Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Lord Beaconsfield
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. 1. Materials versucht, die Räthsel zu deuten und die Widersprüche zu lösen; aber der Versuch ist ihnen nur zum geringen Theile gelungen. Ein geistreicher Schriftsteller jüdischer Abstammung hat seine großen Kräfte dem gleichen Probleme gewidmet und hat in den literarischen Werken Disraelis nach dem Schlüssel gesucht, der sich aus den biographischen Daten allein nicht zurechtschmieden ließ. .Georg Brandes hat mit seinem scharf eindringenden, kritischen Messer manche Falte im Herzen Disraelis blosgelegt; die jüdische Abkunft des Staatsmannes und Dichters hat ihm so manchen Zug im geistigen Antlitz seines Helden erklärt. Aber gerade den Werken Disraelis, in denen sich jenes väterliche Erbe am deutlichsten Geltung verschafft, steht er mehr noch als die christlichen Biographen rath- und verständnislos gegenüber: Georg Brandes geht über Alroy, Coningsby, Tancred mit einer angenommenen Miene der Ueberlegenheit hinweg. Der Humanitätsjude Brandes hat sich offenbar nur mit großem Unbehagen den nationalen Gedanken des Racenjuden Disraeli genähert, und es war ihm sehr willkommen und bequem, die „ unwissenschaftliche Theologie" — als ob es je eine wissenschaftliche Theologie gegeben hätte und geben könnte — mit einer Handbewegung zu den anderen Sonderbarkeiten des Romanciers zu werfen und ihn selbst als den letzten Juden zu proclamiren. Im Jahre 1879, dem Jahre, in welchem Brandes seine Schrift über Disraeli der Oeffentlichkeit übergab, sah es allerdings so aus, als sei Disraeli, der Neuchrist, der letzte Jude gewesen. Aber die Zeit hat diese Hypothese nicht bestätigt; im Gegentheil, Disraeli war der erste Jude im Sinne des neuen Geschlechts, und jetzt ist es vielleicht an der Zeit, daß ein Jude, der es versucht hat, sich als lolchen zu erkennen und der es für das Schönste und Klügste hält, sich auch Anderen zu erkennen zu geben, in seiner Weise den merkwürdigen Mann zu verstehen sucht, der sowohl den Christen a's auch einem Humanitätsjuden so räthselhaft und widerspruchsvoll erschien. Gewiß, Benjamin Disraeli war eine sehr reiche, vielseitige, von Hause aus mit mancherlei Unverträglichkeiten behaftete Natur, die in jedem Lande, jeder Gesellschaft, bei jeder Erziehung, unter allen Umständen auf ärmere und darum einfachere Leute den Eindruck des Unharmonischen, Unausgeglichenen gemacht hätte. Eine starke Individualität von Anfang bis zu Ende, hat er mehr als einmal und auf mehr als einem Gebiete der ihm innerlich fremden, herrschenden Strömung wie nur irgend ein gedankenloser Modeheld Gefolg schaft geleistet: er war Dandy, als in der Londoner Gesellschafein neuer Westenschnitt eben die Aufmerksamkeit der höchsten Herrschaften erregte; ein Freigeist vom reinsten Wasser durch Vererbung, Erziehung, eigenes Studium und die Richtung der Zeit, spielt er bei wichtigen Gelegenheiten den Beschützer der Kirche und der kirchlichen Gewalt; ein Verächter des Geldes und der Geldmacht im modernen England, heiratete er eine um zehn Jahre ältere Frau, eingestandenermaßen um ihres Reichthums willen; — das und manches andere hätte Disraeli Wohl auch als geborener Christ oder Muselman, als vollgiltiger Engländer oder Franzose gethan. Der Ehrgeiz war die herrschende Leidenschaft in seinem Leben, Macht war ihm ein Bedürfniß wie Speise und Trank; dem Ehrgeize und der Macht wurden untergeordnete Wünsche und Bedürfnisse geopfert. Aber neben dieser großen Leidenschaft seines Lebens, deren er sich von Anfang an vollkommen bewußt war und der er von frühester Jugend an mit einer Klarheit und Festigkeit, die dem großen Manne eigen ist, willig und ohne jedwede moralische Scrupel das Steuer überläßt, wirkt in der Tiefe seiner Seele eine zweite Kraft, die äußerlich durch die Taufe verlorene, innerlich aber als unvergebbar festgehaltene Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm. Wäre Disraeli mit seinem großen Ehrgeiz, seinem Machtbedürfniß und seinen Gaben, die ihn zum geborenen Führer der Menschen machten, als der Sprosse eines in England erbgesesscnen Geschlechtes auf die Welt gekommen, so hätte er seinem Vaterlande wohl nicht mehr werden können als er England geworden ist, aber alle die Risse und Sprünge in seinem politischen