Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Article
- Bar-Kochba [Nachricht]
- Date
- 1900-12-28
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „Die j& Welt4 Nr. 52 Bar-Kochba. Ein Trauerspiel in 5 Acten von J.Benkend;orf. Sereth, 1900. Max Jungmann: Irrfahrten. Jadisches Epos in acht Gesängen. M. W. Kaufmann.. Leipzig. -sspso .3 -[inj? ♦srain ,rr:r n:r .n:un iao ♦-njm Di2i2 ,arixn .nx1? nnpa b"* ,jrni« m-prb musd *ps£ .n^uni' ninn 'n iia ♦piS nrs orro« nsa n:u2 m-ein n ,in«S'.m bian ciai2 .K"Din d^sit :'2 rrnirr ♦:: 2 s >* a D'iBi^b hödhist« bv 01012 k»i»i ♦psniBap '2 naa "'a^n nun ♦K'uin /ns^xpsD Unter der Redaction unseres Lemberger Gesinnungsgenossen Adolf Stand erscheint dieser Tage in polnischer Sprache der erste Jahrgang des „Jüdischen Jahrbuches". Er enthält unter anderem Arbeiten von Alfred Nossig, Dr. David Malz. Wilhelm F e 1 d m an n. Adolf D onath, Josef Lau, Adolf Stand, Dr. Anselm Lutwack. Berthold Feiwel, Dr. Heinrich Gabel. Marcus S c h e r 1 a g, Bon ies Freiherr von Münchhausen, Rüben B r a i n i n, Victor C h a j e s, Hermann Münzer, Berthold Menkes und Morris Rosenfeld. In unserer vorigen Nummer soll es in der letzten Notiz dieser Rubrik anstatt „Haor" richtig „Hador" heissen. Aus Braila in Rumänien ist ans ein im jüdischen Jargon geschriebenes Flugblatt^eingesendet worden, welches von den Vereinen „Erez-Israel" und „Benei-Zion" preisgekrönt wurde, und das anlässlich des Chanuka-Festes unter die rumänischen Juden unentgeltlich vertheilt wurde. Das Flugblatt erklärt das Chanuka-Fest und die dabei beobachteten Ceremonien in ihrer wahren historischen Bedeutung. Wir empfehlen die Schrift, da sie sich der technischen Ausdrücke wegen, die nur dem jüdischen Jargon eigen sind, ins Deutsche nicht gut übersetzen lässt, der Aufmerksamkeit des Jargon lesenden Publicums. In der „Neuen Zeit" von Mitte December findet sich ein ungemein charakteristischer Artikel: „Problem der jüdisch-proletarischen Bewegung" von Max Zetterbaum. Der Artikel hat vor anderen Abhandlungen aus der Feder jüdisch-socialdemokratischer Agitatoren den Vorzug, dass er wenigstens den Versuch einer ernsten Behandlung des Zionismus macht Sonst lieben es die jüdischen Socialdemokratec, die zionistische Bewegung von vornherein lächerlich zu machen. Herr Zetterbaum wählt klugerweise eine ernstere und scheinbar sachliche Behandlungsweise. um den Zionismus ad absurdum zu führen oder wenigstens zu beweisen, dass der Zionismus für das jüdische Proletariat keinerlei Berechtigung habe. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, bedient er sich eines ganzen Rattenkönigs von falschen Prämissen, von Unklarheiten und Unwahrheiten. Wir wollen nur den Schluss dieser Abhandlung im nächsten Hefte der „Neuen Zeil" abwarten, um die Zetterbau m'sche Beweisführung ein wenig zu beleuchten. F- Reisetage. Von Y... Chanuka 5(559 (1898). " II. Der Stiefelputzer aus dem Yemen. Mein Stiefelputzer spricht hebräisch — — — Er lief uns nach vom Serai bis hinaus zum Thurme Davids durchs Jaffathor, zum Hause meiner deutschen Gastfreunde. Auf den wirren, lockigen Haaren sass ein Fez, ein blauer Kittel verdeckte den kleinen Körper. Was er anderen Leuten putzen wollte, besass er nicht — er gieng barfuss. Er redete auf mich ein, schwenkte sein Putzzeug, und sah bittend auf meine etwas