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Die Welt · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Article
Jüdische Bauern und antisemitische Bauernretter
Date
1900-12-21
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 51 „Die Weif Seite 7 Die böhmischen Grossgrundbesitzer, deren gut antisemitische Gesinnung niemand bezweifeln wird, sind allmählich nach dem Vorbilde ihrer ungarischen Nachbarn dahin gelangt, ihre Güter mehr undi*Whr; von jüdischen Pächtern bewirtschaften zu lassen. Es würde wenig besagen, wenn die Juden nur den Pachtzins und ihren Lebensunterhalt damit herausschlagen würden : dass sie tüchtiger sind, tüchtiger sein müssen als adelige Latilündienbesitzer, versteht sich von selbst. Aber sie sind auch tüchtiger als die arischen Grundbesitzer, die ihre Güter selbst bewirtschaften und vom frühen Morgen bis zum Feierabende in eigener Person nach dem Rechten sehen, tüchtiger als Leute, die aus Generationen von Ackerbauern stammen und körperlich fraglos viel mehr für ihren Beruf mitbringen als die blutarmen jüdischen Händlerkinder. Die Landwirtschaft ist ein Erwerbszweig, bei dem Betrügereien, Cridaschwindel, Reclame, unsolide Ausverkäufe und alle die Dinge, denen die Antisemiten die geschäftlichen Erfolge der Juden zuschreiben, naturgemäss ausgeschlossen sind. Und trotzdem der unleugbare grosse Erfolg der jüdischen Agricultur! Die Landwirtschaft ist eben im Laufe der fortschreitenden Commercialisierung aller Berufe in ein Stadium gekommen, in dem die technische Geschicklichkeit allein nicht mehr ausreicht und eine gute kaufmännische Erziehung mithelfen muss, um den Erfolg zu sichern. Während die christlichen Ackerbauer die grösste Mühe haben, ihre Hypothekenzinsen zu bezahlen und ein mitunter recht kärgliches Leben zu fristen, zahlen die Juden ihren durch die heftige Concurrenz hinaufgeschraubten Pachtzins, leben nicht gerade immer sparsam, geben ihren Töchtern ansehnliche Mitgiften und erwachsen körperlich zu einem Geschlechte, dem die Verwandtschaft mit den bleichen Juden der Grossstadtstuben kaum mehr anzumerken ist. Während in den arischen Bauerngegenden eine Wirtschaft nach der anderen unter den Hammer kommt, hört man kaum einmal, dass es einem jüdischen Ackerbauer schlecht geht. Auch die Ergebnisse der jüdischen Viehzüchter erregen auf den landwirtschaftlichen Ausstellungen Aufsehen. Es kommt vor, dass auf Ausstellungen, die von hochadeligen Protectoren veranstaltet werden, die Firma Teitelbaum & Löwy die schönsten Zuchtstiere hat. Der ganze Erfolg der Ausstellung wäre naturgemäss in Frage gestellt, wenn eine so stilwidrige Firma auch wirklich die erste Medaille erhielte, aber die Fachleute wissen doch ganz genau, dass der Misserfolg der christlichen Landwirtschaft nicht von dem bösen jüdischen Grosseapital verursacht wird, sondern von der Bauernschaft selbst, die in ihrer werkwürdigen Mischung von Leichtgläubigkeit und Misstrauen, von Fleiss und Lethargie mehr und mehr verarmt. In den landwirtschaftlichen Verbänden ist — nicht etwa erst seit dem Aufkommen des officiellen Antisemitismus — alles antisemitisch oder „asemitisch." Seit einigen Jahren ist auch der officielle Antisemitismus durch die berufsmässigen Agitatoren in die Bauernschaft hineingetragen worden, sowohl in Deutschland als bei uns. Man rettet die Landwirtschaft gegenwärtig nur mit judenfeindlichen Massnahmen. Die geplante Aufhebung des Terminhandels richtet sich gegen den jüdischen Getreidehandel, die Errichtung von Berufsgenossenschaften der Landwirte gegen den Kleinhandel der Juden. Man wird ja bald sehen können, wie wenig ein Gewinn für die armen Bauern dabei herauskommt. Seit drei Monaten behelligt man die Oeft'entlichkeit mit dem Geschwätz der Terminhandelsen«iuete. das die Nichtfachleute nicht interessiert und das den Fachleuten nichts Neues gebracht hat, als die Aufzählung alter, längs* unzähligemal widerholter Irrthümer. Es wird keinem verständigen Juden einfallen, etwas dagegen einzuwenden, wenn ein paar unappetitliche Speculanten gezwungen werden, ihr Geld in Creditactien, anstatt in Herbstweizen zu verlieren, aber das ist für den österreichischen Körnerbau ganz und gar gleichgiltig. Die österreichischen Getreidepreise werden von Budapest, Chicago und Odessa bestimmt und nicht von den Nebbichs auf der Wiener Fruchtbörse. Dennoch wird man bald den Getreidehandel in Oesterreich verbieten. Uns kann's recht sein. Je schneller den antisemischen Bauernrettern Gelegenheit gegeben wird, ihre Recepte zu erproben, um so schneller wird sich erweisen, wie falsch ihre Diagnose war und wie sinnlos es ist, die Juden für die Calamitäten der österreichischen Landwirtschaft verantwortlich zu machen. Zur zionistischen Frauenbewegung. Samstag den 15. d. M. hielt der Wiener „Zionistische Frauenverein" im Congressbureau seinen ersten Abend im zweiten Vereinsjahre ab. der äusserst animiert verlief. Die Präsidentin Frau Dr. Sidonie Kahn begrüsst die Versammlung