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Die Welt · 1897-06-04 · 1 (4.6.1897) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
1 (4.6.1897)
Article
Köln [Nachricht] / F. S.
Date
1897-06-04
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seile 12. Nr. 1. herauszugeben, d. h. einen Kalender mit literarischen und belletristischen Beiträgen im Sinne des jüdischen Volksgeistes. Das Büchlein wird an Inhalt und Form reich ausgestattet sein und sehr wenig kosten, damit es auch den Aermeren möglich wird, sich dieses Büchlein anzuschaffen . Um der individuellen Freiheit der einzelnen Mitglieder einen weiten Spielraum zu lassen, haben wir keine Statuten, sondern nur drei Thesen zur Grundlage unserer Vereinigung gemacht. Wer diese Grundprincipien unterschreibt, mit dem arbeiten wir freudig zusammen. So dürfen wir trotz aller Hindernisse hoffen, allmälig die reif denkenden Stammesgcnossen in Köln und in Deutschland zu überzeugen, daß wir nur das wollen, was die Vernunft und die jüdische Geschichte gebieten, daß der Zionismus das einzige Mittel ist, um die Juden körperlich, geistig und sittlich zu regeneriren. I'. 8. Frankreich. Maris. (Orig. Corresp.) Am 9. Mai fand hier im Palais der Baronin Hirsch unter dem Vorfitze Narcisse Leven's die Jahres-Versammlung der „Jewish-Colonisation-Associatiou" statt. Der Bericht, und zwar der Verwaltungs-, nicht aber der Finanzbericht, der hiebei vorgetragen wurde, schafft uns eine genaue Uebersicht und einen tiefen Einblick in das große Werk, das Baron Hirsch als seine Lebensaufgabe betrachtet hat, und von dem sich anfangs die Optimisten eine Erlösung der politisch und ökonomisch leidenden Judenschaft versprochen haben. Der Jahresbericht läßt dem Eifer, dem Fleiß und der Arbeitsamkeit der Colonisten alle Gerechtigkeit angedeihen, abe r er kann nicht wegleugnen, daß das Colonisationswerk in Argentinien nicht nur nicht vorwärts kommt, sondern daß es vielmehr zurückgeht. Im Verhältnisse zu der Unsumme und dem administrative» Apparat, die da anfgewendet werden, ist das Resultat minimal. Gegenüber den Heuschrecken, die alljährlich die ganze Ernte zu Grunde richten, vorausgesetzt, daß die verheerenden Regenstürme die Saat gedeihen lassen, hat sich jedes Mittel bisher als fruchtlos erwiesen. „Es bestand in diesem Jahre die Absicht" — heißt es im Bericht — „die Ernte vor den Heuschrecken dadurch zu schützen, daß früher gesäet wurde, allein die Heuschrecken kamen in diesem Jahre dreimal, noch dazu sehr früh und fraßen die ganze Weizen- und Flachsernte. Es geschah, was irgend möglich war, gegen diese Pest, aber alles erwies sich als nutzlos, auch die großen für den Kampf gegen die Heuschrecken ausgesetzten Belohnungen. Noch ist der ganze Ertrag der Ernte nicht bekannt, doch steht schon fest, daß er kaum die Kosten der Drescharbeit deckt. Alle Colonien find von dieser Calamität betroffen worden, nur Mauricio blieb verschont." Die Bevölkerung der Colonien hat im laufenden Jahre eine Herabminderung erlitten: Von 1222 auf 910 Familien .... Und zwar bewohnen: Die Colonie Moseoville .... 91 Familien „ „ Mauricio .... 187 „ „ „ Clara und Groups' . 588 „ „ „ San Antonio . . . 44 „ Zuf. 910 Familien. Von den Colonisten selbst wird gesagt: „Es steht fest, daß der gute Wille, die Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit der Colonisten im Allgemeinen nichts zu wünschen übrig ließen, aber das erzielte materielle Ergebniß war weniger befriedigend. Zwischenfälle climatischer Natur haben das Gedeihen gehindert." Mit einem weiteren Entschlüsse des Verwaltungsrathes scheint somit das Colonisationswerk in ein neues Stadium zu treten: in das der Sistirung. „Der Verwaltungsrath hat es daher für geboten erachtet, fernerhin keine Colonisten nach Argentinien zu senden, bis die Existenz der jetzigen Ansiedelungen befestigt und gesichert ist." Dafür wendet die Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit einer Action in Rußland selbst zu. Die vom russischen Ackerbauminister in den jüdischen Colonien von Cherson errichtete Ackerbauschule werde von der Gesellschaft unterstützt werden. Mehrere junge russische