Charakter, die Schleichwege und Kniffe im Verkehr mit den Parteien, die unfreiwilligen Wandlungen und Zugeständnisse im schweren, jahrzehntelangen Kampfe gegen die Abneigung und das Mißtrauen der großen Massen wären dem Staatsmanne erspart geblieben, Disraeli wäre der Bismarck der Engländer geworden. Wäre Disraeli nicht als Knabe von 13 Jahren von einem weltlich gesinnten, kurzsichtigen Vater dem Judenthume entfremdet worden, wäre er Jude unter Juden geblieben, so hätte die Welt das, was die Phantasie Disraelis' als Dichtung auf's Papier warf, als Ereigniß mit eigenen Augen gesehen; der Mann, welcher Egypten und Cypern für England erwarb und den auseinanderstrebenden Theilen des britischen Weltreichs durch seine Neubelebung des monarchischen Gedankens einen anziehenden Mittelpunkt, Herz und Seele zu geben verstand, dieser Mann hätte auch seinem Volke eine neue unbestrittene Heimat zu geben vermocht. Aber Disraeli war nun einmal getauft, hatte schon als Kind ausschließlich unter Christen, allerdings unter sehr lauen Bekennern des Christenthums, wie zum Beispiel Samuel Rogers, gelebt, und er betrat ja, mit allen bürgerlichen Rechten ausgestattet, die politische Laufbahn — warum ließ er nicht die Vergangenheit ruhen, die ja nicht einmal seine Vergangenheit, ja nicht einmal die seines Vaters und Großvaters war, denn diese beiden waren im talmudischen und gewöhnlichen Sinne Epikuräer gewesen, warum vergaß er nicht seine Abstammung, nachdem sein Vater einmal den Geburtsfehler gutgemacht hatte? Ja, wenn das so ginge! Die jüdische Abstammung vergißt man nicht, der Wille zum Vergessen hat da wenig zu bedeuten. Es ist das ein geheimnißvolles, aber unleugbares Gesetz: wer einmal dem Judenthume angehört hat, steht ihm nie wieder fremd, kalt, gleichgiltig gegenüber. Haß oder Liebe, nach Temperament und Umständen glühender Haß oder glühende Liebe — eins von beiden; Gleichgiltigkeit eines Juden dem Judenthume gegenüber ist, bewußt oder unbewußt, eine Lüge. Schwer belastet begann Disraeli seine politische Thätigkeit. Drei Kräfte zerrten an ihm und zogen ihn nach drei verschiedenen Seiten. Der Ehrgeiz drängte ihn nach einer Machtstellung um jeden Preis, das ererbte Stammesgefühl erhob bald laut, bald leise, aber immer eindringlich seine Stimme, und das christliche Bekenntniß zog ihn mit unabweislicher Gewalt immer wieder zur Kirche zurück. Wo findet sich der Seelenkenner, der aus diesen drei Kräften das Ergebniß construirt? Und da wundern sich die Biographen über Räthsel und Widersprüche — ich wundere mich, daß es ihrer im Widerstreit der Kräfte nur so wenige gab. Der Fluch des Juden in der modernen Gesellschaft, daß er nie und nirgends außer auf dem Gebiete des rein Handwerksmäßigen in Gewerbe und Wissenschaft seinen ganzen, vollen, wahren Menschen einsetzen kann, weil diese Gesellschaft in ihrer Beschränktheit eher einen Reflex ihrer selbst, als urwüchsige, wenn auch nicht auf dem gleichen Boden und unter gleichen Bedingungen gewordene Eigenart verträgt, dieser Fluch des Halben und Gezwungenen lastete noch schwerer auf dem getauften Juden Disraeli, der den Ehrgeiz besaß, die allerchristlichste Nation der Welt zu regieren. Daher ist nichts ganz, nichts absolut wahr, nichts bis in die letzten Folgen ausgesprochen in den Reden und Schriften Disraelis — keine der drei Kräfte kommt allein und ganz zur Wirkung, sie wird stets von den zwei anderen auf halbem Wege gestört und zum Stillstand gebracht. Auch zum Judenthum hat Disraeli kein ganz aufrichtiges Verhältniß, konnte er keins haben. Er hatte die Wahl zwischen Liebe und Haß; er konnte, wie die meisten Christen jüdischer Abstammung vor ihm, seinen neuen Glauben durch eifrige Verleumdung des alten bekunden, er konnte seine Zugehörigkeit zum neuen Volksthum durch die Herabsetzung des alten beweisen, und wie die Geschichte lehrt, hat diese Methode noch keinem Neuchristen geschadet. Hat vielleicht Disraeli eine zu gute Meinung von den Engländern gehabt, um sich von einem solchen Vorgehen Erfolg zu erwarten? Hat er den religiösen Liberalismus kommen sehen und danach sein Verhältniß zum Judenthum eingerichiet? Die Leute, welche in Disraeli eine reine Rechenmaschine sahen, wären vielleicht geneigt gewesen, in seiner immer wieder betonten jüdischen Abstammung einen Beweis von kluger Voraussicht und großer