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Die Welt · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Article
Der Rechenschaftsbericht der Wiener "Israelitischen Allianz"
Date
1900-12-21
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,Die 2$ Welt' Nr. 51 liess und ihnen erst gegen 4 Uhr nachmittags einige Lebensmittel sandte. Richtig ist vielmehr, dass den Emigranten, die gegen 7 Uhr morgens eingetroffen waren, bereits im Verlaufe einer Stunde nach ihrer wenige Stunden vorher avisierten Ankunft das Frühstück, bestehend in Thee, Milch, Brantwein und Brot, verabreicht wurde, dass schon gegen 7a10 Uhr vormittags eine bei der Selchwaren-Fabrik Sigmund Blatt telephonisch bestellte Wagensendung von kaltem Fleische eintraf, die sofort unter die Emigranten vertheilt wurde, und dass während ihres zweitägigen Aufenthaltes in Wien für ihre täglich dreimalige Beköstigung von Seiten der „Allianz" das Entsprechende vorgekehrt war. Es ist endlich unrichtig, dass erst im August für einen ärztlichen Dienst im Massen quartiere in Favoriten Sorge getragen wurde. Richtig ist vielmehr, dass von dem Tage ab, an welchem Emigranten in diesem Massenquartiere untergebracht wurden, der ärztliche Dienst daselbst vorerst vom Herrn Med.-Dr. Wilhelm Dubsky, sodann vom Herrn Med.-Dr. Siegfried Tänzer, und zwar unentgeltlich, versehen wurde. Achtungsvoll Für den Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien": Dr. K u r a n d a. Dr. Katzau. Einen grösseren Dienst hätten uns die Herren gar nicht erweisen können, als die Zusendung dieser Berichtigung. Denn dieselbe ist die wirksamste Illustration für die Art und Weise, wie die Herren mit der Wahrheit umgehen und die kräftigste Bestätigung all' dessen, was wir gegen ihren Rechenschaftsbericht vorgebracht haben. Aus der ganzen Reihe von Tharsachen, die wir mitgetheilt haben, werden nur drei herausgehoben, um die anderen drückt sich der Vorstand stillschweigend herum. Diese drei Thatsachen werden „berichtigt" und zwar mit Gegenbehauptungen, die der Wahrheit direct ins Gesicht schlagen. Hoffentlich wird nun endlich einmal der Vorstand der „Allianz" unserer wiederholten dringenden Aufforderung Folge leisten und uns Gelegenheit geben, die Wahrheit unserer Behauptungen gerichtsordnungsgemäss zu beweisen.*) Indem wir uns vorbehalten, mit «lern Schwergewicht unserer Beweise erst vor Gericht herauszurücken, wollen wir zur Beleuchtung der drei Punkte der Berichtigung vorläufig Folgendes anführen: 1. Begnügen wir uns mit der Reproduction einer Zuschrift des Rabbiners Reich in Baden an-das Organ der „Israelitischen Allianz", die „Oesterreichische Wochenschrift" (s. N. 27 1. .].), und fügen derselben nur hinzu, dass eine ganze Reihe von Gewährsmännern geradezu auf die Gelegenheit brennt, den Bericht des Herrn Rabbiner R e i c h vor Gericht zu bestätigen und zu ergänzen. Die Zuschrift lautet: In Angelegenheit der jüdischen Auswanderer aus Rumänien. Hochverehrter Herr Redacteur! Am 22. Juni erschien in Ihrer geschätzten Zeitschrift der Aufruf der „Jsrael. Allianz" in Wien zur Unterstützung der jüdischen Auswanderer aus Rumänien. Am Srsbbath. den 23.. nahm ich Veranlassung, von der Kanz . herab die Glaubensgenossen aufzufordern, hiefür einzutreten. Am Sonntag den 24. bildete sich sofort ein Hilfscomite. bestehend aus den Herren Moriz L e i t n er, Anton Schnei der, Salamon K 1 a u b e r, Sigmund Rausnitz, Hermann Flaschner und August E d e n b u rger, welches sich zur Aufgabe machte, Sammlungen zu ververanstalten. Zum allgemeinen Erstaunen erschienen in den folgenden Tagen Berichte in den Tagesblättern, aus denen das eine mit Sicherheit zu ersehen war, dass einzelne Trupps von Auswanderern in Wien anlangten, für .deren sofortige Weiterbeforderung nicht gesorgt und für deren Verpflegung in der Zwischenzeit nichts vorgesehen war. Die Berichte machten überhaupt den Eindruck, wie wenn diese Ereignisse sich irgendwo in Peking abspielen würden und es zu den grössten Schwierigkeiten gehören *) Bekanntlich haben 50 Mitglieder der „Allianz" an den Vorstand die statutarisch begründete Aufforderung gerichtet, eine ausseror dentliche Generalversammlung zum Zwecke der Prüfung des Sachverhalts einzuberufen. Diese Generalversammlung ist noch immer nicht einberufen. Warum?... würde, sich durch eigenen Localaugenschein Ueberzeugung zu verschaffen, wie es mit den Auswanderern bestellt sei, um durch