Juden wurden auf Kosten der Gesellschaft in die Ackerbauschulen der Alliance in Jaffa und Djedeida ausgenommen. Der Bericht verspricht auch, die jüdischen Schulen und Institute für Handwerk und Industrie in Rußland zu unterstützen, sowie ähnliche Institute in Polen zu gründen. Der Bericht erzählt noch von den Fortschritten der Colonie in Canada, vom Transporte der in New-Dork ankommenden Familien „in die industriellen Distrikte des Innern", wo sie freilich ihrem Volke und ihrem Glauben entfremdet werden. Er erzählt überhaupt sehr viel, aber wer etwas exacter denkt, und doch statistische Daten, Ziffern und nicht blos allgemeine Redensarten haben möchte, findet seine Rechnung nicht. Eines erzählt der Bericht aber nicht, was uns auch iuterejsircn könnte und das ist das Verhältniß der argentinischen Colonisten zur einheimischen Bevölkerung, respective die Behandlung, die den Colonisten, die ja schon der Verfolgungen und Mißhandlungen in ihrem Heimatlande genug gehabt haben, hier von den Autochthonen zu Theil wird. Die Zionisten haben es schon vor Jahren prophezeit, daß die Juden, die überall, wohin sie kommen, das Gespenst des Antisemitismus mit sich führen, auch in Argentinien nicht zur Ruhe kommen werden. Die Schwärmer für das argentinische „Königreich" lachten sie aus. Nun wollen wir ihnen folgendes Ereigniß erzählen, das aus Buenos-Ayres berichtet wird. Vielleicht werden sie doch bekehrt. Die Colonie „Mauricio" blieb Heuer glücklicherweise von der Heuschrecken-Pest verschont. Dafür stellte sich eine andere nicht minder gefährliche ein: Die GauchosI Herbeigelockt durch den günstigen Ausfall der Ernte, animirt durch die Schutzlosigkeit der Colonisten, die in isolirten auf mindestens 100 Aards von einander entfernten Hütten wohnen, überfielen diese wilden Gesellen die Colonisten Kronberg, Garfunkel, Risnik, Scharegrodsky und Rosenwasser. Letzterer wurde dabei am Kopfe verletzt, der Frau Garfunkel wurde das Nasenbein gebrochen. Hierauf sandten die Colonisten eine Deputation zur Direction nach Buenos-Ayres mit der Bitte, daß ihnen gestattet werde, dicht nebeneinander in compacteren Dörfern zu wohnen. Dieses Ansuchen wurde zurückgewiese», aber dafür eine Polizeiwache von — 15 Mann, zwölf Juden und drei Christen creirt. Diese sollten nun alle die zerstreut liegenden Hütten rechtzeitig schützen können . . . Schade, daß uns der Bericht von diesen Erfolgen des argentinischen Colonisationswerkes nichts zu erzählen weiß. Maris, 28. Mai. (Orig.-Corresp.) Nach den Nachrichten, die aus ^.Algier hierher gelangen, ist in Oran und Mostaganem die Ruhe wieder hergestellt. Neunzehn Excedenten wurden sofort zu Strafen von fünf Tagen bis zu drei Monaten verurtheilt. Sieben, die Ausländer sind, wurden ausgewiesen. Der Militärschutz dauert fort und die Behörden gehen auf directen Auftrag des Ministers Barthou schonungslos vor. Der Grandrabbin Zadoc-Kahn hat dem Consistorium von Oran 10.000 Francs für die unglücklichen Beschädigten übersandt. Diese verlassen zumeist ihre bisherigen Wohnsitze, um sich in weniger gefährdeten Städten anzusiedeln. Bezeichnend für die Verhältnisse ist es, wenn Henri Rochefort vor drei Tagen verkündete: „Es beginnt bei den Juden, aber bei den Christen wird es enden." Nur der Energie der behördlichen Organe ist es zu verdanken, daß es zum Letzten nicht gekommen ist. Bemerkenswerth ist eine Mittheilung des „Figaro", wonach die Araber in Algier lediglich aus Noth zu den Plünderungen geschritten wären. England London. (Orig.-Corr.) Von New-Iork und Savannah ist mir eine Menge höchst bemeikenswerther Nachrichten zugekommen. Die nichtjüdische Presse in New-Aork beginnt die Judenfrage in ernstlicher Weise aufzurollen, während gleichzeitig ein Theil der sogenannten Judenpresse bemüht ist, den Congreß mit Stillschweigen zu übergehen. Man erwartet aber eine rasche Aenderung der Sachlage. Einige Stellen aus einem amerikanischen Briefe werden Ihren Lesern die Bedeutung der jetzt überall in Amerika abgehaltenen „Meetings" klarstellen: „Erlauben Sie mir, zu sagen," — schreibt einer meiner

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