und bemerkt, dass sich ihrer gemischte Empfindungen bemächtigen: ein Gefühl der Traurigkeit darüber, dass der Verein heute noch nicht über einen sehr bescheidenen Mitgliederstand hinausgekommen sei und ein Gefühl der Freude, dass diejenigen, die dem Vereine schon an seiner Wiege die Lebensfähigkeit abgesprochen hatten, Unrecht behalten haben. Und so hoffe sie denn, dass das kleine Häuflein zionistischer Frauen sich zu einer tüchtigen Kerntruppe ausbilden und sich bemühen werde, dem Verein durch Zuführung von Verstärkung zu dienen. Nachdem Frau Dr. Kahn unter lebhaftem Beifalle geender, enheilt sie dem Referenten Herrn Prof. Dr. Leon Kellner das Wort zu .seinem Vortrage über „Unsere Frauen". Prof. K e 1 In e r bemerkt, dass sein Vortrag oder, wie er es lieber nennen würde, seine Causerie eigentlich nur ein ausschliesslich weibliches Auditorium ins Auge gefasst hatte, was jedoch, wie er sehe, nicht der Fall sei. und dass er sieh nur darauf beschränken möchte, in aphoristischer Weise die Stellung der Frau innerhalb des modernen Juden!hunis zu beleuchten. Er specialisiert seine Betrachtung in eine Kritik der jüdischen Frau mit ihren guten Eigenschaften und minder guten Eigenarten, in eine Untersuchung dessen, wie die Frauen-Emancipation der letzten 50 Jahre auf die jüdische Frau gewirkt hat, in eine Beleuchtung der jüdischen Ehe und schliesslich in einen kurzen Ueberblick über die Stellung der jüdischen Frau zum jüdischen Volke im \'-K Jahrhundert. Herr Professor Kellner stellt Vergleiche zwischen den verschiedenen Rassen an und meint, dass der Frauentypus im allgemeinen der gleiche sei. Speeiell mit Bezug auf die jüdische Frau führt Herr Prof. Kellner aus : So wie wir in der Natur bei gewissen Lebewesen Organe finden, die einstmals ihre nützliche Bestimmung hatten, jetzt;iber in Verkümmerung begriffen sind, weil sie nicht mehr gebraucht werden, so habe auch die jüdische Frau manche Eigenart oder Unart aus ihrer orientalischen Heimat herübergenommen, die heute überflüssig geworden ist. Der Jude, der in der Zeit der Drangsalierung lebte, der täglich gewärtigen musste, aus dem Lande, wo er sich niedergelassen hatte, plötzlich wieder vertrieben zu werden, musste darauf bedacht sein, auch sein Vermögen so schnell als möglich zusammenraffen zu können. Und so kaufte er gerne kostbare Edelsteine, und die wertvollen Stirnbinden bei den jüdischen Frauen der Vorzeit waren nichts anderes;ils ihre Sparcasse. Diese Vorliebe für Schmuck hat sieh noch bis zum heutigen Tage bei der jüdischen Frau erhalten. Heute fehlen Gottlob die Prämissen zu einer solchen Capitalsanlage. Also, lassen wir dieses uns überkommene Organ jetzt als unbrauchbar absterben. Fort mit den Brillanten, die jüdische Frau muss es lernen, bescheidener aufzutreten '. Welche Auswüchse die Emancipation, die Assimilierung gleich in ihren Anfängen gezeitigt, darüber spricht sich Prof. Kellner in Kürzer, aber drastischer Weise aus. Er nennt die Namen Dorothea M e n d e 1 s s o h n und Rahel Lev in und fügt hinzu: ..Lassen Sie uns über sie hinweggehen Dagegen hebt der Referent mit Befriedigung hervor, dass sich allmählich die Erkenntnis Bahn breche, dass auch das jüdische Mädchen heutzutage sozusagen „seinen Mann stellenmüsse und dass es nicht bloss fürs Clavier gedrillt, sondern auch für einen Beruf erzogen werde, um auf eigenen Füssen stehen zu können. In weiterer" Ausführung des Themas erfährt sowohl der moderne jüdische Mann ali die moderne jüdische Frau manch herbe Charakterisierung. Klagt die letztere über Mangel an Ritterlichkeit seitens des Gatten und gibt es auch keinen jüdischen Ulrich v. Lichtenstein, so sei dagegen dem Juden seine Frau d i e Frau. Andererseits wirft der Referent der heutigen Frau eine oft krankhaft übertriebene Liebe zu ihren Kindern vor. welche oftmals auch zur Folge hat, dass die Frau darüber den Gatten vernachlässigt. Prof. K e 1 1 n e r führt hierauf die interessante Persönlichkeit der G 1 ü c k e 1 von Hammeln vor. die im 17. Jahrhundert gelebt und die einzige jüdische Schriftstellerin aus vergangener Zeit ist. die wir kennen. Es ist wahrhaft rührend, "erzählt der Vortragende, wie diese bescheidene jüdische Frau, die nicht schreiben konnte und die ihre Memoiren dictierte. in ihrem ganzen Gehaben, in allen ihren Handlungen sich mit ihrem Volke identifizierte; die Liebe zu Kol Jisroel füllte ihr ganzes Leben aus. Es ist bedauerlich, dass Prot'. Kellner aus Zeitmangel nicht grössere Auszüge aus den Memoiren dieser musterhaften jüdischen Frau"vorbringen konnte. Prof. Kellner führte weiter aus, dass der jüdische Mann nicht so sehr in Gefahr sei, das Stammesbewusstsein zu verlieren wie die Frau, da er in Ausübung seiner religiösen Pflichten immer wieder an die Zusammengehörigkeit seines Volkes gemahnt wird; bei der Frau aber sei die Gefahr, in der Menr.e aufzugehen, grösser und ihr als Erhalterin der Nation obliege

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