Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Wien [Nachricht] / L.
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Seite11. „statistische und historische .Leistungen' des Judenthums zu fördern." Das thut sie. Das kostete im letzten Jahre 2149 fl. 46 kr. Sie hat auch ein Recht daraus, stolz zu sein. „Demgemäß subventionirten wir auch im abgelaufenen Jahre solche literarische Erzeugnisse, die besonders geeignet find, dem erziehlichen Unterricht unter den Juden zu dienen", sagt der Bericht. Wer diese hervorragenden „statistischen" und historischen Leistungen aus dem letzten Jahre nicht kennt, ist gewiß ein Ignorant. Und ein solcher fand sich in der Versammlung. Ein Redner fragte, warum man die Namen der Werke und der Autoren nicht Publicire, es könnte dies doch beiden nützen. Herr v. Gutmann antwortete: „Die einlaufenden Arbeiten werden von Autoritäten geprüft; ich nenne nur den Oberrabbiner Güdemann. Wir unterstützen jedoch zumeist die Verfasser nicht wegen ihrer Arbeiten, sondern wegen ihrer Armuth. Sollen wir diese Autoren nennen? Wir wurden uns nur blamirenl" Die Männer, die sich noch gestern als Verfasser von „für den erziehlichen Unterricht der Juden besonders geeigneten Erzeugnissen" schwarz ans weiß gedruckt gesehen haben, sind plötzlich über Nacht zu armen Stümpern, deren man sich schämt, herabgesunken. Es wäre aber undankbar zu übersehen, daß die „Allianz" für die unter den kriegerischen Wirren auf Kreta leidenden Juden eine Action unternommen hat. „Nachdem, unseren Informationen zufolge, die von der türkischen Regierung zur Unterstützung der Nothleidenden gewährten Hilfleistungen den Juden nicht zu Gute kamen" — heißt es im Berichte — „sahen wir uns genöthigt, dem Appell der hilfesuchenden Glaubensgenossen Gehör zu schenken." Die „Allianz" griff tief in den Sack und schickte — 571 Gulden. Oder noch weniger, denn dieser Betrag ist ausgewiesen für die ganze Rubrik „Sonstige Hilfszwecke." Die Einnahmen des Vereines betrugen im letzten Jahre 19.136 fl. und davon entfiel ans die bloße Verwaltung 6.235 fl, somit mehr als 30 Procent. Für diesen Bericht beantragte Herr Dr. Bloch, wie alljährlich, den Dank an den Präsidenten und nach einer kurzen Debatte „wegen vorgerückter Stunde", es war 114/^ Uhr Vormittags, die Wiederwahl der austretenden Vorstandsmitglieder durch Acclamation. Im Laufe der Debatte, zu der sich nur zwei Redner meldeten, beleuchtete Herr Bettelheim die Wirthschast des Vorstandes in zutreffender Weise. Er sagte: „Die Allianz muß beweisen, daß sie existenzfähig und -berechtigt ist. Sie soll durch THaien beweisen, daß sie die Vertretung der österreichischen Jndenschaft ist. Es muß damit angefangcn werden, daß sie etwas leistet. Da sie in Galizien keine Schulen mehr zu errichten braucht, so muß sie sich ein anderes Gebiet aussuchen." Wir haben dem nichts beizufügen. Die einzige That, die der Allianz gutgeschrieben werden kann, ist ihre Emigrations« Thätigkeit im Jahre 1882. Seitdem lassen die „Leistungen" noch immer auf sich warten. In richtiger Würdigung derselben ist die Mitgliederzahl von mehr als 6000 im Jahre 1890 jetzt auf weniger als die Hälfte zusammengeschmolzen. Aber auch die übrig bleibenden Mitglieder geben ihre Beiträge zu allgemein jüdischen Zwecken, und nicht zu Wohlthätigkeits-Acten her, durch die sich einige Personen von persönlichen Verpflichtungen befreien wollen Wir würden über die Scheinexistenz der Allianz kein Wort verlieren, wenn wir nicht der allgemeinen Ueberzeugung Ausdruck geben müßten, daß die Groschen, die von den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zusammengetragen werden, im Interesse des jüdischen Massenproletariats verwendet werden müssen. Ein Verein, der den Zweck hat, „den Juden, dort wo sie als solche leiden, eine wirksame Stütze zu bieten", ist allerdings unter den heutigen Verhältnissen eine Nothwendigkeit. Denn wo leiden die Juden als solche nicht? Brauchen wir etwa über die schwarzgelben Pfähle hinauszugehen? Die Juden, die in Galizien von der Laika raluiWs, die in Mähren vom tschechischen Boycott u. s. w. wirthschaftlich erdrosselt werden, haben die kein Recht auf „eine wirksame Stütze"? Und was wurde bisher für diese ärmsten unserer Brüder gethan? Die „Israelitische Allianz" kann nicht mehr thun. Das geben wir gerne zu. Nur Eins räumen wir nicht ein: diese „Allianz" darf nicht für die Vertreterin der österreichischen Judenschaft gehalten werden. Das ist sie nicht, und sie soll es auch nicht sein. i,. Wie«. (Orig. Corr.) Zu