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Die Welt · 1900-12-28 · 52 (28.12.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
52 (28.12.1900)
Article
Religion und Assimilation
Date
1900-12-28
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ,Die 2$ Welt" Nr. 52 das sei. dass sie den Kreis ihrer Thätigkeit bedeutend erweitere : aber wir müssen schliesslich mit den gegebenen Verhältnissen, wie sie sich historisch gestaltet haben, so lange rechnen, bis wir in die Lage kommen, bessere, zweckdienlichere Zustände zu schaffen. Wolien wir uns daher der Leitung der Gemeinden bemächtigen, so ist es nothwendig, dass wir zu den Fragen des religiösen Cultus Stellung nehmen. Selbstverständlich ist hier nicht die Aufstellung eines festumgrenzten, allgemein giltigen Cultusprogramms beabsichtigt. Wir Zionisten sind keine religiöse Partei, schliessen alle religiösen Richtungen in unseren Fleihen ein und alle religiösen Debatten aus unserer Discussion aus. Auf dem Gebiete des Cultus können darum für uns bloss taktische Erwägungen massgebend, die jeweiligen localeri Verhältnisse bestimmend sein. Aber eine gewisse Formel lässt sich dennoch linden. W i r bekämpfen auf allenGebieten d i e A s s i m i- 1 a t i o n, die vielen von uns Juden anhaftende knechtische, demoralisierende Sucht, unsere nationale Sonderart abzustreifen und fremde Volkseigenheiten anzunehmen. Auf dem Gebiete der jüdischen Cultusangelegenheiten nun nennt sich dieses krankhafte, schmachvolle Anpassungsstreben „religiöse Reform1*. Sehr mit Unrecht. Denn eine religio*3 Reform, die nicht religiösen Beweggründen entspringt, ist ein Unding, eine contradictio in adjecto. Nun gebrauchen aber die Wortführer der .Reform" das religiöse Motiv nicht einmal als Vorwand. Sie sagen ganz offen, dass sie eine Umgestaltung des traditionellen jüdischen Gottesdienstes wünschen einzig und allem, weil dieser nicht _zeitgemässsei. d. h. ganz und gar keinen arischkirchlichen Anstrich hat. Unsere alte, schlichte, ehrwürdige Synagoge sagt ihnen nicht zu; sie wolien einen rTempelu haben, eine protestantisch zugestutzte jüdische Kirche. Rauschende Orgelklänge müssen gen Himmel steigen. Der einfache, andächtige Herzenserguss eines jüdischen Beters findet ohne instrumentale Begleitung keine Erhörung bei dem Gotte Israels. „Rabbiner-, das klingt so jüdisch! Sie setzen an dessen Stelle einen Prediger, einen jüdischen Pastor. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen. Das Protestpredigerthum ist ein Kind dieser sogenannten .Reform-', ohne sie ganz undenkbar. Diese Herren Protestprediger hantieren an unserem altjüdischen Gebetbuch so schändlich mit der Scheere herum, dass sich keine Spur mehr darin findet von der Zionssehnsucht des jüdischen Volkes und von seiner Hoffnung auf nationale Wiederaufrichtung. Und nachdem sie alles Jüdisch-Volkstümliche, alles Zionistische, mit einem Worte alles „Unzeitgemässe* aus Israels Andachtsbuch ausgemerzt haben, setzen sie sich hin und unterzeichnen ein Schriftstück, in welchem im Namen der Messias-Idee — welche Heuchelei!—gegen den Zionsgedanken protestiert wird. Im Kampfe gegen die unjüdische Richtung, die solche Gestalten grosszieht und auf die Herbeiführung t-iner nationalen Assimilation durch die Anbahnung der kirchlichen hinzielt, haben sich in Köln die Zionisten mit den religiös Conservativen zusammengeschlossen. Und ich glaube, auch der freisinnigste Zionist kann die Kölner Gesinnungsgenossen zu diesem Wahlkampfe nur beglückwünschen. Die Feigheit der Juden. _ Von Balduin Groller. Von einer zionistischen Bewegung habe ich überhaupt erst Kenntnis erlangt, als mir Dr. Herzls