Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Dr. Max Nordau
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 1. WAE Seite 7. Dr. Mar Nord an > dessen Bild wir unseren Lesern hier bringen, wurde 1849 in Budapest als Sohn eines jüdischen Gelehrten geboren. In Pest verbrachte er seine Jugendjahre, studirte Medicin und begann schon als Student für Zeitungen zu schreiben. Die Wanderjahre brachten ihn nach allen Ländern Europas. Die Frucht dieser Reisen waren Bücher voll glänzender und tiefer Culturschilderungen, die jetzt schon in alle Sprachen übersetzt find. Nordau machte sich 1878 in seiner Vaterstadt als Arzt ansässig, übersiedelte aber 1880 nach Paris, wo er seither lebt und als Dichter, Journalist und Arzt wirkt. Er wirkt — dieses Wort gilt von ihm. Sein kühnes Buch von den „conventionellen Lügen der Culturmenschheit" trug seinen Namen zuerst weit in die Welt hinaus. Und ebenso mächtig schlug sein letztes Buch „Entartung" ein. Zwischen diesen Kampfbüchern, neben einer großartigen journalistischen Thätigkeit und der ärztlichen Praxis findet dieser ungewöhnliche Mann noch Zeit, in Romanen und Theaterstücken Künstlerisches zu gestalten. Und so gut wie er schreibt, spricht er auch. Er ist einer der besten Redner, und ist es in mehreren Sprachen. Ein reiches und starkes Leben, dem es an äußeren Genugthuungen nicht fehlt. In Paris nimmt er eine sehr angesehene gesellschaftliche Stellung ein, obwohl er ein Fremder ist. Und uns ist er mehr. Tribüne. (An dieser Stelle geben wir gerne Zuschriften Raum, die in schicklichem Ton Angelegenheiten von allgemeinem Interesse oder gerechtfertigte Beschwerden enthalten. Die Redaction.) Ein Nothschrei. Wissen Sie, geehrter Herr, was Judennoth ist? Wissen es die Juden Wien's! Hieher kommet und Ihr werdet lernen, was Judenelend heißt, aber auch Judenverzweiflung. Auf die „bedrängten und verfolgten" russischen und rumänischen Juden lenkt sich Euer Auge, unser gedenkt aber keiner. Und doch haben diese was zum Leben noththut. Wir aber haben nur die Constitution und genießen n u r die Segnungen eines cultivirten Staatswesens. Was haben wir? Haben wir Straßen? Nein! Brücken? Nein! Schulen? Nein! Eine Möglichkeit zum ehrlichen Erwerbe? Nein! Was ist uns die Cultur? Der Gendarm und der Steuercommissär! Man muß Ostgalizien kennen und seine Juden. In den Meierhöfen, Dörfern und Ortschaften Ostgaliziens leben Tausende Juden vom Ein- und Verkauf von Hülsenfrüchten, Eiern, von Trägerarbeiten, Lohn- und Botendiensten. Tausende von Juden, die nichts besitzen als ihre zehn Finger an der Hand und ihre zehn Kinder in der Stube, ohne Brod, ohne Verdienst. Leben! Schändlicher ward dies Wort nirgends parodirt als hier. Und unsere sogenannte Intelligenz, die Oeconomen, Feldaufseher, Propinationssubpächter. Wie leicht fällt ihnen die Intelligenz und wie schwer kommt ihnen das Brod. Ueberall nichts als Elend, Jammer, Arrnuth! Die Noth ist groß, Herr! Von der Regierung verlassen, von Jud und Christ verachtet und zu Boden getreten, kennen wir die Freude nicht wehr, haben wir das Lachen verlernt, aber auch das Weinen. Und doch zählen wir unsere Blutsteuer und doch sind wir die bescheidensten, ruhigsten und folgsamsten Juden, beugen wir uns vor jedem, der einen guten Rock an hat und einen Spazierstock in der Hand, nennen ihn demüthig und ergeben „Herr". Unsere Nahrung ist das gröbste trockene Brod, unsere Kleider Lumpen, unsere Wohnungen verfallene Hütten, unsere Feiertage Kummertage, unsere Kinder ohne jegliche Erziehung. In den ruthenischen Gemeindeschulen lernen die Kinder nichts mehr als das Vaterunser. In die Stadt können wir sie nicht schicken, dazu haben wir kein Geld, und die Erlangung eines Armutszeugnisses ohne Protection ist unmöglich und die Protection ist unmöglich ohne. . . Wir kennen nicht die Freude, unsere Kranken nicht den Arzt und unsere Todten nicht