Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- London [Nachricht] / J. de H.
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1. Seite 13. Freunde aus Atlanta — „daß es nicht ganz leicht war, eine günstige Stimmung für unsere Sache zu erwecken. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Juden in den Vereinigten Staaten alle Freiheiten und vollständige Gleichberechtigung genießen. Ihr Wohlergehen wird durch die confessionelle Frage in keiner Weise beeinträchtigt. Die Gunst dieser Zustände ist nirgends auf der Erde so ausgesprochen wie hier." Nach diesen reservirten Mittheitungen macht aber mein Freund eine um so merkwürdigere, wenn er mir wörtlich schreibt: „Die Christen sind mit uns und erbieten sich, eine volksthümliche Subscrtption von 1—10 Millionen Dollars für die Zionssache einzuleiten. Diese Subscription würde einen sicheren Erfolg versprechen." 1. äs 8. Rumänien. Galatz. (Orig.-Corresp.) Die Vereinigung der Zionisten Rumäniens mit dem Hauptsitz in Galatz hielt am 26. und 27. v. M. im Tempel zu Galatz ihre dritte Generalversammlung ab. Die Versammlung bot ein äußerst interessantes Bild der einigenden Kraft des zionistischen Gedankens. Es waren nicht nur die zwanzig Localcvmitös durch Abordnungen vertreten, auch viele andere, allgemeine jüdische Vereine waren erschienen und nehmen den lebhaftesten Antheil an der Debatte. Es wurde von den Vertrauensmännern der einzelnen Städte ein Cenralcomitö für Rumänien gewählt, dem alle Corperationen unterstehen. Für den Zionistencongreß in München wurden als offieielle Vertreter der Juden Rumäniens die Herren Pineles, Dr. Lippe und Heinrich Rosenbaum delegirt. Sonntag den 29. d. M. findet in Jassi eine Versammlung statt, die den Reigen der vom Lion unternommenen Wandervorträge eröffnen wird. Bulgarien. Sophia. (Orig.-Cocresp.) Die von bulgarischen Juden begründete Colonie Hartow in Palästina wird von diesen bereits bebaut. Vor Ostern giengen dahin 15 Personen ab. gewesene Kaufleute und Krämer. Ermuthigt durch die günstigen Nachrichten, die hier aus den Colonien eingetroffen, beschlossen sechzig Familienväter, eine neue bulgarische Colonie zu gründen. Fast jede Woche wandert eine kleine Zahl nach Palästina aus, um in den Colonien Arbeit zu suchen. Eine interessante Episode ereignete sich erst kürzlich. Unter diesen Emigranten befand sich auch ein ProselyL aus dem kaukasischen Stamme der Sabbathianer, jener russischen Secte, welche spontan zuerst den Sonntag verwarf, dann die Trinitätslehre mit den jüdischen Speisegesetzen vertauschte und schließlich einzelne vom orthodoxen Christenthume zum orthodoxen Judenthum bekehrte. Der Vater unseres Proselyten ließ sich vor zwanzig Jahren mit seinen Söhnen in den Bund Abrahams aufnehmen. Von der großen zionistischen Volksversammlung wurde Ihnen bereits berichtet. Inzwischen haben die orgamsirten Zionisten Bulgariens dem Comits Synagogal» das gegen den Zionismus Stellung genommen, und dem Chacham Baschi von Sophia, Rabi Mosche Lewi, der vor wenigen Monaten das bulgarische Blatt „Ewrejski Glaß" in den Bann gelegt hatte, ihr Mißtrauen und ihre Mißbilligung ausgesprochen. Diese gegnerische Haltung gewisser Juden einerseits und die begeisterte Aufnahme, die der Zionismusin unseren Massen gefunden hat, anderseits, bringen manchenWohlsituirten, der ein guter Jude, aber auch ein kluger sein will, in Verlegenheit. Darum wird die Verlegenheitsparole ausgegeben: Beschicken wir den Münchener Congreß, aber warten wir bis dahin. Hoffentlich werden diese Herren auf dem Congresse nicht nur die nöthige Aufklärung, sondern auch die nöthige Portion Muth finden. Philippopel. (Orig.-Corresp.) Das Centräleomito der Zionisten Bulgariens hatte die diesjährige vierte Generalversammlung nach Philippopel einberufen und dazu die dem Zionismus gegnerisch gesinnten Corporationen eingeladen. Nach vierzehntägiger Debatte erklärte sich die Versammlung solidarisch mit den Zionisten aller Länder. Demgemäß drückt sie den Einberufern des Zionisteneongresses in München ihre wärmste Sympathie und ihr vollstes Vertrauen aus und versicherte sie ihrer unwandelbaren Solidarität, sowie ihrer moralischen und materiellen Unterstützung. Es wurde ferner beschlossen, einen Appell an die jüdische Jugend Bulgariens zu richten, sich dem Central eoinitö in Sophia anzuschließen und nebst der officiellen Abordnung der Zionsvereine auch für eine würdige Vertretung der Jugend Bulgariens am Münchener Congresse zu sorgen. Zeitschriften-Rundschau. Zwei Gegner unserer Richtung, mit denen wir uns gern auf einen Meinungsaustausch