Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Article
- Deutsche Chronik
- Date
- 1900-12-21
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,Die s£ Welt" Ni. 51 Judenthums und für die in unsäglich physischer Noth befindlichen russischen, rumänischen und galizischen Juden in Palästina eine, wie das „Baseler Programm" sich ausdrückte, öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte erstrebe, wo all die Juden, die sich aus sittlicher Noth in ihrer alten Heimat nicht wohlfühlten, eine Zuflucht finden könnten. Palästina sei aus ideellen und praktisch-wirtschaftlichen Gründen das allein geeignete Land. Der Zionismus habe bereits das wohlwollende Interesse der mächtigsten Herrscher des Continents gewonnen — unserem Grossherzog sprach der Redner dabei für sein hohes Interesse den lebenddauernden Dank aller Gutgesinnten aus — und die zionistische Frage werde jetzt vor das Forum des englischen Parlaments gebracht. Energisch wies der Redner den Vorwurf des Unpatriotismus zurück, der dem Zionismus gemacht werde, sein Hinweis auf die Deutsch-Amerikaner muss als treffendes und starkes Argument betrachtet werden. Wollten die Juden auf die allgemeine Völkerverbrüderung warten, so wären bis dahin ganze Generationen physisch und moralisch zu Grunde gegangen. Komme der Völkerfrühling, so trete alsdann ein freies Judenvolk freudig in den Völkerbund ein, zumal der Kern der mosaischen Lehre die höchsten Principien der Menschlichkeit enthalte. — Die in Form und Inhalt gleich grossartigen Ausführungen des Redners lohnte tosender Beifall des über Erwarten zahlreich erschienenen Publicums. Der Erfolg dieses Vortrages wird der hiesigen Ortsgruppe ein Ansporn zu weiterer unermüdlicher Arbeit für .die Neubelebung des Judenthums sein. Englische Chronik. London. Der bekannte Palästina-Forscher Mr. J. Neil hielt Sonntag den 2. December eine hochinteressante Vorlesung über „Palästina". Diese Vorlesung fand in einer zahlreich besuchten Versammlung statt, die von der „West London Zionist Association" einberufen wurde. Auch die Waisenkinder aus der Schule des portugiesischen Waisenhauses und die Schüler der Bayssnater school hatten sich zu diesem Vortrage in Begleitung ihrer Lehrer eingefunden und lauschten auf den für sie reservierten Plätzen den lehrreichen Ausführungen Mr. Neils, den stürmischer Applaus lohnte. Swansea. Sonntag den 2. d. M. hielt Mr. J. de Haas, Ehren-Secretär der „English Zionist Federation", in der Temperance Hall einen Vortrag über „Die zionistische Bewegung". In derselben stehen gegenwärtig in England allein 10.000 Personen. Redner begründete den Zionismus, indem er auf die Lage der Juden in Rumänien, Russland und Oesterreich hinwies. „In letzterem Lande", sagte Redner, „sind zwar die Juden dem Gesetze nach gleich, allein der gesellschaftliche Antisemitismus versteht es, die Juden trotz dem Gesetze zu Parias zu machen. Die Zeit ist gekommen, wo die Juden einsehen müssen, dass die verfolgten Juden nur dann ihre Freiheit erlangen können, wenn sie ihr eigenes Heim haben werden." Nach Schluss des Referates sprachen noch mehrere Redner, darunter auch der Rabbiner S. T y n e. Liverpool. Die in Liverpool bestehenden vier zionistischen Vereinigungen (Zionists Assoeiations) haben ein gemeinsames Central-Comitö gegründet, um mit vereinter Kraft den Zionismus zu fördern und namentlich für die Colonialbank zu agitieren. Gründung eines Comites für die National-Bibliothek in Jerusalem. London. Ein ständiges Comite hat sich in London gebildet, das den Zweck hat, die Centrai-Bibliothek in Jerusalem fortlaufend mit Geld und Büchern zu unterstützen. Die jüngste Sammlung, welche auf Anregung des bekannten hebräischen Schriftstellers Herrn David Y e 11 i n aus Jerusalem eingeleitet wurde und welche den Zweck hat, einen Baufonds zu schaffen, beläuft sich auf ca. 250 Pfd. Sterling. Spenden zu diesem Zwecke werden entgegengenommen vom Cassier des Londoner Fonds, Mr. A. J. Myers in London NW., Abbey Road 134. Das Comite besteht aus dem Chief-Rabbi Dr. Adler, Rev. S.Singer, Rev. Dr. G o 11 