Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Article
- Das Buch "Juda"
- Date
- 1900-12-14
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 ,Die & Welt" Nr. 50 geboren hat", aufmerksam machte, sagte er mir, er sehe in dieser Gestalt das Judenthum selbst, das in der tiefsten Qual noch junges Leben hervorbringe und sich ewig erneuere. Diese ewige Erneuerung und Verjüngung unseres Volkes, das wunderbare, sich stets wiederholende Hervorströmen des Lebens aus dem Tode, ist der eigentliche Stoff des „Juda«. Und die Losung, die dieser Stoff gebieterisch ausgibt, lautet nicht: „zurück zur Schönheit einst gesungener Psalmen", sondern: empor zu neuer ungeahnter Schönheit, zu neuen Liedern, zu einer neuen Art des Seins. Leuchtender noch und vertrauter glüht die Lebenskraft des Volkes in den Zeichnungen Liliens, die in diesem Buche vereinigt sind. Er hat diese stolze Energie seines Stammes in sich selbst erlebt, als er jahrelang mit den trostlosesten Hemmungen einsamer Noth kämpfen musste. Und er verherrlicht sie, wie ein Minstrel seine Königin, deren Gunst er im Segen ihres Blickes erfuhr. Sie L-t immer in die gleitende Anmut seines Styls gekleidet, aber über dem sanften Köpfchen slänzt die Krone und die schlanken Hände üben die Kunst des Befehlens. Sie bleibt dieselbe in allen Wandlungen. Wilde, ungebändigte Kraft, erste stürzende Jugendglut des Volkes : Simson, der den Löwen zerreisst. Löwenpranke und Mannesarm, zwei Mächte; und der Mensch, der junge Sohn Judäas, siegt. Wie ein Volk, das sich ein widerstrebendes Land erringt. Ruhige, in sich gefestigte Kraft, die ihre Grenzen kennt und ehrt: Enak vor Gomorrha. Lässig sitzt er auf seinem Kameel, selbstsicher, selbstherrlich, gönnt keinen Blick dem nahen Zelte und keinen der Feindesstadt jenseits des Stromes; er ist schwpigend in sich gewandt. Stille, versunkene Kraft der Liebe und stillere, versunkenere Kraft der Trauer : die Lieder Jehudas. Wie Glück und Sterben eines Volkes. Und die Sterne über der todten Geliebten wie stumme Zeugen der Unsterblichkeit. Prophetische Kraft des Schauens und der Verkündigung, die furchtbare Kraft des Leidens an der Zukunft: Jesaia. der, von der Flamme des Feldaltares umwogt, den Jünglingen und Mädchen zusieht, die sorglos unter den Mauern Jerusalems ihren Reigen schlingen, während der Himmel sich verdüstert, die Bäume im Sturmwinde beben und die Gräser sich zur Erde neigen. Kraft der Treue, Kraft der Wreisheit. Kraft der helfenden Güte: der wunderbare Rahmen aus Judenköpfen, der das Eingangsgedicht „Euch" umgibt. Eine Reihe lebensvoller Gesichter, von denen viele schon dem ersten Bücke bekannt erscheinen. Antlitze aus den Jahrtausenden des duldenden Kampfes. Schmale durchgeistigte Asketenköpfe, todgeweihte Märtyrerhäupter, sinnende Dichteraugen, reine gottergebene Priesterstirnen, Züge tief verstehender Weltkiugheit, Thatenköpfe, Ideenköpfe — jeder anders und in allen das eine Gefühl des Stammesschicksals, die Flügel weit ausgespannt, zum Zukunftsfluge bereit. Gläubige Kraft der Hoffnung: Passah: zwischen uralten, regungslosen Pyramiden und Königsgrabmalen schreitet der weisshaarige Jude im dornenbedeckten Gewände. Dornen über der Stirne, am Rande eines Wassers und blickt zu Boden. In der Ferne strahlt die Sonne auf und in ihr das Wort „Zion" in den Lettern der geliebten Sprache. Er sieht sie nicht. Aber die Sonne sendet ihre Strahlen weit hinaus ins Land und bannt die starren Augen der steinernen Fürsten. Trotzige Kraft der Empörung: jener Engel, der böse genannt wird, weil ihm das grosse Unrecht geschah. Flammenden Blickes deutet er auf den blütenlosen