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Die Welt · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Article
Reisetage
Date
1900-12-21
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14 „Die 2$ Welt" Nr. 51 Reisetage. Von Y... Chanuka ö(5ö<> (1898). (Fortsetzung.) III. Moderne Makkabäer. In stiller Nacht zogen wir ein in Rischon le Zion, aus den Colonistenhäusern leuchten helle moderne Lampen und kleine Oellichtlein. In einem Hause, das uns später voll Liebe und gütiger Gastlichkeit di<=> Pforten öffnete, bin ich zu flüchtigem Abendbesuch. Eine Schar kräftiger Kinder, selbstbewusst erzogen, auf eigener Scholle, in Arbeit und Gotteslehre erstarkt, belebt die Räume. Die Aelteste spielt auf dem Pianino eine Chanuka-Melodie, der Jüngste erzählt hebräisch die Geschichte von Jehuda, dem Makkabäer- Helden. Gäste aus Ekron, aus Wadie Chanin sind zugegen. Die Kinder stellen sich zum Spiel. Chanuka --- Ich muss das Haus verlassen, von dem ich nicht ahne, wie viel Freude es für mich birgt. Der Hausherr, ein tüchtiger und angesehener Kaufmann, verliess aus Schwärmerei für die Heimat seiner Väter den sicher nährenden Beruf im baltischen Russland--er wurde Colonist und seine zarte Frau trägt mit Würde die ungewohnte Last eines landwirtschaftlichen Betriebes--- Hart ist der Werkeltag im sonnigen Boden Palästinas und die Frauen entbehren viel. Aber heute ist Festtag und die grosse Vergangenheit ersteht vor ihnen, und die Augen der Kinder leuchten in hoher Begeisterung. Sie leben auf dem Boden der Urväter, auf eigenem Grund und Boden. Diese palästinensischen Colonisten---Was sind sie? Phantasten? Ja, Idealisten, Schwärmer'mit Egge, Pflug und Baumscheere. Bodengeruch und feurige Glut, welch feine Mischung. Ein hühnenhafter Mann tritt ins Zimmer, er ist grau geworden im Lande, aber ungebeugt und stolz trägt er das Haupt. Er gilt als bester Oekonom, seine Pflanzungen sind die schönsten, es gibt hier kein höheres Lob, als das, ein guter Arbeiter zu sein. * Er erzählt, wie sie den Boden bezwungen haben. Als er kam, gab es keine Ansiediung, nur einen Sandhügel, ohne Cultur, ohne Baum und Strauch, das war alles. Die Frau musste im Wagen schlafen, im Wagen Krankenlager halten sammt den Kindern. Eine Frau, gewöhnt au die modernsten Errungenschaften des Comforts, wohnt im Wagen, kocht auf der Erde und schöpft Wasser aus Pfützen. Es mangelte an allem. Unbeirrt gieng der Mann vom Krankenlager der Frau tagtäglich in den Sonnenbrand hinaus, den ungewohnten Spaten in den Händen — — — Die Frau bat, sie flehte mit aller Macht, lass uns heimkehren in civilisierte Länder, wir müssen hier elend zugrunde gehen. Er aber packte seinen langen Bart und rief ich lass' nicht los von Erez Jisraol, mich reissen nicht tausend Pferde mehr von dem Boden. Wie stolz er nun durch die neueroberten Gefilde von seinem Stück Palästina schreitet, durch die herrlich gediegenen Pflanzungen, durch die Mandelbäume und Rebgärten --— Wir müssen Rischon verlassen, es geht nun durch jüdische Pflanzungen hin nach Wadie-Chanin und dann nach Rechoboth. Die Kinder meines dortigen Gastfreundes sprechen nur hebräisch. Hebräisch ist auch die Schule, geleitet von einem würdigen alten Herrn aus Rumänien. Die Kinder spielen mehr, als sie lernen---es ist Chanuka — sie spielen unter Aufsicht ihres Lehrers. Lustig zwitschern sie ihre Lieder, die das Spiel begleiten. Neckereien, Scherzworte, alles hebräisch. Hier leide ich Schiffbruch, ich