Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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50 Nr 2 sitzer eines Stückchen Bodens zu sein, von dessen Ertrag sie sich selbständig ernähren könnten. Nicht, daß sie etwa davon in materieller Beziehung eine höhere Lebensstellung erhofften. Im Gegenteil: die meisten Arbeiter waren sich darüber klar, daß sie bei angestrengtester Arbeit nur eben ihr Existenzminimum erreichen werden, und hegten auch keine weitergehenden Hoffnungen. Man wollte aber einerseits sich von den unerquicklichen Arbeitsbedingungen, wie sie nun einmal in den meisten Kolonien bestehen, befreien, andererseits war auch das Bestreben mitbestimmend, sich mit einem Stückchen Boden dauernd zu verwurzeln. Beides wurde zum Teil in den Arbeitergenossenschaften für den Getreidebau erreicht, weshalb man auch mit ihnen bisher nur gute Resultate erzielte. Während nun die Arbeitergenossenschaft dort besonders am Platze ist, wo es sich um die Besitznahme neuerworbenen Terrains handelt und wo die extensive Wirtschaftsform von selbst gegeben ist, sind die Arbeiter Siedlungen vorzugsweise in der Nähe intensiver Betriebe sowie der Städte am Platze. Eine derartige Arbeitersiedlung ist somit berufen, „den jüdischen Gärtner, Gemüsebauer und Viehzüchter, mit einem Worte: den künftigen Kleinbauer mit den Gewohnheiten und Traditionen einer jüdischen Landwirtschaft zu schaffen“. Bisher sind allerdings nur spärliche, tastende Versuche in dieser Richtung gemacht worden, die kein abschließendes Urteil ermöglichen. Der Verein „Esra“ hat z. B. in K’far Saba eine ähnliche Arbeitersiedlung schaffen wollen, und es kam, nach Ansicht des Referenten, etwas ganz anderes heraus. An Stelle von Arbeitern, die von ihrer Hände Arbeit leben, wurden meist Aufseher und Bodenbesitzer gewählt, die eben andere als Arbeiter beschäftigen. Aehnlich erging es dem Odessaer Komitee in B'er Jakob. Hingegen hatte der Verein „Esra“ bei seiner Arbeitersiedlung in Chedera mehr Glück, wo die Auswahl der anzusiedelnden Arbeiter den Arbeitern selbst überlassen wurden. Einen vollen Erfolg, wie allseitig zugegeben wird, hatte das Odessaer Komitee mit seiner Arbeitersiedlung Ein Gannim bei Pethach-Tikwah. Der Referent findet, daß dieser Erfolg auf drei bei der Gründung dieser Siedlung realisierten Grundsätzen beruht: Erstens die unbedingte jüdische Arbeit. Dies verlieh dieser Siedlung ihre moralische Kraft und Stärke. Die Idee der jüdischen Arbeit ward diesen Siedlern zu einem mächtigen Glauben. Sie hat ihnen auch über manchen Notstand hinweggeholfen. In diesem Sinne beeinflußt Ein Gannim auch die viel reichere Kolonie Pethach-Tikwah, namentlich die jüngere Generation. Zweitens hatten die ersten Gründer die freie, uneingeschränkte Zuwahl der weiteren Genossen. Dadurch konnte ein gewisser einheitlicher Charakter der jungen Siedlung gewahrt werden und sie hatte es nicht nötig, ihre Energien in persönlichen Reibungen zu vergeuden, die bei einem Konglomerat von heterogenen Elementen unvermeidlich sind. Drittens waren von Anfang an alle Kreditangelegenheiten der Siedl un g auf der Basis der gegenseitigen, solidarischen Haftpflicht durchgeführt worden, wodurch pünktliche Einzahlungen für Boden und Gebäude erzielt wurden. Trotz alledem findet der Referent, daß bei näherem Zusehen auch bei Ein , Gannim keine ungeteilte Genugtuung aufkommen kann. Denn der materielle Erfolg der Siedler von Ein Gannim beruht nur zum Teil auf der -emsigen Bearbeitung ihrer Bodenfläche. Viele von ihnen verdanken ihr wirtschaftliches Vorwärtskommen dem Umstande, daß sie in dem benachbarten Pethach-Tikwah einträgliche Stellen als Aufseher und Betriebsleiter haben. Die Nachbarschaft Pethach-Tikwahs macht sich auch in einer anderen Beziehung geltend: in dem rapiden Steigen der Bodenpreise, so daß die Gefahr naheliegt, daß in wenigen Jahren der Boden so hoch im Preise steigen