Buch „Der Judenstaat" in die Hände gerieth: früher wusste ich nichts von ihr. Die Sache interessierte mich, und ich begann ihr näher zu rücken. Je mehr Einsicht ich gewann, desto lebhafter wurde das Interesse, desto tiefer und wärmer auch die Sympathie für sie. Ich habe es glücklich so weit gebracht, in verschiedenen journalistischen Polemiken auf ganz entlegenen Gebieten als Zionist verschrien zu werden. Es hätte eine Schmähung sein sollen. Eine L'topie! Das schnelifertige Urtheil der Ganzgescheiten machte mich stutzig. Ich hielt Einkehr in mich und schuldbewusst, aber nicht reunmthig — der Gewissensbiss ist unanständig, meint Nietzsche — nmsste ich mir bekennen, dass ich bis dahin schon das beste Theil meines Lebens für Utopien verbraucht hatte. Das war nicht eben sehr klug, aber wenn ich noch einmal auf die Welt kommen sollte, was die grundgütigen Schicksalsmächte hoffentlich gnädigst zu verhüten wissen werden — ich thäte es wahrscheinlich wieder. Worin besteht nun das hauptsächlichste Merkmal der Utopisten? Unzweifelhaft darin, dass sie sich selbst nicht für Utopisten halten. Die Ziele und Zwecke des Zionismus leuchteten mir sofort ein, ja, sie erschienen mir gleich so ungeheuer einfach und selbstverständlich, so vernünftig und zweckentsprechend, dass ich darob fast muthlos wurde. Denn die durch die Geschichte vermittelte Erfahrung lehrt, dass nichts so furchtbar schwer Geltung gewinnt unter der Menschen und so langsam seine Herrschaft aufrichtet auf Erden, wie gerade das Einfache und Selbstverständliche, das Vernünftige und Zweckentsprechende. Etwas Selbstverständlicheres gibt es wohl kaum, als die Menschenrechte. Und doch sind sie erst vor hundert Jahren feierlich declaiiert worden, und doch ist auch heute noch weit und breit kaum eine Ahnung von ihnen aufgedämmert. Aber manchmal wird doch etwas möglich, obschon es vernünftig ist, und manchmal müssen die Anti-Utopisten darauf gefasst sein, sich das Nasenrümpfen abzugewöhnen. Zwei Völker gerathen in Streit miteinander — damit habe ich eigentlich schon mehr zugegeben, als ich verantworten kann. Denn die Völker gerathen niemals in Streit miteinander; es sind immer nur ihre Regierungen und ihre Diplomaten, die der liebe Gott doch lieber nicht hätte erschaffen sollen, die die Querellen anzetteln und die dann die guten, dummen Völker, die ihnen bereitwillig immer aufs neue autsitzen, hineinhetzen in die Kampfbegier und den Blutdurst — aber immerhin, gesagt ist es einmal, bleiben wir dabei: Zwei Völker gerathen in Streit Was ist nun einfacher und vernünftiger? Den Streitfall nach Recht und Gesetz durch ein schiedsgerichtliches Urtheil zu schlichten oder im Wege gegenseitiger Massenabschlachtung? Und doch hat man immer die als hirnverbrannte Schwärmer mit gewaltiger Ueberlegenheit und im besten Falle mit einem Gefühle des Mitleids belächelt, die auf das erstgenannte Mittel hinzuweisen sich erlaubten. Jetzt freilich ist der Friedensgedanke, und dieser ist nichts anderes als der Schiedsgerichtsgedanke, hof- und sogar leitartikelfähig geworden, weil zufällig der grösste Autokrat der Welt den glücklichen Einfall hatte, sich ihn ebenfalls einfallen zu lassen. Jetzt, Bauer, ist die Sache ganz anders! Jetzt beginnen die Weisen gehört zu werden, die da beweisen, dass der nächste Krieg zwischen Grossmächten eine Utopie sei. Der Zionismus wird so lange eine Utopie sein, bis eines Tages auch sein Friedens-Manifest erscheinen, bis auch zu seinen Gunsten ein Mächtiger das entscheidende Wort gesprochen haben wird, und dann wird die ganze Welt nicht begreifen, dass eine die

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