verstehe nicht die Sprache meiner Voreltern, ich bin ein Fremdling in ihrer Heimat. Wir schliessen einen-Compromiss. Ich spreche deutsch, langsam, vorsichtig betonend, die Kinder hebräisch, es geht soweit, solange die Kinder mir nachahmen, wehe, wenn sie die Zünglein laufen lassen. Wir verständigen uns schliesslich; ich glaube, die Kinder bekommen deutschen Sprachunterricht auf hebräisch--------- Noch flammen die Lichtlein, ihre Zahl ist noch nicht erfüllt. Ich stehe auf dem Hügel von Katrah, dem alten Gederah oder Gadara. Dort war es, wo Juda der Makkabäer die Scharen des Gorgias sehlug. Von den Häusern der jüdischen Colonisten sieht man das Schlachtfeld, das er mit dreitausend schlechtbewaffneten Juden gegen die kriegsgewohnten Truppen der Assyrer behauptete. „Er jagte ihnen Schrecken und Bestürzung ein," erzählte Josephus, „tödtete viele von denen, die sich zur Wehre setzten und verfolgte die übrigen bis nach Gadara." Wir erinnern uns der herrlichen Rede Judas vor der Schlacht. „Noch nie sind die Zeiten, Ihr Waffengefährten, so geeignet gewesen, Euch zur Tapferkeit und Verachtung von Gefahren anzuspornen, als jetzt--- Die Sache steht also jetzt so, dass ihr entweder .die Freiheit und ein glückliches Leben erringet, wie wir es unter den alten väterlichen Einrichtungen gehabt haben, oder aber, dass ihr, wenn Ihr Euch in diesem Kampf feige benehmet, das Schimpflichste erleidet und mit Eurem ganzen Geschiechte zugrunde gehet.a — — — — Die Kinder meines freundlichen Wirtes in Gadara lösen die Schwere der Empfindung von uns, sie wandeln das Heroische ins Idyllische. Avigdor, ein Nachbarsohn — im Alter von 10 Jahren, ein blühender Knabe kommt freudestrahlend ins Zimmer; heute Abend wird gespielt. Das „Trenderl* streift über den Tisch und die Nüsse rollen. „Welche Beziehungen bestehen zwischen dem zinnernen Spielzeug und dem grossen Makkabäer?" Die Frage ist aufgerollt. „Welche Beziehung besteht zwischen Avigdor, dem drallen Jungen, und unserem Hühnerhause? Ein übermüthiges Mädchengesicht lacht uns entgegen bei dieser Frage. Je nun? „Avigdor ist in unserem jetzigen Hühnerhaus zur Welt ge- Kommen-', spricht die Mutter des Hauses. Die ganze Gesellschaft tollt aus dem Zimmer;--- hinaus in uen Hof. im hölzeinen Hühnerhäuschen sind der jüngste Stämmling des Hauses und Nachbars Avigdor zur Weit gekommen. Em Hüluierliaus für zwei Judenfamilien. Später baute man diese grössere Hütte für sie.-- Moscheie schleppt ein dummreizendes Kälbchen heraus, das zweite Colouisteuiieini, «s ist jetzt der Kuhstall. Wir wenden uns zu üem hellen, hohen Steinhause, auch ein Sieg, eine Makkabäerthat. Ja, heisst es, aber Sie müssen erst hören, wie hier gekämpft ward und wie sie hinfielen die besiegten Sieger, getödtet durch Erschöpfung, giftige Fieber und andere Leiden. Nein, heute wollen wir nichts erzählen, von dem masslosen Leid — — der ersten Ansiedler von Gadara, von jenen schwärmerischen Jünglingen, die auszogen, die Heimat mit dem Pfluge zu erobern, weil sie es nicht ertrugen, im grössten Reiche Europas als rechtlose Parias zu leben. Aber wir müssen hinaus ins Freie, in die Pflanzungen — hinauf — wo man den weiten Bück in die Ebene sendet. Wir steigen empor zu einer kleinen Höhe, wo zwischen Eucalypten und Rosenbüschen helle Steine, gemauerte Sarkophage aufleuchten. Hier ruhen sie, die Opfer des stillen Kampfesum die Heimat — wir wollten doch

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