Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Article
- Die Zionisten an der Czernowitzer Universität
- Date
- 1900-12-21
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die 2^ Welt?* Nr. 51 diese eine der wesentlichsten Eigenthümiichkeiten Ihres Stammes gewesen ist, wie ja in der Pflege und Entwicklung der Literatur die kostbarste Seite eines jeden Nationalgefühles erblickt wird. Und so freue ich mich vom Herzen, mein Glas erheben zu können mit dem Wunsche, die akademische Verbindung „Hasmonaea* blühe, wachse und gedeihe." Stürmischer Jubel begleitete die Worte des Rectors. Dann sang der Chor das Lied „Dort wo die C e d e r", das Prof. Kuzela vierstimmig gesetzt und der „Hasmonaea" gewidmet hat. unter be- . währter Leitung des Chormeisters Herrn S c h u 1 z. Einen mächtigen, stürmische Begeisterung entfesselnden Eindruck machte die Tendenzrede des stud. jur. Kovler. In markanten Zügen entrollte er das traurige Bild der Vergangenheit des jüdischen Volkes, beleuchtete die gegenwärtige Lage und eröffnete glänzende Perspectiven für die Zukunft. (Die vortreffliche Rede erscheint übrigens demnächst vollinhaltlich im Druck.) Nach Absingung des Bundesliedes toastierte stud. jur. S c h o r r auf die Stadt, worauf Vicebürgermeister Regierungsrath Dr. R e i s s antwortete und in schönen Worten die „Hasmonaeer" als stramme, charakterfeste Burschen und Verfechter edler Ten denzen, die die Sympathien aller gebildeten Kreise der Stadt auf ihrer Seite haben, feieite. Es sprachen noch Magister der Pharmacie E. Schecht namens der alten Herren, und namens der „Humanitas" stud. jur. Fischer. Mit einem heiteren Liede schloss der officielle Theil, worauf Gemeinderath Prof. Dr. Neuman W e n d e r das Hospizpräsidium übernahm und einen gelungenen heiteren Vortrag hielt. Eine Kneipzeitung wurde noch verlesen und bis zum frühen Morgen sass man beisammen. Es war ein schönes Fest, das den Hasmonaeern Ehre macht. Reichsraths-Abgeordneter Ernst Breiter über den Zionismus. (Orig.-Gorr. der „Welt-.) Im Hinblick auf den Umstand, dass Herr Ernst Breiter mit der grossen Anzahl von über 14.000 Strumen zum Reichsraths-Ageordneten der V. Curie des Lemberger Wahlbezirkes gewählt worden ist, gewinnen seine Ansichten und Aeusserungen über den Zionismus ein erhöhtes, actuelles Interesse. Seinen Sympathien lür den Zionismus hatte Breiter auch früher bei vielen Gelegenheiten Ausdruck gegeben, und deshalb wurde auch seine Gandidatur von den Lemberger Zionisten unterstützt. Nun veröffentlicht sein Organ, der „Monitor" in der letzterschienenen Nummer vom 9. December d. J. unter dem Titel „Assimilation und Zionismus" einen Artikel aus der Feder eines auswärtigen Mitarbeiters, aus welchem folgende Stellen die Leser der „Welt" interessieren dürften. „Die zionistischen Bestrebungen sind uns sympathisch, wäre es auch nur deshalb, weil ihr Ziel die Aufrichtung eines freien und unabhängigen Gemeinwesens bildet. Wir sympathisieren aber mit dieser Bewegung auch deshalb, weil auch unsere Bestrebungen und Wünsche den gleichen Beweggründen entspringen. Die Motive des Zionismus sind schön und ideal, denn sie haben ihre Quelle in dem edelsten menschlichen Gefühle, in der Liebe zum väterlichen Boden. Der Zionismus verdient daher unsererseits volle Anerkennung und warme Unterstützung, vorausgesetzt, dass die Zionisten nicht vergessen werden, dass sie auf unserem Boden Gastfreundschaft gefunden haben und sich von der gemeinsamen Arbeit fürs allgemeine Wohl nicht zurückziehen. Uebrigens glaube ich, dass der Jude, dessen Geist die ganze Grösse und den ganzen Adel der zionistischen Idee zu umfassen vermag, auch ganz gut begreifen wird, was er. neben seinen Pflichten gegenüber seinem Volke, auch dem Lande schuldet, in