wird, daß er nur noch als Bauterrain in Betracht kommen wird. Dann aber wird Ein Gannim ein Viertel von Aufsehern und Angestellten geworden sein und nicht mehr eine eigentliche Arbeitersiedlung, wo der Siedler von seiner Hände Arbeit lebt. Um nun auch diesem Uebel bei der zukünftigen Gründung von Arbeitersiedlungen vorzubeugen, schlägt der Referent noch einen vierten Grundsatz vor: Es sollen Maßnahmen getroffen werden, um jede Bodenspekulation innerhalb dieser Siedlungen unmöglich zu machen. Aus diesem Grunde müßte nicht bloß der Nationalfonds, sondern unsere sämtlichen Kolonisationsgesellschaften diesen Grundsatz durchführen. Speziell in den neu zu gründenden Arbeitersiedlungen soll der Boden dem Arbeiter nicht als uneingeschränktes Eigentum, sondern in Erbpacht übergeben werden, wobei dem Arbeiter das Recht des Verkaufes nicht zusteht. Der Referent stellte demnach vier Grundsätze für Arbeitersiedlungen auf: Eigene Arbeit, freie Zuwahl der Genossen, solidarische Haftung und Erbpacht nationalen Bodens. Solche Siedlungen müßten bei jeder bereits bestehenden Kolonie geschaffen werden, ebenso müßte bei der Erwerbung eines jeden neuen Terrains seitens der nationalen Organisationen im voraus ein entsprechender Teil für solche Siedlungen reserviert werden, damit mit dem Einzug des jüdischen Kapitals auch die jüdische Arbeit heimisch werde. Das interessante Referat wurde von der Konferenz mit großem Beifall aufgenommen und . dementsprechende Resolutionen gefaßt. Der neue Vorstand wurde beauftragt, einige noch strittige Punkte zu beraten. Zur Einführung von Hausindustrie in Jerusalem Dieser Tage ist es ein Jahr geworden, seit die vom Frauenverband für Kulturarbeit in Palästina im „Bezalel“ gegründete Abteilung für Spitzenindustrie als ein selbständiges Atelier und besondere Schule eröffnet worden ist. Die Zahl der Schülerinnen ist in diesem Jahre von 74 auf ca. 150 gestiegen. Außerdem haben bereits 23 Schülerinnen als ausgebildete Arbeiterinnen das Atelier verlassen, dem sie jetzt Heimarbeit liefern. Das Budget dieses Jahres betrug ca. 20 000 Francs, von denen ca. 15000 Francs als Arbeitslohn den Mädchen ausbezahlt wurden. Es ist überflüssig, darauf hinzuweisen, von welchem Segen das Atelier für die armen Familien Jerusalems ist, die jetzt durch die Arbeit ihrer Töchter jeden Monat einen ansehnlichen Zuschuß für ihren Lebensunterhalt bekommen. Es verdient aber hervorgehoben zu werden, daß dank dem Spitzenatelier 20 jüdische Mädchen die Charakter und Seele verderbende Atmosphäre der Missionsanstalten verlassen haben. Das Atelier gibt den Schülerinnen auch täglich eine Stunde Unterricht in Hebräisch, Rechnen und biblischer Geschichte. Der Unterricht erfolgt in fünf besonderen Abteilungen, die je nach den Vorkenntnissen der Schülerinnen eingerichtet sind. Allsabbatlich veranstaltet ferner die Lehrerin, Frl. Gelber, gemeinsame Lesestunden, zu denen auch die Heimarbeiterinnen sich einfinden. Ebenso sorgt das Atelier für ärztlichen Beistand in Krankheitsfällen. Das Jerusalemer Atelier wird von Frau Schoschanah Persitz in Moskau erhalten, die auch den Absatz der Waren organisiert. Kleine Nachrichten Freitag, am 20. Dezember, traf Herr M. M. Ussischkin in Begleitung von Dr. Chissin und G. Barsilai in Jerusalem ein, wo er am Bahnhofe von Vertretern verschiedener Institutionen warm begrüßt wurde. Am neu erbauten Pavillon des „Bezalel“ stieg Ussischkin aus dem Wagen und wurde von den Beamten und Arbeitern des Bezalel bewillkommt. Bis zum 6. Dezember sind1 in Tiberias 37 Personen durch die Cholera ums Leben gekommen. Natürlich wird dieser Umstand von den Ghalukahleuten gehörig ausgenützt. Tag und Nacht arbeitet das Telegraphenamt, um aus aller Herren Länder die Quellen der Spenden zu erschließen. Wie es hier immer üblich ist, werden auch diesmal die Reicheren den Löwenanteil an den Spenden erhalten, während die wirk-