Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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49 DIE3^ELT Nr. 2 daß ihr neuer Weg von ihnen die größten Opfer verlangen würde. Doch sie gaben alles mit Freuden hin, denn gar herrlich und groß war das Ziel. Es ist eins der unvergänglichsten Verdienste jener Träumer und Idealisten, daß sie dem Ostjudentum die ihm bereits verloren gegangene intelligente Volksschicht wiedergegeben haben. Ihnen ist es gelungen, die Liebe zum Volk und zu Zion zum persönlichen und nationalen Gemeingut der Besten unseres Volkes zu gestalten. Es war ein anderer, der nach fast 15 Jahren kam. den Fußstapfen jener unvergeßlichen Träumer zu folgen. Ein Fremder, von seinem Volke ungekannt, wie die Charkower Idealisten, kam er, unter Aufopferung seines persönlichen Lebens, um seinen geknechteten Brüdern das wahre Licht und den wahren Weg zur Erlösung zu zeigen. Theodor Herzl war der große Sohn B i 1 u der neuesten jüdischen Freiheitsepoche, und ihm war es bestimmt, der Geschichte der jüdischnationalen Wiedergeburt ein neues inhaltsreiches Kapitel hinzuzu- PALASTINA-RUNDSCHAU K =£7 (Von unserem Berichterstatter.) Jerusalemer Schuljugend Wer gewohnt ist, sich die jüdischen Bewohner Jerusalems als fromme Greise vorzusteüen, die aus religiöser Sehnsucht dorthin gepilgert sind, um in der heiligen Stadt ihr irdisches Leben zu beschließen, — der wird sich gewiß über die Tatsache wundem, daß die jüdische schulpflichtige Jugend Jerusalems auf ca. 6000 Kinder geschätzt wird. Wohl die Hälfte dieses jerusalemitischen Nachwuchses, hauptsächlich des männlichen, wird in altherkömmlicher Weise in den Talmud Thoras und Jeschiboth erzogen. Die Vorsteher mehrerer dieser religiösen Schulen wollen die ihnen unterstehenden Anstalten seit langer Zeit ein wenig den Anforderungen des beruflichen Lebens durch Anstellung von Lehrern für Hebräisch, Rechnen usw. anpassen, sind aber daran durch die Knappheit der vorhandenen Geldmittel verhindert. Die andere Hälfte der Jugend beiderlei Geschlechts besucht die Schulen, die die großen jüdischen Organisationen: Alliance, Hilfsverein u. a. in Jerusalem geschaffen haben. Zu diesen Schulen kamen in letzter Zeit noch zwei Anstalten hinzu, die durch Initiative Jerusalemer Eltern gegründet wurden: „Chadar Thorah" unter der fachmännischen und hingebungsvollen Leitung des Dr. Jehudah Marschak und das Hebräische Gymnasium. So sehr sich nun diese Schulen in vielfacher Beziehung voneinander unterscheiden, eines ist ihnen allen doch gemein: das Bekenntnis zur jüdischen Gesamtheit. Auch die noch so linksstehenden Schulen verdanken doch schließlich dem Willen zum Judentum ihre Entstehung und ihre Existenz, und dieser Wille zum Judentum muß ja auch im inneren Leben der Schule in höherem oder geringerem Maße zum Ausdruck kommen. Zu unserer tiefen Beschämung müssen wir aber feststellen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil des Jerusalemer jüdischen Nachwuchses, nämlich über 400 Kinder, christlich - konfessionelle, ja reine Missionsschulen besucht. Sieht man sich die Namen der Eltern an, denen es im Hause Juda zu enge geworden und die daher ihre Söhne und Töchter in judenfeindliche Schulen schicken, so erstaunt man über die große Zahl der Orthodoxen, die sich darunter befinden. Das Erstaunen wächst, wenn man sich erinnert, daß diese Leute meist der jüdischen Gemeinschaft ihre materielle Existenz zu verdanken haben. Man muß allerdings, leider konstatieren, daß sich auch Beamte nationaler Anstalten, ja selbst Leiter jüdischer Schulen unter diesen Eltern befinden. Diese Art der Selbstentwürdigung sollte unter keinen Umständen geduldet werden. Folgende nicht jüdische Schulen werden am meisten von Juden besucht: 1. Die englische Missionsschule. Zählt ca. 60, ausschließlich jüdische Schüler. Unterrichtsgegenstände: Etwas Englisch, Hebräisch und christliche Gebete. Außerdem werden den Schülern mitunter Schuhe und Anzüge geschenkt. 