Beginne des griechisch-türkischen Krieges boten sich der hiesigen türkischen Botschaft mehrere jüdische Aerzte als Freiwillige zur ärztlichen Hilfeleistung auf dem Kriegsschauplatz an. Freitag den 28. Mai wurde der Führer der Gruppe, vrä. I. Schallt, vom türkischen Botschafter verständigt, daß das Anerbieten dankend angenommen sei. Die jüdischen Aerzte wurden ersucht, baldigst nach Elassona abzureisen. Daraufhin reiste Montag abends, 31. Mai die kleine Expedition, bestehend aus den Herren Dr. Phisipp Schwarz, Dr. Hermann Metall, Dr. Gottlieb Stern und Dr. Albert Donreich unter Führung Schalit's nach Salonichi ab. Kraka«. (Orig. Corresp.) Am 10. Juni findet vor dem hiesigen Schwurgerichte eine höchst interessante Verhandlung statt, deren Ausfall für die Zukunft des jüdischen Gemeindelebens iu Krakau, aber auch in ganz Galizien von großer Bedeutung sein wird. Als Kläger erscheint der israelitische Cultusvorstand, als Angeklagter Herr CH. N. Reichenberg, der Herausgeber der jüdischen Halbmonatschrift „Spirnvisälirvose" (Die Gerechtigkeit). Seit zwei Jahren erhebt der Letzgenannte die schwersten Angriffe und Beschuldigungen gegen den Cultusvorstand und namentlich gegen seinen Bicepräsidenten, die sich bezüglich des Bicepräsidenten gegen dessen Art des Erwerbes und bezüglich des Cultusvorstandes gegen die von ihm gehandhabte Gewaltherrschaft, bestehend in der Verhinderung der Statuten-Revision, in der Verschleppung der Neuwahlen seit acht (!) Jahren und in der Ungerechtigkeit der Steuer-Repartition richten. Während der Vicepräsident auf die gegen seine persönliche Ehrenhaftigkeit gerichteten Angriffe nicht reagirt, hat sich der Cultusvorstand veranlaßt gesehen, klagbar aufzutreten. Der Angeklagte hat für seine Behauptungen den Wahrheitsbeweis angetreten und ist siegessicher. Gelingt ihm der Wahrheitsbeweis, dann wird nicht nur in Krakau, sondern in vielen galizischen Gemeinden jener Categorie von Leuten, die den Cultusvorstand für ihre persönlichen Zwecke mißbrauchen, das Handwerk gelegt werden. Einen ähnlichen Zweck verfolgte auch die vor einigen Wochen abgehalteue jüdische Volksversammlung in der nach einem Referate unseres Gesinnungsgenossen Dr. Frühling gegen das vom jetzigen Vorstand verfaßte Statut protestirt wurd. Sambor. (Orig. Corresp.) Die hiesigen jüdischen Rechtspraktikanten und Advocaturscandidaten haben an alle ihre jüdischen College» in Ostgalizien einen öffentlichen Aufruf zur Thcilnahme an einem großen, während der Pfingsten in Lemberg abzuhaltenden Meeting erlassen. Zweck desselben soll die Stellungsnahme gegenüber den Praeterirungen jüdischer Rechtspraktikanten bei Ascultanten-Erncnnungen sein. Deutschland Köln. (Orig.-Corresp.) In den letzten Monaten waren wir bemüht, organisatorisch in großem Style zu wirken. Da die deutschen Zionisten bis heute noch jeder einheitlichen Organisation entbehren, machten wir den ersten Versuch, die einzelnen Zionisten zu sammeln. Wir verschickten daher einen Aufruf an alle Zionisten Deutschlands, soweit sie uns bekannt waren, und forderten sie auf, sich der Centrale Köln anzuschließen. Von vielen Seiten gingen uns Zustimmungen zu. Wir streben dahin, im Anschluß an den Münchener Congreß einen Delegirtentag der deutschen Zionisten zu veranstalten, um über Fragen der Propaganda zu berathen. Ein leider nicht seltener Fall zwang uns vor Kurzem, aus unserer Reserve hervörzutreten und uns an alle Stammesgenossen in Köln zu wenden. Unser Rabbiner, ein geborener Holländer, der nachher in Oesterreich naturalisirt war, um dann — wie der schöne Ausdruck lautet — die deutsche Nationalität anzunehmen, hält sich für den berufenen Generalpächter des deutschen Patriotismus und ist bestrebt, den Zionismus zu bekämpfen. Er versuchte anfangs im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur, dem größten Deutschlands, bald in eigener Person, bald durch Männer seines Vertrauens, den Zionismus abzuschlachten. In der Discussion aber wußten die Vertreter unserer Richtung ihre Ueberzeugung gut zu vertheidigen und hatten den Beifall auf ihrer Seite. Nun war er so tapfer, uns von einem Platze anzugreifen, wo wir uns nicht wehren können, von der Kanzel. Wir versuchten, eine sachlich gehaltene Erwiderung dem hier erscheinenden „Israelitischen Gemeindeblatt" einzusenden. Da dasselbe die Annahme ablehnte, ließen wir diesen Artikel als Flugblatt drucken und verschickten es an die meisten Juden Kölns. Jetzt sind wir an der Arbeit, einen jüdischen Volkskalender