaren hin, um die' neue Lehre sich zueigen zu machen. In diesen Vorträgen liegt der Keim, aus dem die Weltreligion entstand. Friedländer citirt eine ganze Menge von Stellen aus griechischen und lateinischen Schriftstellern aus denen es hervorgeht, welch eine gemeingiltige Institution der Sabbath geworden war, und wie sehr die Sabbathvortrüge zur Nachahmung reizten. Als der Kaiser Tiberius gelegentlich seiner Anwesenheit auf Rhodus den Wunsch hatte, einen Vortrag des Grammatikers Diogenes zu hören, wurde dem hohen Herrn bedeutet, am „Sabbath" zu kommen. So erzählt der unparteiische Sueton. Wir haben dann keinen Gnrnd, die Berichte eines Philo und Josephus über die Verbreitung jüdischer Gebräuche für Uebertreibung zu halten. Das jüdische Gesetz, sagt Philo unterwirft sich alle Menschen und ermahnt sie zur Tugend; Barbaren und Hellenen, die Bewohner des Festlandes und der Inseln, die Nationen des Ostens und des Westens, Europa und Asien, alle Völker der Erde. Wie Gott durch die ganze Welt sich ergießt, sagt Josephus, so ist das Gesetz durch die ganze Menschheit geschritten. Strauß und Renan sammt ihren Nachfolgern auf dem Gebiete der neutestamentlichen Geschichte unterscheiden sehr scharf zwischen Heidenchristen und Judenchristeu, und zwar wird die Scheidung auf Paulus zurückgeführt. Auch das ist im Keime lange vor dem Auftreten des Apostels vorhanden; schon die jüdische Mission in vorchristlicher Zeit zerfällt, wie Friedländer nachweist, in zwei von einander grundsätzlich verschiedene Richtungen, welche später die zwei feindlichen Parteien innerhalb des Nrchristenthums ergaben.