Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Die Lehren von Chodorów
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4. MHM' Nr. 1. Die Lehren von Chodoröw. Oesterreich macht Fortschritte. Und da meinen Viele, es werde reactionär. Die Judenexcesse von Chodoröw sind seit Beginn der Verfassung die ersten in Galizien und die brutalsten in Oesterreich. Aber die öffentliche Meinung ging darüber hinweg, wie über ein Elementarereigniß. Das politische Barometer zeigt auf Judenhaß und das Gewitter müsse sich irgendwo entladen. Die polnische Presse rechtfertigte, die socialdemokratische entstellte, die übrige schwieg. Die Polen interpellirten pro korma und während auf dem Grabhügel des Chodoröwer Opfers Moses Stein Gras wuchs, vergilbte das Papierstück im Korbe des Ministerpräsidenten. Inzwischen machte Chodoröw Schule. Bolechow folgte. Die galizischen Juden wissen, daß Oesterreich ein Parlament hat, denn sie haben es während der Wahlen gespürt. Und in diesem Parlament wollte Niemand über die Affaire von Chodoröw Klarheit schaffen. Wenn es die Hausjuden des Polenclubs nicht thaten, so fand man es begreiflich. Aber die socialdemokratischen Abgeordneten Daszynski und Kozakiewicz, denen sich die Krakauer und Lemberger Juden mit Haut und Haaren verschrieben haben, schwiegen. Da sich nun Niemand um die Excesse von Chodoröw kümmerte, so glaubte ich den Fall in der „Zeit" beleuchten zu sollen. Für jeden, „der politisch empfindet" — Herr Daszynski gebraucht mit Vorliebe diese Phrase — mußte es sich in der Affaire Chodoröw um Eines handeln: ob es angehe, daß in Oesterreich Menschen am helllichten Tage in Anwesenheit der Gendarmerie erschlagen und beraubt werden. So stellte ich meine Frage auf. Herr Daszynski sah sich veranlaßt, mir zu antworten. Aber er weicht dieser Frage aus. Er antwortete blos mit einer Satzschrift, notabene noch nach der alten Civilproceßordnung. Denn sie enthielt lauter Widersprechungen. Nur die Genauigkeit meines Berichtes über die Excesse gab er zu, aber er behauptete, daß sie auf „locale" Gründe zurückzusühren seien. Und auf meine Widerlegung seines Artikels antwortet Herr Daszynski mit Schimpfereien. Das war bequemer Doch der Cultusvorstand von Chodoröw kam Herrn Daszynski zu Hilfe. Dieser Vorstand wagte es angesichts der lebensgefahrlrchen Drohungen der Arbeiter um Militärschutz „bis Ende Bahnarbeit" zu bitten. Der Cultusvorstand verlangte nicht, daß sich der galizische Statthalter ähnlich wie der General-Gouverneur von Kiew aus Anlaß der Excesse in Spola entschuldige, er verlangte nur einige Soldaten, die auch von ihren Steuern bezahlt, die auch aus ihren Reihen contingentirt werden. Aber Herr Daszynski nennt das „Feigheit". Und darum geschieht den Juden Recht. Hoch Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit! Nicht wahr, Herr Daszynski? Und dann warnt er die Juden vor den Zionisten, weil ihm Einer unangenehm war. Er geht endlich so weit, mich mit Herrn Dr. Bloch in Zusammenhang zu bringen. Herr Daszynski weiß vielleicht nicht, daß ich niemals und die galizischen Zionisten nur insofern etwas mit Herrn Dc. Bloch zu thun hatten, als sie von ihm angegriffen wurden. Herrn Daszyuskis ganzes Vorgehen hat gezeigt, wie es mit den Juden steht, wenn selbst Socialdemokraten, die mit jüdischen Stimmen und Geldern gewählt werden, so handeln. Die Affaire von Chodoröw hat den Beweis erbracht, was die Juden von diesem Parlamente zu erwarten haben, indem unter 425 Männern sich keine 15 gefunden haben, die für das Blut von Chodoröw Rechenschaft verlangt hätten. Das sind die Lehren von Chodoröw. Dr. S. R. Landau. An unsere Leser! In einer der nächsten Nummern der „Welt" beginnen wir die Veröffentlichung einer interessanten Artikelserie des Architekten Hskar Warrnorek unter dem Titel: „Äaugedankerr für Palästina". Die Redaction. Aus Amerika. Die New»Jork er Wochenschrift „Toleranz" bringt einen ungemein interessanten Bericht über die zionistische Massenversammlung, die