Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Herbert Bentwich
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1. Seite 9. Die Verleumder sind nicht ausgestorben, sie finden umso leichteren Glauben bei der Unkenntniß der prachtvollen Eigenschaften des Landes und der gegenwärtigen Verhältnisse in der Bevölkerung. Laßt uns diese crasse und weitverbreitete Ignoranz beseitigen durch eine Reihe von Pilgerfahrten vom Westen nach dem Osten, durch Errichtung von Zeitungen und durch alle Mittel, über die wir verfügen, um die öffentliche Meinung aufzuklären. Das Endurtheil kann keinem Zweifel unterliegen. Mit Zionsgruß Ihr Herbert Bentwich. Zwei Tage in Tarnow. Da fitze ich an der Seite eines polnischen Rabbiners. Es ist kein Wunderrabbi — nein, ein schlichter Gelehrter, ein hervorragender Talmudist, ein Diener am Worte Gottes. Die kleine schmächtige Gestalt ist vom Alter gebeugt, das müde Gesicht — ganz eingehüllt in schneeweißes Kopf- und Barthaar — blickt milde aus sanften blauen Augen. Mühsam erhebt sich der Greis und wirft zitternden Tones einen Satz aus Jesaias in die gespannt aufhorchende Menge, welche die hebräischen Worte murmelnd wiederholt, als Beweis der Vertrautheit mit der Bibel. Es zieht eine festliche Stimmung durch den Raum. Der äußere Schauplatz — wir fitzen in einer hebräischen Schule zu Tarnow, ist festlich decorirt — Teppiche an den Wänden und blanke Glaslampen bieten Farbe und Licht. Diese bescheidene Pracht hat den Vorzug, daß sie die Aufmerksamkeit nicht ablenkt. Aller Blicke sind auf den Rabbi gerichtet, er spricht leise; manchmal erhebt sich seine Stimme — dann leuchtet es auf in seinen Augen, denen eine heiße Sehnsucht entströmt; er hebt in inniger Begeisterung den kraftlosen Arm in die Höhe und hält eine Weile inne. Unten im Auditorium hat man das magische Wort erfaßt und flüstert es sich freudig zu. Zion, Erez Jisrael, das heilige Land der Väter. Dort wollen sie hinziehen, den Boden urbar machen, um nach der Urväter Weise zu leben. Und ein Redner nach dem Anderen steht auf; nebst manchem Unbedacht und Ungestüm hört man kluge Worte in bester Form. Die Leute sind wohlgeschult und einige gelehrt. Das sind keine stumpfsinnigen Menschen, die die Last des Kaftans weilerschleppen, wie eine ererbte Krankheit. Wohl aber wissen sie, daß die langen Röcke viel Siechthum und viel Hunger bergen, dem möchten sie abhelfen. Sie wollen keine Assimilation. Die Asfimilirten laufen dem Volke davon, lassen es in seiner Noth verkommen, oder suchen, ans seine Schultern gestützt, Mandate zu ergattern. Es ist ihnen auch in ihrem jetzigen Heim nicht zu helfen — denn ihrer find zu viele — und der Raum zu enge. So tragen sie denn die mühselig erworbenen Gulden zusammen und berathen, wie mit dem geringen Gelde eine Colonie in Zion zu gründen wäre. Das Ergebniß dieser Versammlung meldet ein eigener Bericht. Mir war namentlich das aus 24 Orten Galiziens versammelte Publicum merkwürdig. Da ist der Vertreter einer Gruppe von sieben Familien aus einem Bergdorfe. Der kräftige Körper, das in der Freilust gebräunte Gesicht verrathen die Vertrautheit mit körperlicher Arbeit. Alle seine Mandanten betreiben den Ackerbau und da sie auch in der hebräischen Sprache bewandert find, werden sie drüben bald heimisch sein. Neben dem kräftigen Mann mit langem schwarzem Bart fitzt ein bleicher, schmaler Talmudgelehrter. Nun erhebt sich ein Mann, durch dessen Augengläser besonders kluge Augen blicken. Er spricht die meisten europäischen Sprachen geläufig, ist philosophisch gebildet, führt eine gute Feder und ist dabei ein — Chassid. Kaum vier bis fünf Personen tragen moderne Kleider. Aber auch diese Männer im Salonrock und Cylinder denken wie die Anderen: sie wollen nach Zion, sie wollen die Erlösung ihres Volkes. Sie erwarten keine Reichthümer, kein bequemes arbeitsloses Leben; nein, sie erhoffen ein Land, in dem man ihnen nicht verargen kann, daß sie Juden find — weil es das Land ihrer Väter ist. Magisch zieht sie die Vatererde, der heilige Boden zurück. Das Wort Zion einigt den alten Rabbiner, den Mann, dessen Leben im Talmud wurzelt, der Hebräisch als seine Muttersprache betrachtet, mit modern empfindenden