Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Finanzgeschichten
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 1. Die Herren von der christlich-socialen Parteileitung dürften sich aber auch darüber im Klaren sein, daß der „apxvl »n xsnxls", das finanzielle Aufgebot des kleinen Mannes, das sie, solange fie in der Opposition gewesen, als die einzig correcte Form einer Anleihebegebnng angepriesen hatten, die reine Spiegelfechterei ist. Sie hatten ja noch damals Gelegenheit, sich davon praktisch zu überzeugen und können unmöglich die Erfahrungen des 28. Juni 1894 vergessen haben. Damals wurden 20 Millionen Kronen der 4percentigen Wasferanleihe zum Curse von 97 Percent aufgelegt, und zwar wurde unter dem Drucke der antisemitischen Agitation unter Umgehung der Banken das Publicum zur directen Zeichnung bei den städtischen Cassen eingeladen. Das Resultat war kläglich; es wurde kaum eine Million subscribirt und wenn nicht die Banken auf dringende Bitte des Bürgermeisters Dr. Prix in zwölfter Stunde durch Zeichnung großer Posten beigesprungen wären, so wäre das Masco ein ganz offenkundiges geworden. Nebenbei bemerkt, ist man den Banken den Dank für diese vollkommen uneigennützige Hilfsaction sowohl unter dem liberalen, als dem jetzigen Regime schuldig geblieben. Auch die Erfahrungen, die die Postsparkasse als Zeichenstelle der dpercentigen Jnvestitionsanleihe ganz kürzlich gemacht hat, find nicht geeignet, auch nur mit der allergeringsten Zuversicht zu erfüllen. Altgewohnte Sitten lassen sich eben nicht durch tönende Schlagworte ändern. Auch scheint es, daß das Feldgeschrei „Kauft nicht bei Juden" sich beim Handel mit Werthpapieren nicht recht bewährten will. Das Dilemma der Herren im Rathhause ist also ganz klar. Man braucht dringend Geld, das aber nur durch Vermittlung jener Banken zu haben ist, zu denen man sich den Weg durch die jahrelange demagogische Agitation verlegt hat. Bleibt also nichts anderes übrig, als daß eben diese Banken selbst kommen, um ihre guten Dienste anzubieten. Offenbar zählt man auf den starken Erwerbssinn der Bankdirectoren, der sich in der jetzigen geschästsarmen Zeit besonders nach Bethätigung sehnt. Man rechnet im Rathhause sehr mit diesem Umstande und man ist auch so klug, auf allerlei Art und durch die verschiedensten Medien anzudeuten, daß man ja unter vier Augen gar nicht so böse sei, als man sich öffentlich stellt. Geschäft kenne keine Confession, und umsonst sei der Tod; ja man sei sogar nicht abgeneigt, als kleines Schmerzensgeld — sozusagen für Schimpf und Schande — recht coulante Bedingungen zuzugestehen. Darin liegt für einen Bankdircctor, der gewohnt ist, an die Dividende der Aktionäre und an seine eigene Syndikatsbetheiligung zu denken, gewiß eine starke Verlockung. Trotzdem aber halten wir es für ganz undenkbar, daß sich unter diesen Herren auch nur Einer finden könne, der dieser Versuchung unterläge. Wenn der armselige galizische Factor heute um ein Geschäft auf das Gut kommt, von dem er gestern mit Fußtritten weggejagt wurde, so hat er dafür eine Entschuldigung: seine Kinder, die nach Brot schreien. Welche Entschuldigung aber hätte die Wiener Bank, die sich unter so entehrenden Umständen um ein Geschäft bewerben oder es auch nur in Erwägung ziehen wollte? Die Sache wäre so schmachvoll, daß wir ihre Möglichkeit für ausgeschlossen halten! Die Wiener Finanzwelt hat in den letzten Dezennien viel von dem Odium abgestreift, das ihr aus ftühercn Zeiten anhaftete, fie wird die mühsam erworbene Rehabilitation nicht für ein Achtel Perzent Provision wieder preisgeben wollen. Hier steht übrigens mehr auf dem Spiele, als bloß die Ehre der Wiener Bankdirectoren, zu deren Vertheidigung wir uns nicht im geringsten berufen fühlen. Die vielgerühmte Solidarität der Juden existirt Wohl nicht in Wirklichkeit, aber doch noch immer in der christlichen öffentlichen Meinung; die Welt identificirt einmal das Finanzgeschäft mit dem Judenthum, und dies so sehr, daß der ärmste jüdische Hausirer im letzten Vorstadtwirthshause es büßen muß, wenn am Schottenring oder in den dahin mündenden Gassen ein Finanzscandal losgegangen