persönliches Eingreifen sofortige Hilfe leisten zu können; denn wie sollte es sonst möglich sein und verständlich ersehenden, dass in der Nähe einer Stadt mit 140.000 Juden, die mit Vereinen, Vorständen und Seelsorgern versehen ist, hungernde Auswanderer mit der Unbill des Wetters, leidenden Kindern sich mehrere Tage hilflos befinden sollten, angewiesen auf das mitleidige Eingreifen einer armen, christlichen Arbeiterbevölkerung!? Ich stellte daher bei unserem Hilfs-Comite den Antrag, sich an competenter Stelle hierüber zu erkundigen und wurden Herr S. Klauber und ich delegiert nach Wien zur Reichsbrücke — dem Schauplatz der fremdartigen Ereignisse — sich zu begeben und den Hafencapitän um Auskunft zu ersuchen. Derselbe empfieng uns mit besonderem Entgegenkommen, zeigte sich erfreut, dass man sieh überhaupt erkundigen komme. Wie es mit den Zeitungsberichten bestellt sei, zeigte er uns an zwei Beispielen: Vorerst, dass er consequent als Hafencapitän König bezeichnet werde, er aber eigentlich Beinl heisse; ferner wurde in einem Berichte des „Tagblatt" gesagt, dass er die Auswanderer in schmutzigen Magazinen untergebracht habe, was der Wahrheit nicht entspreche; er habe sich vielmehr zur Aufgabe gestellt, nur vollkommen rein gemachte Räumlichkeiten danselben zur Verfügungzu zu stellen. Was die Angelegenheit selbst betrifft, bezeichnete er den Hergang als einen Scandal. Die Dampfschiffahrt-Gesellschaft habe mit der grössten Bereitwilligkeit auf Veranlassung der „Israelitischen Allianz" die Auswanderer von Galatz bis Wien befördert. Nun kamen sie um 9 Uhr Abends hier an; sie hatten kaum trockenes Brot, die Kleinen zitterten vor Nässe, auch war das Wetter regnerisch und rauh, und für die Weiterbeförderung hatten sie kein Geld. Auf eigene Verantwortung versorgte sie der Herr Capitän, in der Erwartung, es werde bald Aushilfe kommen. Es erschienen wohl drei Heiren, er wisse aber nicht zu sagen, wer sie waren : sie sagten, sie müssten erst eine Entscheidung einholen, was mit den Auswandern zu geschehen habe — so vergieng die Zeit der Erwartung bis zum dritten Tage — inzwischen wurden unter den Armen der Umgegend Brot und Lebensmittel gesammelt, aber von dem grossen Wien war nichts zu sehen und nichts zu hören, bis endlich ein Herr auf einem Zweirade erschien und die sehnlichst erwartete Aushilfe zur Weiterbeförderung brachte. Nach diesem Berichte aus dem eigenen Munde des Herrn Hafencapitäns, theilte ich ihm mit, dass wir uns in Baden zu einem Hilfscomite constituirten, mit der Aufgabe, sofort nach Einlangen eines Trupps von Auswanderern Hilfe zu leisten und liess ich ihm zu diesem Zwecke unsere Adresse zurück, um uns noch vor dem Einlangen solcher Auswanderer in Wien hievon telegraphisch zu avisiren. Unsere Sammlungen schreiten rüstig fort und dienen diese Mittheilungen dem Zwecke, dass sich Jedermann den Commentar hiezu mache — wobei erwähnt werden muss, dass man an diesen Vorgängen merkte, dass das Haupt der „Israelitischen Allianz" nicht in Wien gegenwärtig war; der Präsident derselben, Herr David Ritter v. Gutman, befindet sich nämlich zur Cur in Carlsbad, sonst hätten sich dieselben gewiss anders gestaltet — diese wahrheitsgetreuen Mittheiluugen dienen jedoch auch dazu, dass sich Jedermann angeeifert fühle, sein Scherflein zu sofortiger Hilfeleistung beizutragen und seinen Beitrag entweder an den Herrn Moriz Leitner, Präses der israelitischen Cultusgemeinde Baden, zu leiten, der sich mit gewohntem Eifer und grosser Bereitwilligkeit au die Spitze des Hilfscomites gestellt hat, oder an den Gefertigten : W. Reich, Rabbiner Baden bei Wien. Ad 2 können wir hur wiederholen, dass absolut verlässliche Gewährsmänner, die Augen- und Ohrenzeugen der. Jammerscenen vom 26. Juli waren, uns über ihre eigenen Wahrnehmungen berichtet haben; dieselben halten allen Berichtigungen der „Allianz" gegenüberihre ursprünglichen Behauptungen vollinhaltlich aufrecht. Wir haben, nachdem uns die Berichtigung der „Allianz" zugekommen war, neuerliche eingehende Erhebungen gepflogen, wobei wir allerdings zum Theil überraschende Entdeckungen machten. Es fanden sich vier Herren, die heute die Sache in einem für den Vorstand der „Allianz" günstigeren Sinne darstellen, doch stehen ihre heutigen vor Zeugen gemachten Aussagen sowohl unter sich als mit dem Inhalte der Berichtigung des Vorstandes der

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