Dornstrauch, der ihm entgegenwächst, und in seinen schwellenden Armen pocht schon der Wille zur That. Und die selige Kraft der Erfüllung: Sabbath der Sabbathe. Die Tochter Zions auf dem Throne, gekrönt, die Thora-Rolle in der Hand. Aber eine Thora, in die neues Leben seine Keime wirft; denn zu beiden Seiten des Thrones spriessen südländische Fruchtbäume auf und dahinter, am Meeresstrande, erheben sich Cedern und Pinien über jungem Grase. In den Umrahmungen, welche die Bilderreihe feinsinnig ergänzen, werden neben frei-moderner Compositum lose Motive unserer alten decorativen Tradition entwickelt. Dornen und Disteln, Lotos und Lorbeer, Heckenrose und Weintraube, segnende Priesterhände und harfende Engel schliessen die Gedichte in stimmungsvoller Zartheit ein. Wir erhoffen das Kommen einer jüdischen Kunst. Wir haben gesehen, wie die jüdische Art zu sehen, in den Werken von Israel -> und Liebermann vollendeten Ausdruck gewann. Wie jüdisches Erleben sich auch plastisch gestaltete. Wir begrüsseu in den Judazeichnungen Liliens neue stoffliche Aufgaben und die eigenartige Verwertung synagogaler Kunstfragmente. In unserer Ahnung lebt eine Zeit, da all dies und andere künftige Schönheitsbewegungen zu grossen nationalen Schöpfungen zusammenströmen. Berlin. Martin Buber. Der Jude. Ei wirklich? Müsst Ihr's doch gesteh'n!: Eigentlich ist er selten schön, Der blasse Jude mit dem krausen Haar, Man könnte ihn dulden in unsrer Schar. Nur dass er, wenn man die Hand ihm drückt, Dankend nicht die Stirne bückt, Und ein heimlicher Hohn um den Mund ihm spielt, Wenn man ihm unsere Liebe empfiehlt. Wollte er nur mit solchem Verachten Nicht uns'rer Gunst Geschenk betrachten! Und machte man nicht ein'so kläglich Gesicht Neben seiner Worte Gewicht! Nie übersehreitet er das Mass Und nimmt nicht Theil an uns'rem Spass; — Wenn er die Taufe nur nähme an, Es war doch was, was man — verachten kann! Wiesbaden. Leo Sternberg. Prolog. Von Hugo Zuckermann. In Lied ur:d Sage hört man oft erzählen Den hohen Preis von Völkern aller Zeiten, Von Männerkampf und edlen Frauenseelen, Von edlem Tod, nach heldenhaftem Streiten. Von Römerzucht und von Germanentreue, Von Frauen, die den Mann im Tod begleiten. Von Junius Brutus, welcher sonder Reue Die Söhne hiugeopfert hat dem Vaterlande. Und von der edlen Fabier Todesweihe. Vom schönen Friedrich, welcher in die Bande Der unverdienten Haft zurück sich stellte, Und von Lucretia. die den Tod gewählt statt Schande. Auch Juda hat gefochten und gestritten, Auch Juda hat geblutet und gesiegt, Auch Juda hat geduldet und gelitten, Auch Juda hat sich nie dem Sclaverjoch gefügt. Denn Judas Ahnen waren Makkabiiei! Bar Kochba hat die Römei macht bekriegt! Und zwei Jahrtausend schmachteten Hebräer, In enge Ghettogassen eingeschlossen Und hofften todesfroh aufs Wort der Seher. Da ist in Strömen Heldenblut geflossen. Da glühten Scheiterhaufen, klirrten Ketten, Und Gottes Wort im Munde, starben Judas Sprossen. Doch davon schweigt der Sang. — Es ist, als hätten Umsonst geblutet all die Heldensöhne, Da ihre Namen kaum die Sage konnte retten! Der Löwe Judas schüitea seine Mähne! Erklinge nun du Lied von Seufzern und von Thränen, Die alte Zionsharfe soll ertönen, Wacht auf im Sang, Ihr feig gewordenen Söhne! Reisetage. Von Y . . . Chanuka 5659 (1898). I. Moriah. Hier ist das grosse Wunder geschehen — an dieser Stätte fanden sie den Krug — Vorsichtig und behutsam — wer aber besonders befangen ist, der trete nicht ein in den heiligen Bezirk, der blicke nur von ferne auf den Berg Moriah, denn er könnte von ungefähr über jene Stelle schreiten, wo das Aller-