bestaubten Schuhe. Was er sprach, verstand ich nicht, aber seine Gesten waren so beredt, dass man iSeine Bitten nicht missdeuten konnte. Der putzige Kerl gefällt mir. Ich deute mit dem Finger nach ihm und frage: „Moslem?" Er schüttelt die wirren Locken. „Jahud." Ich wende den Finger nach meiner Brust: „Ich bin auch ein Jude." Da leuchtete sein kleines Gesicht in unsagbarer Freude. „Ani medaber loschon hakodesch!" ruft er mir freudig zu. „Ich spreche die heilige Sprache!" Er ist überzeugt, dass nun alle VerkehrsschwierigkeiteD beendet sind: ein Jude muss doch hebräisch sprechen. Er ist ein Yemenite, der kleine Kerl. Das sind beschränkte Leute. Vor Jahrtausenden sind sie aus der Heimat vertrieben worden; sie zogen nach dem Süden Arabiens, nach dem Yemen, dort lernten sie arabisch, ohne die Muttersprache zu vergessen. Man hat sie jahrhundertelang gut behandelt. Dann wurden sie bedrängt, gequält, verjagt--- Sie haben sich immer als Kinder des uralten Volkes gefühlt. Sie wandern, um einem blutigen Massacre zu entgehen, in Scharen zurück durch die Wüsten der arabischen Halbinsel — in die Heimat. Keine Arbeit ist ihnen zu gering, sie klopfen Steine, sie bauen Strassen, sie graben Canäle und Cisternen und putzen Schuhe, wie's kommt. Es gibt unter ihnen sehnige Gestalten, die ohne Ermatten den glühend heissen Tag des Orients mit dem Behauen des Steines zubringen, und es gibt auch Schwächlinge — Schuhputzer. Mein Begleiter könnte schwerlich auf dem Bau arbeiten, dagegen stellt er auf dem Markte seinen Mann. Und doch, ich bringe ihn in Verlegenheit: Ein Jude, der nicht hebräisch spricht. Sie sind so heschränkt, diese Yemeniten. Wie er aber so auf mich einredet in seiner fremdartigen Aussprache — er betont die letzte Silbe nach Art der Sephardim — blitzt es in mir verständnisvoll auf. Alte Bilder werden lebendig: Ich stehe in der Synagoge. Sie lesen den Wochenahschnitt, ich habe ihn in der Bibelschule gelernt, und Vater Hess sich ihn vor dem Tempelgang von mir recitieren. Ich kenne jedes Wort, das sie vorlesen — dann die Gebete: sie sind mir nicht fremd, ich vermag jeden Satz in gutes Deutsch zu übertragen. Und aus dem Wortschwall meines kleinen Stiefelputzers leuchtet es immer heller, ich höre Thora lesen, ich höre den Kantor rezitieren, ich verstehe erst ein Wort, viele Worte, ganze Sätze. Meine Erleuchtung muss fröhlich anzusehen sein, denn er lacht — er lacht übers ganze Gesicht. Er ist ein geriebener Marktjunge. Er hat's ja gleich gewusst: Ein Jude, der nicht hebräisch versteht. Und einem feinen Herrn sollte fremd sein, was jeder jüdische Gassenjunge in ganz Palästina weiss. Sie sind doch nicht gar so dumm diese Yemeniten. Nun fängt er an zu schmunzeln, schliesslich jauchzt er laut auf, ich habe auch — hebräisch gesprochen. Einzelne Worte nur — aber er weiss, was ich will. „Jossem" heisst Waise, „Bais" das Haus. „Wo ist das Bess hajossomim?" Er führt mich ins Waisenhaus zu Director Grünhut. Unterwegs lerne ich hebräische Vocabeln. Ich benenne alle Gegenstände, soweit ich sie kenne. Wo ich unwissend bin, hilft er mir aus. Wir hören Kinderstimmen; das ist eine Schule. Wie heisst das auf hebräisch? „Beth hasefer." ,So. Dann führe mich auch zum Beth hasefer Lämmel — Director Kohn," sage ich zum besseren Verständnis. Er nickt freudig: „Ken, ken — jawohl, jawohl!"