ist In diesem Sinne ist die bevorstehende Wiener Stadtanleihe eine uns interesfirende Angelegenheit und deshalb werden wir von unserer Unabhängigkeit den umfassendsten Gebrauch machen, damit nicht ein „Geschäft" gemacht werde, das dem armen, mit Seife und Cravatten handelnden Judenweibe als Schmach seines Stammes ins Gesicht geschleudert werden kann. Ungarische Grenzsperre. Budapest, Ende Mai. In Ungarn ist der Antisemitismus ofstciell noch nicht rezipirt. Es fehlt Wohl in der Gesellschaft nicht an antisemitischen Stimmungen — eines der ersten Casinos des Landes, das unter dem Präsidium Wekerle's stehende Gentrycafino nimmt keine jüdischen Mitglieder auf — in der Studentenschaft herrscht Feindseligkeit zwischen christlichen und jüdische Studierenden, in den Aemtern ist der Jude noch immer kein gern gesehener Concurreut; Regierung und Parlament aber halten sich frei von antisemitischen Anwandlungen und wenn doch Maßregeln getroffen werden sollen, die jüdische Einwanderung aus Galizien einigermaßen einzudämmen, so sind diese Maßregeln ausschließlich von Rücksichten auf die ungarländische Bevölkerung namentlich in den nördlichen Comitaten dictirt, nicht aber von antisemitischen Gefühlen oder Erwägungen. Die Regierung ist in ihrer Vorsorge gegen jede Art von Mißdeutung ihres Verhaltens soweit gegangen, sämmtliche jüdischen Rcichstagsabgeordneten zur Theilnahme an der Enquete aufzufordern, in welcher über Maßregeln zur Linderung des Nothstandes in den von der Einwanderung am stärksten betroffenen Gegenden berathen wird. Es handelt sich da in erster Linie um die Comitate Bereg und Marmaros, Ung und Szatmar, deren Bevölkerung großentheils aus Ruthenen besteht. Unsere eingeborenen Juden, die sich bemühen, wenn auch nicht im magyarischen Stamme aufzugehen, so doch nützliche Glieder des ungarischen Staates zu werden und die größtentheils auch auf durchaus erfreuliche Resultate ihres Bemühens Hinweisen können, diese europäischen oder magyarifirten Juden find durchaus nicht erbaut von diesem fortwährenden Zuflüsse. Sie meinen ebenfalls, daß Ungarn für seine Bedürfnisse schon vollauf genug Juden besitze. Nichtsdestoweniger plant die unter dem Vorsitz des griechischkatholischen Bischofs Firczak von Ungvär tagende^ Enquete keineswegs eine vollständige Grenzsperre gegen die jüdische Einwanderung. Man will sich vorläufig nur mit Meldungsämtern begnügen, bei denen die Einwanderer nachzutteisen hätten, daß fie über Subsistenzmittel verfügen und nicht eventuell sofort den Gemeinden zur Last fallen, oder aber, daß fie eines Gewerbes kundig find, das ihnen einen erlaubten Erwerb im Lande sichert. Ob diese Maßregel ausreichen wird, darf wohl bezweifelt werden; es ist ein Nothbehelf, nicht mehr. Es gibt auch Juden, welche die partielle Grenzsperre billigen. Eine Frage bleibt freilich, was mit dem russisch-polnisch-jüdischen Proletariat anzusangen sei. Ein Moses müßte kommen, der diese Aermsten zu neuen Heimstätten führt. Wir hoffen Alle, daß der Zionismus dieser Moses, sei und so verfolgen auch Diejenigen die Bestrebungen des Zionismus mit Sympathie, die vorläufig keinen Grund haben, ihr gesittetes Vaterland gegen ein neues, noch nicht urbares zu vertauschen. 6. Kerkert Sentwich» der soeben nach London zurückgekehrte Führer des Palästina- Pilgerzuges englischer Juden, schreibt einem Wiener Freunde folgenden Brief: Lieber Doctor! Als Jurist ersuchen Sie mich, den Advocaten, um mein Urtheil über die Hunderte von Eindrücken, die ich während meiner Reise in Palästina empfangen habe. Ich antworte Ihnen, daß selten ein Land und eine Bevölkerung so abscheulich verleumdet wurden, als Palästina und die dort wohnende Bevölkerung. Palästina ist nicht jene verlassene Wüste, als die es beschrieben wurde, es ist vielmehr so wie einst, noch ein Land von Milch und Honig, des Wiederaufblühens fähig, sowohl im Interesse aller Nationen als auch seiner ehemaligen Einwohner. Das Volk besteht nicht aus Bettlern und Müsiiggängern, wie man es ihren Brüdern in anderen Ländern zum Vorwurfe macht; sondern es find eifrige Arbeiter, Handwerker, Weinbauer, Ackerbauer, Taglöhner aller Art.