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Die Welt · 1900-12-28 · 52 (28.12.1900) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
52 (28.12.1900)
Article
Belgischer Brief
Date
1900-12-28
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 52 „Die j& Weltt« Seite 7 Belgischer Brief. Es ist leider wahr, dass wir auch hier in Belgien vom Antisemitismus nicht verschont geblieben sind. Wenn er auch infolge [seiner latenten Art vorderhand noch, feinen Grund zu ernster Besorgnis gibt, so ist dennoch nicht zu leugnen, dass er im starkem Wachsen begriffen ist. Im Gegensatze zu anderen Ländern ist bei uns der Antisemitismus ein importierter Artikel. Heimischen, d. h. aus localen Gründen erwachsenen Antisemitismus gibt es bei uns nicht, aus dem ganz einfachen Grunde, weil unsere Juden durch ihre kleine Zahl kaum einen Anstoss erregt haben. Nun aber kam die Antwerpener Ausstellung im Jahre 1885 und mit ihr ein Schwärm deutscher Einwanderer, welche einen geeigneten Boden für ihre Thätigkeit vorfindend, sich in kurzer Zeit aller lucrativen Geschäfte bemächtigten. Die Belgier empfanden allzubald die bis nun unbekannte und stark überlegene Coucurrenz und es entstand — nicht Antisemitismus, wohl aber ein — Antigermanismus. Dieselben Schreihälse, welche heute „schmierige Jood" nachrufen, riefen damals „vuilen Muff* (schmutziger Deutscher). Indessen liessen sich die Deutschen nicht im mindesten abschrecken, immer mehr und immer fester fassten sie Fuss bei uns, so dass beispielsweise ihre Zahl in Antwerpen, die 1S&5 kaum 10.000 erreicht hatte, 1S95 bereits 40.000 überstieg und heute die Höhe von circa 70.000 erreicht hat. Für den wachsenden Groll und die Unzufriedenheit des einheimischen Volkes musste indessen doch ein Blitzableiter herbeigeschafft werden. Man suchte und man fand. Der Zufall wollte es, dass gerade zur Zeit einige jüdische Familien aus Russland und Oesterreich einwanderten und sich in der Edelsteinbranche redlich ernährten. Nun war der Sündenbock da. Wie Bismarck in den Siebziger jähren, um den heranwachsenden Socialismus von Deutschland abzuleiten, den Antisemitismus aufgriff und grosszog. so wurde hier der Antisemitismus zürn Abieiter des Antigermanismus benutzt. „Die Juden", hiess es immer, (obwohl die kaum fünfzig Familien zählten), „sind nur deshalb hergekommen, um Euch auszubeuten, um Euch alle Geschäfte aus den Händen zu nehmen. Aufgepasst auf Juden!" „Wir Deutschen meinen es gewiss nur gut mit Euch, wir sind ja Brüder desselben germanischen Stammes", prociamierte die neueröffnete Filiale des Alldeutschen Bundes. Und der hiesige alte ,Nededuitsche Bund" fiel ihm in die Arme und man trank Bruderschaften. Unsere naiven Vlamländer glaubten alles aufs Wort und begannen die Juden, welche sie bis nun ehrten und schätzten, schief anzusehen, umsomehr als von jüdischer Seite, wie gewöhnlich, anfangs kein Widerspruch erhoben wurde. Die Deutschen aber setzen ihre Taktik mit Erfolg fort. Wenn sie eine beliebige Branche der Industrie oder des Handels ganz für sich in Beschlag nehmen, so wird sofort ein Jude herausgesucht, der ein armseliges Kauflädchen aufmachte und ein Hallo angeschlagen -.„Juden kommen über dich. Belgien!" Und die Juden schweigen wieder. i-?n}c P7J12 w?"K rmnawab rcc cpm- In Brüssel ist unterdessen die Literatur Drumonts aus Frankreich importiert worden, „La france juive" und „Le testament d'un antisemite" haben in Brüssel einige offene Ohren gefunden, anfangs blos als curiosite — pour un changement. Allmählich aber wurde es ernst. Wenn auch nur zu politischen Zwecken, so fand Drumont doch einige Anhänger, die sich zu Voll-, Halb- und Viertel-Antisemiten bekehren liessen. Am meisten zeichnete sich der Drumontsche Apostel Rechtsanwalt Picard aus, der in verschiedenen Zeitungsartikeln und Reden den theoretischen Antisemitismus predigte.