einlassen, weil sie im Streit loyal Vorgehen und etwas zu sagen haben, sind die Herren Dr. Simon Stern in Saaz und Dr. Adolf Silberstein in Budapest. Dr. Stern schreibt in der Mai-Nummer der „Jüdischen Chronik": Wenn wir aber auch keine Nationa finden sind, wünschen wir doch — auf die Gefahr hin zu jenen gerechnet zu werden, die sowohl In, als auch Nein sagen" — daß ein jüdischer Staat entstehe. Irgendwo in Palästina oder in Argentinien oder meinetwegen in Afrika, errichtet von Nachkommen der Patriarchen oder von Juden anderer Abstammung. Aber durch eigene Kraft, wie die Puritaner die Vereinigten Staaten von Nordamerika begründet haben. Aus zwei Ursachen: Erstens, weil ein jüdischer Staat besser für unser religiöses Ideal wirken könnte, als dies jetzt möglich ist. Zweitens, weil man uns jetzt den Vorwurf macht: Ihr denkt kosmopolitisch, weil ihr keinen Staat bildet, wie der Arme den Luxus und die Macht des Reichen verurtheilt, weil er sie nicht besitzt. Ja, laßt uns Zionisten in solchem Sinne sein. Laßt uns diesen Zionismus nach Galizien und Rußland exportiren. Laßt uns predigen und lehren, daß man sich nur durch eigene Kraft helfen könne. Die jungen Leute, die Muth und Kraft besitzen und denen die alte Heimat aus der einen oder der anderen Ursache zu enge ist, die sollen mit ihren jungen Frauen hinausziehen, sich dort jenseits des Meeres eine Heimat gründen, und wenn nöthig vertheidigen. Aus einer solchen Colonie kann ein jüdis-ber Staat werden, aber nicht aus einer mit Geld erkauften. Was den Mormonen gelungen ist, wird wohl auch den Juden gelingen, und nur Leute, die sich eine neue Heimat errungen haben, dürfen dann auch Nationaljuden und nationale Zionisten, wir aber dürfen nur religiöse Zionisten sein. Herr Dr. Stern sagt in seinem interessanten Aufsatz noch Anderes, womit wir weniger einverstanden sind. Wir begnügen uns erfreut damit, diejenigen Punkte hervorzuheben, auf denen wir einander nahe sind. Von einer anderen Seite nähert sich Dr. Adolf Silberstein in einem Leitartikel des „Pester Lloyd" unserer Sache. Dieser geistreiche Schriftsteller findet, daß es denn doch nicht mehr angehe, den Zionismus einfach zu ignoriren; „man müsse sich schon aus kulturhistorischen Gesichtspunkten mit dieser Renaissance des Nationaljudenthums befassen." — Bedenkt man die verhältnismäßig günstige Lage, in der sich die ungarischen Juden befinden, so wird man mit wirklicher Befriedigung lesen, was Silberstein sagt: „Und doch möchten wir einige leise Einwendungen gegen diese und jene These des gelehrten Wiener Predigers (Güdemann) machen. Trotzdem der jüdische Nationalverband längst anfgehvrt hat, ist die Pflicht der jüdischen Glaubensgenossenschaft gegen die Mitgläubigen durchaus nicht erloschen. Der ungarische Katholik wird mit dem französischen Katholiken fühlen. So wird es dem ungarischen Juden wohl durchaus nicht gleichgiltig bleiben dürfen, ob einige Millionen der Anbeter und Verkündiger des einigen Gottes obdachlos in der Welt herumirren, oder nicht Es wäre übertriebene Furchtsamkeit, ignoriren zu wollen, daß ein gemeinsamer Glaube zwölf Millionen Menschen, wenn sie auch in aller Herren Länder zerstreut sind, in gleicher Weise beseligt. Die ungarischen Juden, so gute Patrioten sie sind und eben weil sie es sind, brauchen keiue Scheu davor zu hegen, der Verbesserung des Loses ihrer anderwärts geborenen Glaubensgenossen Sympathieen entgegenzutragen. Und wenn die ganze Idee der Zurückgewinnung Palästinas auch nichts als ein Utopien ist, so verdienen doch die dahin gerichteten Begebungen, so weit deren Kern ein rein philantropischer und confessioneller ist, durchaus keiue Bekämpfung oder Verhöhnung seitens Derjenigen, welche in vorderster Reihe berufen sind, den bedrängten Glaubensgenossen über die ersten Lebensfragen hinauszuhelfen. Der Patriotismus steht doch unter keinem Jnqnisitionsgericht und wenn er darunter stünde, wäre es erst recht schlimm um ihn bestellt." Utopie, sagen Sie, Herr Doctor? Hui vivrn, vsma. -. - Feuilleton. Lord Beacoiisfield Von Leon Kellner. Den Fernstehenden schien das fremdartige Gesicht von einer undurchdringlichen Maske geschützt; die Bekannten klagten über Verschlossenheit und Cynismus; die intimen Freunde oder die, welche sich für solche hielten — denn es ist noch nicht erwiesen, daß Disraeli jemals wirkliche Freunde besaß — fühlte sich durch räthselhafte Sprünge und abstoßende Widersprüche in seinem Wesen verletzt. Vortreffliche Köpfe unter den Christen haben es an der Hand eines reichen, aus erster Quelle geschöpften biographischen