die Klage. Wer soll uns helfen? Die reichen Juden in Lemberg oder in den anderen Städten? die mit dem Adel Hazard spielen und dessen Geschäfte besorgen, die von uns nichts wissen wollen und uns verachten, wie das Vieh im Stalle? denn wir sind ja „die polnischen Juden", sie sind „die Polen". Eher hat der ruthenische Bauer Mitleid mit uns und erschlägt uns. Und der kleine Mittelstand? Tausende sind brodlos geworden durch die Einführung der neuen Brantwein- und Consumsteuer, durch Entziehung des Salzhandels und durch Errichtung der polnischen Consumvereine haben sich unsere Bettler vermehrt! Die Noth hat uns schlecht gemacht und dumm. Bei den letzten Reichsrathswahlen leisteten diese Juden die unglaublichsten Wahldienste. Für zwei Gulden entrissen sie den zur Urne schreitenden Bauern, die Stimmzettel und vernichteten diese, für fünf Gulden prügelten sie unter dem Schutze der polnischen Agitatoren die Bauern und ließen sich mit diesen einsperren. So theuer ist den Juden der Gulden geworden. Und Ostern war vor der Thür! Wir haben die Ostern überdauert, aber wir haben uns den ruthenischen Bauer, diesen ruhigen, friedfertigen Melancholiker, zum Todfeinde gemacht. Die Lage ist kritisch, denn die Regierung kennt uns nicht mehr. Hier muß geholfen werden! Wir wollen keine Zionsvereine mit Purimfeiern und Makkabäerfesten, wir wollen nach Palästina, in unser heiliges Land, um Weingärten zu Pflanzen und den Acker zu bebauen, wir wollen den theueren Boden mit unseren Thränen netzen, daß er eine gute Saat gibt. Wir sind stark. Schwere Arbeit hat uns gekräftigt und gestählt, wir sind Feldarbeiter und Ackerbauer von Beruf, und wir haben gelernt zu entbehren und zu darben. Im Namen von tausend -Juden, die nicht schreiben können, aber mich umstehen und mir ihre Verzweiflung und ihre Sehnsucht in die Seele gießen, bitte ich Sie, flehe ich Sie an: Geben Sie uns ein Stückchen Erde, wir wollen arbeiten, schwer arbeiten, es wird uns glücklich machen, arbeiten zu dürfen. Niwra, Post Krzywize, Galizien. Josef Feldmann. Finanzgeschichten. In jenen finanziellen Kreisen, die noch die Gewohnheit haben, ein Geschäft auch auf seine Anständigkeit zu prüfen (und es gibt solche Finanzkreise noch immer) wird die Entwicklung der Wiener städtischen Finanzen mit begreiflicher Spannung und steigendem Unbehagen verfolgt. Mit Spannung, weil mit Riesenschritten der Augenblick herannaht, in dem die communalen Machthaber und die Wiener Bankdirectoren sich in einem peinvollen Dilemma befinden werden, und mit Unbehagen, weil leider viele Anzeichen darauf hindeuten, daß dieser oder jener Bankdirector wieder einmal den einträglichen, wenngleich weniger honorigen Ausweg aus dem Dilemma zu betreten vorhabe. Die Commune Wien braucht bekanntlich dringend Geld; man hat sich leichten Herzens in das Gasabenteuer gestürzt und steht vor dem guart L' Iieurs äs Rabelais. In wenigen Wochen werden die ersten großen Zahlungen für gelieferte Materialien zu leisten sein, viele Millionen; Zwangsanleihen bet allen möglichen Fonds (Bürgerspitalfonds, Waisenfonds u. s. w.) können diesem großen Bedarf unmöglich genügen. Man ist sich im Rathhause über alle diese Dinge ebenso im Klaren, wie über die Aussichtslosigkeit aller Bemühungen, die Gasanleihe im Auslande zu placiren. Wir wissen nicht, ob die Schritte, die in dieser Absicht unternommen wurden, officiell oder officiös waren oder der privaten Initiative entsprungen sind; wohl aber wissen wir, daß sie vollkommen resultatlos geblieben sind, und daß weder clericale belgische Financiers, noch die einigermaßen „verjudeten" Pariser Banken, noch endlich die von Herrn Lueger so wenig freundlich behandelten Engländer — die Reisespesen nach London hätte man sich bei einiger Ueberlegung eigentlich ersparen können — Lust gezeigt haben, eine Wiener Stadtanleihe ohne Mitwirkung von Wiener Banken abzuschließen.