galizischen Juden und mit uns Wienern, die wir eine Befreiung dieses Volkes ernst anstreben. Der Helle Schein dieses einen' Wortes, geleitet mich hinaus, uud erhellt meinen dunklen Weg durch die Gassen der Judenstadt von Tarnow. Ich will nicht sagen, daß es Aehnliches in der Welt nicht gibt. In gewissen Quartieren Londons und nahe dem wsroato veoodio in Neapel kann man denselben Jammer finden? Denselben? Nein, das Elend hier ist ergreifender. Jenen Unglücklichen find die Wege in die Freiheit offen. Diese hier find mit eisernen Fesseln umklammert. Das Vorurtheil, der Druck der Jahrtausende hält sie nieder. Dort der Greis in zerschlissenem Kaftan neben einem halbbekleideten Knaben. Die offene Thür deutet auf einen Kramladen, doch die Waare fehlt. Einige Fetzen in der Ecke, zwei alte Bürsten, einige eiserne Reifen und ein zerschlissenes Blechöflein, sehe ich in dem engen Raume. Das ist der Besitz, von dessen Umsatz sie sich nähren sollen. Der Alte blickt argwöhnisch nach mir. Ein Käufer bin ich nicht — also ein Spötter. Er streicht den graumelirten Zottelbart zurecht und schaut dann an mir vorbei. Der Knabe fühlt sich unbehaglich unter meinen prüfenden Augen. Er flüstert dem Alten etwas zu; dieser zuckt die Achseln. Ihm ist alles gleich. Sein Elend kann nichts erhöhen. Und Du mein Junge, wirst Du auf diesen Lumpen weiterhausen und alt werden und elend bleiben? Denn ein Laden ist wie der andere und Dein Nachbar ist elender als Du, weil die ägyptische Augenkrankheit an ihm zehrt. Die Frau zur Linken säugt das fünfte Kind, während die anderen vier in Lumpen gehüllt zu ihren Füßen sitzen. Und gegenüber tritt eine Hochschwangere die Nähmaschine, tritt sie Stunde um Stunde, um 10 Kreuzer — zehn Kreuzer — im Tage zu verdienen. Nicht wahr, mein Junge, die Nachbarn können Dir nicht helfen. Denn von den 16.000 Juden der Stadt leben Wohl 10.000 im Elend. In die Welt gehen sollst Du nicht, der alte Vater will's nicht. Er fürchtet, Du könntest Dich verlieren, ihn gar, wenn Du „ausgedatscht" bist, verachten. Ach, sei nur ruhig, es mag Dich auch Niemand da draußen. So gehe in die Handwerkerschulen der Hirsch-Stiftung. Sie ist Dir zu polnisch, zu wenig jüdisch. Die Rabbiner wollen es nicht. Ich aber sage Dir, mein Junge, Du sollst uns nicht in der „Gasse" von Tarnow verkommen. Du hast kräftige Arme! Ein Schmied sollst Du werden, ja, gerade ein Hufschmied. Die Ackergäule in Palästina müssen doch beschlagen werden. Palästina, Zion, das ist das Losungs-, das Erlösungswort. Nicht wahr, mein Alter, für Zion soll Dein Junge lernen, was nothwendig ist? Er soll Pferde beschlagen oder den Pflug führen, den Hammer schwingen oder den Spaten gebrauchen. Denn arbeiten wollen die polnischen Juden, und Juden wollen sie dabei bleiben. Was noch Keinem gelungen ist — uns könnte es gerathen: Lust und Licht in das Ghetto Polens zu bringen, denn mit uns find die Satzungen der Religion und ihre Hüter, die Rabbiner. Und auch die gebildete Jugend wird mit uns gehen, diese Jugend, die socialistisch ist in Galizien. Trotzdem, nein, eben deswegen wird sie mit uns gehen. 8t. * . * Tarnow. (Orig.-Bericht.) Am 19. und 20. Mai fand die erste constituirende Generalversammlung des galizischen Vereines für Colonisation Palästina's, „Ahawas Zion in Tarnow" statt. Es galt ein schweres, fast unnahbares Problem zu lösen. Das traditionelle, zum Theil begründete, zum Theil durch die ununterbrochene ThätigkcitprvfessionellerMinirer stets von Neuem geweckte und genährte Mißtrauen der conservativen Kreise, die in Galizien wenigstens die einzigen sind, welche das Judenthum noch nicht prcisgegeben, war zu brechen. Zu dem Zwecke mußte langsam, fast Schritt für Schritt, doch systematisch vorgcgangen werden, mußte mit jeder Handlung, jeder Thal von Neuem documentirt werden, daß es sich nur um den reinen Zionismus handle, dem alle Nebenbestrebungen vollkommen fremd sind. Wie vollständig dies nun gelang, das erwies diese erste Generalversammlung des „Ahawas Zion". Und in diesem Sinne schon ist die Betheiligung an derselben höchst symptomatisch: Ein achtzigjähriger Greis, der in streng conservativen Anschauungen geboren und alt geworden, durch dieselben, wie