*) * Unsere leitenden Kreise aber, die ohnehin ihr mot d'ordre „von jenseits der Berge" holen und in den Juden *1 In letzter Zeit liess er sehr wenig von sich hören. ein liberales Element spürten, waren ganz froh und zufrieden. Sie benutzten gerne die Gelegenheit, sich beeinflussen zu lassen und die Naturalisation der Juden, trotz Verfassung, systematisch abzulehnen. Es gelang diesen leitenden Kreisen sogar im Jahre 1898, die verspätete dreihundertjährige Gedächtnisfeier des Auto da fe von 500 Juden in Brüssel öffentlich zu begehen — was vom ganzen Lande seit 25 Jahren abgelehnt worden war. Wäre nicht der christliche freisinnige Lorand dagewesen, der über diese Verfassungsverletzungen in der Kammer Lärm schlug (was leider erfolglos war), so würde es die Oeffentlichkeit nie erfahren haben. Denn unsere Deputirten und Senatoren, die zufällig als Juden geboren wurden, halten es unter ihrer Würde, über Juden und Judenthum zu sprechen. Ihr Motto ist: Ignoriren wir uns selbst und die Anderen werden uns auch ignorieren; das Rebhuhn versteckt den Kopf im Schnee, damit der Jäger es nicht sieht. Es wird von ausserordentlichem Werthe sein, wenn allmählich die Oeffentlichkeit mehr von der Situation der belgischen Juden erfahrt, trotzdem oder weil der Antisemitismus noch nicht allzustark entwickelt ist. Für besonders wichtig aber halte ich eine ausgedehnte zionistische Agitation in Wort und Schrift, die in den belgischen Juden das jüdische Nation algefühl erwecken solLdatn.it sie es lernen, offen und mannhaft für ihr Judenthum einzutreten. Darüber in einem nächsten Briefe. Errichtung einer jüdischen Gemeindebibliothek in Lemberg. Binnen kurzem,, wird hier eh.e jüdische öffentliche Bibliothek eröffnet werden. Solch* Institutionen bestehen bereits in den grösserer. Städten Oesterreichs und selbst in kleineren Gemeinden Deutschlands. Was dort möglich war. schien in der Landeshauptstadt Galiziens unmöglich. Jahre hindurch wurde um eine jüdische Bibliothek gekämpft, aber die Cultus-Machthaber sträubten sich dagegen. Dieses Thema wurde immer und immer wieder von der Tagesordnung abgesetzt: und immer wenn die Kahalgewaltigen es endgültig abgethan glaubten, kam es von Neuem aufs Tapet. Der unermüdliche Wortführer für die Errichtung der Bibliothek war der bekannte jüdische Gelehrte Herr Salomon Bub er. Unbeirrt um.die Hindernisse, denen er begegnete, verfolgte er das einmal ins Auge gefasste Ziel. Nun sieht Herr Buber seine Bemühungen von bestem Erfolg gekrönt. Die Lemberger Cultusgemeinde geht endlich doch an die Gründung der jüdischen Bibliothek! Fünf grosse Räumlichkeiten wurden für sie bestimmt. Die Gemeinde deckt aus Eigenem das Budget der Bücherei. Herr Bub er als erster Gründer trat einen grossen Theil seiner reichhaltigen Prh'at-Bibliothek der jüdischen Bibliothek ab. Der gewesene Cultuspräsident Herr Samuel Edler von H o r o w i t z spendete der neuen Bücherei circa 1000 Bände bedeutender Werke. Aus dem Bücher-Nachlasse des verstorbenen Rabbiners Low enstein wurde ein grosser Theil der Anstalt zur Verfügung gestellt. Alles in Allem dürfte der Bücherbestand der jüdischen Bibliothek vorläufig 10.000 Bände enthalten. Weitare Schenkungen sind in Sicht. Als Custos fungiert unser Gesinnungsgenosse Herr Schriftsteller Gustav Bader. Die Eröffnung soll nächster Tage stattfinden. Die Errichtung der Lemberger jüdischen Bibliothek bedeutet einen Sieg der zionistischen Idee. Die Lemberger Cultusgemeinde, die als Hochburg der Assimilation angesehen werden kann, musste vor der zionistischen Idee eine Verbeugung machen! Es ist ein neuer geistiger Mittelpunkt gebildet worden. In diesen Hallen sollen sich alle jüdisch Fühlenden und Denkenden ein Stelldichein geben. Auch Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und Literatur sollen in den Bibliotheksräumen abgehalten werden. Wir hoffen, dass die Bibliothek dem von der officiellen Assimilation grossgezogenen Indifferentismus der hiesigen Juden ein Ende machen wird.__ A. D. Der Delegiertentag des Verbandes „Zion" in Wien. Sonntag, den 23. d. fand die Delegierten-Versammlung des Verbandes „Zion* statt. Vertreten waren die Vereine „Ung. Hradisch", „Horazdowitz2, „Wien", „Fünfhaus", „Wieden-Margarethen", „Favoriten", „Mariahilf- Neubau",

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