vor wenigen Tagen in New-Jork stattgesunden hat. Die „Toleranz" schreibt: Die zionistische Bewegung beginnt schon größere Dimensionen anzunehmen und allen Schichten der jüdischen Bevölkerung Interesse einzuflößen. Das jüdische Herz, dessen Empfänglichkeit für ideale Ziele geradezu sprichwörtlich ist, bewährt sich nun wieder einmal, und es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die Begeisterung, die sich für den Wiederaufbau Zions allerorts knndgibt, ein echtes, ein wahres Feuer ist, in dessen Gluth die Kette geschmiedet wird, welche die zerstreuten Kinder Israels zu gemeinschaftlichem Mrken verbindet. Herrn M. Kopfstein, dem Rabbiner der Gemeinde Ansche Chesed und Herrn Michael Singer, gebührt das Verdienst, die Bewegung in New-Iork hervorgerufen, die Judenheit dieser bedeutenden Stadt aus einer Lethargie aufgerüttelt und zum Eingreifen in die Geschichte Israels veranlaßt zu haben. Die beiden genannten Herren, gepackt von der gewaltigen Idee einer Wiedervereinigung der Kinder Israels und bis in's Innerste erschüttert von der Leidensschule, welche Israel sowohl in den ältesten Zeiten, wie auch in den jüngsten Tagen durchzumachen gehabt hat, die beiden genannten Herren nährten und pflegten den Plan, die Judenheit New-Iorks und nach dieser die Judenheit der Vereinigten Staaten für die erhabene Idee Doctor Theodor Herzl's zu erwärmen und nicht allein für die Beschickung des am 25 August dieses Jahres in München tagenden Weltkongresses zu sorgen, sondern — und dies ist von weit größerer Bedeutung — eine stabile Organisation zu schaffen, welche die Verwirklichung der Herzl'schen Idee anstreben soll. Die beiden Herren beriethen zu wiederholten Malen und getragen von der Ueberzeugung, daß freiheitliche Ideen nur in einem freien Lande cultivirt und einer Verwirklichung näher gebracht werden können, gelangten sie zur festen Einsicht, daß die zionistische Idee erst dann in das richtige Fahrwasser kommt, wenn die begeisterungsfähige und opferwillige Judenheit der Vereinigten Staaten, also eine Judenheit, die an der modernen Krankheit Europas nicht unmittelbar leidet, die Idee nicht allein erfaßt und zu der ihrigen macht, sondern sich mit derselben voll und ganz identificirt. Es mußte nun der erste Schritt gethan werden, und dieser erste Schritt erbrachte den glänzenden Beweis dafür, daß die Ncw-Porker Judenheit nicht allein die Idee erfaßt, sondern auch bereit ist, mit voller Kraft für dieselbe einzutreten. Dienstag am 4. Mai war nach Liberty Hall eine Versammlung einberufen, in welcher die Ziele der Bewegung erörtert und eine Organisation zur Verwirklichung jener Ziele geschaffen werden sollte. Und unsere jüdischen Mitbürger strömten aus allen Theilen der Stadt in solchen Massen herbei, daß der große Saal sich als zu klein erwies und viele wegen Mangels an nöthigem Raum wieder den Heimweg antreten mußten. Auf der Plattform saßen Rabbiner B. Drachmann, Rabbiner M. Kopfstein, Rabbiner Philipp Klein, der ehemalige Register Ferdinand Levy und Michael Singer. In athemloscr Spannung harrte die tausendköpfige Menge der Dinge, die da kommen sollten und lautlose Stille herrschte, als Herr Singer die Versammlung mit einem Hammerschlage für eröffnet erklärte. Er begrüßte die Anwesenden in herzlicher Weise und sagte unter Anderem: Das zahlreiche Erscheinen bekunde ein Solidaritätsgesühl, welches, wenn voll und ganz bethätigt, der Judenheit im Besonderen und der Menschheit im Allgemeinen zum Heile gereichen wird. Redner betonte, daß gerade die amerikanische Judenheit, die hier im Vollbesitze ihrer Menschenrechte ist, mit besonderem Gewichte darauf hinarbeiten müsse, daß jenen Brüdern, die in Ländern wohnen, wo die Sonne der Humanität nicht in alle Herzen hineinleuchtet und nicht alle Menschen erwärmt, Gelegenheit geboten werde, sich von einem Drucke zu befreien und mit vereinten Kräften für ihre moralische, geistige und wirthfchaftliche Fortentwicklung arbeiten zu können.