2. Die St. Joseph-Schule der Jesuiten. Zählt 100 Schülerinnen, meist Jüdinnen aus sogenannten besseren Familien. Das Schulgeld beträgt 5 Frs. monatlich. .Unterrichtet wird täglich eine Stunde Morallehre, eine Stunde Französisch und eine Stunde verbleibt für Rechnen, Geschichte, Geographie, Arabisch usw. Außerdem wird recht fleißig gebetet, wobei die jüdischen Mädchen anwesend sein müssen. Um in dieser Schule überhaupt etwas zu erlernen, müssen die Mädchen sie 12—15 Jahre besuchen. 3. Die italienische Mädchenschule. Die Hälfte der Schülerinnen besteht aus jüdischen Mädchen. Unterrichtsgegenstände: Italienisch und etwas Französisch. Nachmittags wird auch Nähunterricht erteilt. 4. Das deutsch-evangelische Lyzeum. Schulgeld ICO—180 Frs. jährlich. Schülerzahl 75, darunter 26 Juden. Die Schule wird von orthodoxen Juden trotz gemeinsamer Erziehung beider Geschlechter (die den jüdischen Gymnasien so verübelt wird) sehr bevorzugt. Eine jüdische Schülerin dieser Anstalt wurde über Luther befragt und wußte genau Bescheid. Hingegen war ihr der Name Moses völlig unbekannt. Um hier Wandel zu schaffen, muß einerseits die öffentliche Meinung in Jerusalem aufgerüttelt werden, andererseits müssen auch die jüdischen Schulen immer mehr ausgebaut werden. Dritte Konferenz der jüdischen Landarbeiter in Judäa In den Chanukatagen fand in der Farm des Jüdischen Nationalfonds Ben-Schemen die dritte Konferenz der jüdischen Landarbeiter statt. 34 Delegierte aus den verschiedenen jüdischen Kolonien Judäas nahmen an den Beratungen teil. Aus dem Rechenschaftsbericht des Vorstandes ging hervor, daß die neue Berufsorganisation der Landarbeiter allmählich Wurzel zu fassen beginnt. In der Berichtsperiode wurde eine Statistik der landwirtschaftlichen Arbeiter in Judäa angelegt, die Lebensversicherung der Motorarbeiter angebahnt (auf den Nationalfonds - Gütern werden sämtliche Arbeiter gegen Unfall versichert) sowie eine Krankenkasse für die Arbeiter begründet, ln letzter Zeit versuchte der Vorstand, Arbeitergenossenschaften auch auf dem Gebiete des Pflanzenbaues ins Leben zu rufen, während die bisher bestehenden Genossenschaften nur den Kömerbau betreiben. Auch dem Informationswesen auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes wurde die nötige Aufmerksamkeit zugewendet. Ein sehr inhaltsreiches Referat über „Arbeitersiedlungen“ hielt der Arbeiter Katzene 11 sohn. Er führte ungefähr folgendes aus: Während man bis jetzt in den für die palästinensische Kolonisation interessierten Kreisen die Schaffung von Arbeitersiedlungen als eines der Mittel zur Lösung der jüdischen Arbeitsfrage befürwortete und von der Annahme ausging, daß die Genossen dieser Siedlungen gewissermaßen dem Typus der deutschen Häusler, die stets in den umliegenden Gütern durch tägliche oder monatliche Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, repräsentieren sollen, macht sich allmählich in den Kreisen der Landarbeiterschaft eine andere Ansicht über diese Siedlungen geltend, nämlich die, daß die Arbeitersiedlungen berufen sind, den Typus der selbständigen Arbeiter zu schaffen. Stets beseelte die jüdischen Arbeiter das Bestreben, Be-