dem er lebt." An diese Ausführungen seines Mitarbeiters knüpft nun Ernst Breiter folgende individuelle Bemerkungen: „Wir veröffentlichen die Ansicht unseres Freundes als Beweis, dass die nationale Bewegung unter den jüdischen Massen sich das Bürgerrecht zu erringen und trotz den Schmähungen der antisemitischen Presse ernst behandelt zu werden beginnt. Bisher durfte der Jude in nationaler Richtung gar nichts sein, denn nannte er sich Pole oder Deutscher, so begegnete er immer dem Vorwurf: „to Zyd" (das ist ja ein Jude), und gab er zu, dass er ein Jude sei, wurde flugs das hohe Ross des „Patriotismus" bestiegen und den Juden gedroht, dass sie Verräther des Landes, welches sie gastfreundlich aufgenommen hat, dass sie Feinde der Gesellschaft seien. Eine ernste Frage darf jedoch nicht so kleinlich behandelt werden. Wenn es einem in den Vereinigten Staaten lebenden Polen erlaubt ist, ein polnischer Patriot und dabei ein guter amerikanischer Bürger zu sein, warum sollte der Jude, der in seinem Herzen das edle Gefühl der Liebe zum Lande seinerVäter nährt und dessen Wiederaufrichtung anstrebt, kein nützliches und rechtschaffenes Mitglied unserer Gesellschaft sein können? Sind denn die traurigen Gestalten ä laLoewenstein, Horowitz, Byk deshalb, weil sie sich als Polen gerieren, moralisch mehr wert, als der arme Kaftanjude, der seit Jahrhunderten von der Gesellschaft geächtet und geschmäht wird und sich dennoch stolz und freudig zum Judenthum bekennt? O nein! Hundertmal lieber ist uns der Kaftanjude,—denn trotz der Erniederung, zu welcher ihm das Vorgehen des Ariers zwingt, müssen in ihm noch viel edle, ethische Elemente vorhanden sein, wenn er nicht moralisch ganz verkommen ist, sondern offen bekennt, dass er Jude ist, dass er seine Geschichte, seine Nation und sein Volk liebt und dass er gemeinsam mit den Bürgern anderer Nationalitäten ein nützliches Mitglied der Gesellschaft, in deren Mitte er lebt, sein will. Jene — die jüdischen Polen — das sind demoralisierte und gefühlsstumpfePolitiker, derenjederSchritt auf egoistisches Interesse berechnet ist; diese sind Leute voll Herz und Gemüthsadel, welche bereit sind, sich aufzuopfern für den, der ihnen aufrichtig zugethan ist und ihnen ein wahrer, kein falscher Freund ist.*4 Diese unzweideutige sympathische Stellungnahme Breiters zum Zionismus hatte zur Folge, dass die Lemberger Zionisten sich mit voller Kraft für die Wahl Breiters einsetzten. Sie haben ihm wohl nicht in letzter Linie zu seinem eclatanten Siege verholfen. Lemberg. E. S. Jüdische Bauern und antisemitische Bauernretter. Von Rudolf Kohn (Schlackenwerth). Unter den vielen Einwänden, denen die Zionisten fortwährend zu begegnen haben, ist einer der häufigsten: Die Juden seien keine Ackerbauer. Das Beispiel in den westlichen Ländern Europas scheint diese Einwände auf den ersten Blick zu rechtfertigen; die Juden der Grossstädte, der Centren des Assimilationsjudenthums, kennen in der That keine jüdischen Ackerbauer: sie wollen auch nicht gerne glauben, dass die galizischen Juden, die neben ihrem Handel auch ein Stück Feld bewirtschaften, den Ariern an bäuerlicher Tüchtigkeit gleichkommen. Unterdessen aber breiten sich jüdische Ackerbaubetriebe gerade in Böhmen mehr und mehr aus; fast scheint es, als ob das Judenthum in dem Engrosbetriebe von Güterpachtungen bald eine ähnliche Stellung einnehmen wird, wie * etwa in der Galanteriebranche. Es ist nicht gut angebracht, sich als Jude darüber zu freuen, weil angesichts der Lage des Judenthums in Mitteleuropa jeder jüdische Erfolg neue entgegengerichtete Spannungen erzeugt, auch.wenn nichts dadurch geschädigt oder ausgebeutet wird. Den Juden in Europa ist eben nicht einmal eine Ausbeutung des leblosen Bodens gestattet