a n c z, Prof. S c h e cji t e r, Dr. S. A. Hirsch. Mr. J. Prag und Mr. Israel Abrahams (Ehren-Secretär). Demnächst werden einige Kisten Bücher an die Centrai-Bibliothek in Jerusalem abgehen. Spenden von Bücherrn und Zeitschriften nimmt das Comite für die Centrai-Bibliothek mit grösstem Dank entgegen. Auch bittet das Comite um Jahres-Subventionen zur Unterhaltung der Bibliothek. Amerikanische Chronik. New-York. Die „Federation of American Zionists" betheiligt sich eifrig an der Hilfsaction für die rumänischen Juden. Alle Eiozelvereine haben Sammlungen eingeleitet, deren Ergebnis im Wege der „Federation" dem rumänischen Hilfsfonds übermittelt wird. Das jüngste Bulletin der „Federation' weist den Betrag von 257 Dollars auf, der in jüngster Zeit der „Federation" für den Hilfsfonds zugekommen ist. Zahlreiche jüdische Soldaten, welche bei der Cavallerie dienen und zuMatanzas in Cuba stationiert sinMi, haben Shares der Jüdischen Colonialbank gezeichnet. Neulich erhielt die „Federation" einen im klassischen Hebräisch abgefassten Brief von einem dieser Soldaten namens Max P e 1 z e r. Der Briefschreiber berichtet, dass die in Cuba dienenden Soldaten grossen Antheil nehmen an der zionistischen Bewegung. Eine sehr zahlreich besuchte Zionisten-Versammlung fand kürzlich in San Francisco in der Bnei-Berith- Halle statt. Referent war Herr Rabbiner Meyers. Er erstattete Bericht über den letzten Zionisten-Congress und über die Zionisten-Convention, welche in New-York stattgefunden hatte, und schilderte die Fortschritte, welche die zionistische Bewegung in allen Theilen der Welt gemacht hat. Rabbiner L e v y und Otto Irving Wiese hielten gleichfalls Ansprachen an die Versammlung. Die Ohavei-Zion-Association in Kingston N.Y. hat folgende Ausschussmänner gewählt: M. Rosenthal, Präses; J. L. Levin. Vice-Präses: Julius L e v i n, Cassier und Herr Rabbiner A. Abbey Epstein, Ehrensecretär. Die Association hat sich der Federation der amerikanischen Zionisten angegliedert. Australische Chronik. Die „West Australian Zionist Society" hat einen flammenden Aufruf an alle Mitglieder der jüdischen Gemeinden Australiens gerichtet, in welchem diese aufgefordert werden, sich der zionistischen Bewegung anzuschliessen. In dem Aufrufe wird in sehr beredten Worten die traurige Lage der Juden in allen Erdtheilen geschildert. Die „West Australian Zionist Society" appelliert an das Pflichtgefühl und an den Edelsinn der Juden in Australien, welche dank den günstigen Verhältnissen und der Gerechtigkeit der englischen Regierung zwar wenig von der Judennoth verspüren, aber gerade deshalb verpflichtet sind, im Interesse ihrer Brüder, die unter dem Drucke des Antisemitismus so unsäglich leiden, alles aufzubieten, damit für sie eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte im Lande unserer Ahnen geschaffen werde. ^Fibüi)e. (Für Form und Inhalt dieser Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung.) Wir erhalten die folgende beachtenswerte Zuschrift: R z e z s o w, 5. December 1900. Sehr geehrte Redaction! Bevor ich den Jahrgang der „Welt" zum Binden gebe, schneide ich von der ersten Umschlagseite (die gewöhnlich weggeworfen wird) die WTorte : „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" heraus und füge die 52 Zettelchen Briefen an jüdische und nichtjüdische Bekannte bei, wodurch ich ihnen über Zionismus zu denken gebe und ihr Interesse für diesen wecke. Man kann auf diese Weise Anhänger gewinnen, und ich bitte die Herren Gesinnungsgenossen, meinem Beispiele zu folgen. Mit Zionsgruss P. Kochaborski. Wir erhalten folgende Zuschrift: W i e n, den 18. December 1900. Diese Woche steht im Zeichen des Chanuka. Ueberall werden die siegreichen Kämpfe der Makkabäer zur Befreiung des jüdischen Volkes gefeiert. Auch-^der Oberrabbiner Dr. Güdemann nahm dieses Thema zu seiner Exhorte vom Freitag-Abend den 14. d. M. im Seitenstetten-Tempel. Aber der Herr Rabbi wich von der allgemeinen Ansicht ab. Er sagte, wir feiern das Chanuka-Fest, weil ein Krüglein Oel gefunden wurde, dessen Inhalt nur für eine Nacht aus-