Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Article
- Das Buch "Juda"
- Date
- 1900-12-14
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 ,Die s£ Welt" Seite 11 die Menorah uns mit ornamentaler Weihe entgegenstrahlt. Anden festen, schönen Blättern, die allem Hastigen und Oberflächlichen Feind sind und die langsame liebevolle Hand des Geniessers fordern. Und an jeder Seite, auf der sich der Sohn und der Fremde vereinen, um für das Leben des Schmerzensvolkes und für seine Zukunft zu zeugen. Diese Zusammenarbeit gibt dem Buche einen eigenen Reiz. Ein wunderbares Lied schlummert in den hebräischen Aufschriften des Widmungsblattes und der Schlussvignette, wie eine Melodie, zu der die Worte noch nicht geschaffen sind. Auf dem ersten Blatte, einem Tempelbilde, das von musicierenden Engeln und aufstrebender Lilienranke umrahmt ist, lesen wir auf dem Vorhange der Bundesla<ie über einem Davidschilde : „Ephraim Mosche Lilien, Sohn Jaakobs. vom Priesterstamme, der getreuen Söhne Zions einer." Und das Buch beschliessen. von jungen Zweigen überdachr. eine Freiherrnkrone umgebend, die hebräischen Worte: „Und der Fremdling, der in deinen Thoren weilt. . . Börnes von Münchhausen." Diese leisen innigen Worte erzählen uns die Geschichte des Buches „Juda". Stete fruchtbare Wechselwirkung dieser beiden jungen Männer von so verschiedener Stammesart und so gleichem Stammesstolze — ich meine das Gefühl der Rassentüchtigkeit und der wohlthätigen Vererbungen — haben es geschaffen „Gleicherweise schufen wir beide. Was unsere Seelen mit Sehnsucht durchquillt. Keinem zu Lieb und keinem zu Leide Haben wir unsere Sendung erfüllt'- erzählt Münchhausen in einem intimen kleinen unveröffentlichten Gedichte „Lilien und ich". Die Freundschaft wirkte auf beide befruchtend. Im Juden gewann die Idee. Qual und Hoffnung seines Blutes zu gestalten, durch das herzliche Verstehen des Andern immer festere Formen. Der Deutsche, der ursprünglich nur einen Cyclus biblischer Gesänge geben wollte, empfieng die Kunde von dem grossen Gedanken einer Selbsterlösung dieses Volkes, das er für todt und dessen Söhne er für entartet gehalten hatte: die jüdische Nation wurde ihm aus einem Stoffe, der nur noch in der Kunst zu organischer Schönheit aufglühen kann, durch das Sein und Sagen seines Freundes zu einem Gliede des warmen All-Lebens, zu einem grossen Wesen, das in der wirklichen Welt seinen Plate und sein Glück verlangt, das wieder lernt, mit offenen Sinnen ins Herz der Natur zu dringen und stillen Muthes sich das Schicksal mit eigener Hand zu formen. Dieser inneren Entwicklung des Juda-Gedankens bei Münchhausen entsprechend, lassen sich die Dichtungen gruppieren, gleichsam in Schichten des Schaffens. Da sind zunächst jene Gedichte, die nur Kunst geben wollen und sie auch in hoher Formvollendung und feiner seelicher Durchbildung geben. Dann jene, die wohl nur ein innerlich geschautes Historienbild niederzeichnen, in denen aber, unabhängig von der dichterischen Absicht, ein tiefes Gefühl des Volksschicksals durchbricht. Ein Schichte weiter — und sie weiden von dem Feuer einer grossen Zeitbewegung durchfluthet, die deshalb so mächtig wirkt, weil sie nur der Ausdruck einer geschichtlichen Notwendigkeit ist. Nur Kunst . . . „Sodoms Ruinen" etwa, malend in Ton und Rhythmus; in den paar Versen, die ruhig und ohne Rhetorik in sich selbst zurückgreifen, wie Wellen eines Sees, ist das ganze Grauen der Verwüstung ausgeschöpft: in den blossen Lauten liegt schon die dumpfe, tragische Musik der Zerstörung. Oder das prächtige Gedicht von „Enak vor Gomorrha". Oder die „Gesänge des Jehuda". eine Folge von drei Liebesliedern : melodisch zerfliessend, breite, purpurne Wogen der Sehnsucht, eine kurze, heisse. selige Stille, und dann die grauen, schweren Fluten der Trauer; in lodernde Klänge des Hohen Liedes mischen sich die leisen Tonnuancen unserer differenzierteren Erotik. Aber liier, wie in der Erzählung von Rahab der Jerichonitin, die Josuas Sendboten, den braunen Jojada. in Liebe beherbergt und bei der Einnahme der Stadt erschlagen wird, kommt doch schon auch ein tiefer Zug der jüdischen Volksseele zum Ausdruck: das starke, ungebrochene Lebensgefühl, dessen Wiedergeburt wir ersehnen. Und hat in diesen beiden Dichtungen der Tod das letzte Wort, so schlägt im „Simson" aus dem grossen Sterben selbst der Triumph des Lebens empor: in seiner sieghaften Schlichtheit ist uns dieser kindlich einfaltige Held, dieser herrliche Thor, eine sonnige Trostgestalt, und es durchbebt uns vor Glück, wenn wir von seinem wilden Tode lesen. Aber auch in allgemeinere Stoffe trägt der Dichter Stimmen des Volksschicksals hinein. So in das Zwiegespräch der Engel Gabriel und Satan. Gabriel ist nicht bloss der Meere Lobgesang, der Freude Jubellied, sondern auch „der Schrei, den einst ihr schriet, als wonneschauernd ihr gekniet zuerst auf Kanaans Gebiet"; und Satan ist nicht bloss des stürzenden Baumes Gestöhn, des Frostes Klingen, sondern auch „der fallenden Völker Klagen, die klirrend des Schicksals Hammer zerschellt". Dieses Zerschellen findet den ergreifendsten Ausdruclc in „Also sprach Jesaia". Da wird in Worten, die wie das Grollen der Brandung sind, das Strafgericht des Herrn über das verbuhlte Jerusalem gekündet, die Schrecken der Vernichtung flackern wie blutrothe Nachtgesichte auf und die furchtbare Oede nach dem grossen Brande, das schrille Schreien der im Heimatschutte Knieenden sagt sich in eisernen, riesenhaften Worten an. „Und eine dunkle Nacht wird sein und. dumpfer Wehruf rings im Land. Und eurer Seufzer Kette schlingt sich endlos euch um Fuss und Hand, Und immer wieder höre ich aus Edom her das Rufen bange: Sag. Hüter, ist die Nacht bald hie? Du Wächter, währt die Nacht noch lange?" Aber in die Herrschaft des Todes hinein klingt immer wieder der helle Verheissungsruf eines neuen Lebens. Uns tönt (im „Mose") das Jubellied Miriams entgegen: „Da ist uns ein König gekommen in Feuer und Geist . . ." Und die Erinnerung an die Befreiung aus Mizraim erwacht immer wieder als lebendige Hoffnung (Passah): „Jeruschalajim, einst wird es erneut". Bis die Zeiten erfüllt sind und alle Stimmen sich zu einem grossen Chore vereinigen, im „Triumphgesang der Juden". Babel ist gefallen, das Joch gebrochen, der Tag des Herrn ist aufgeflammt, die Erlösung ist da, sichtbar, greifbar, in wundervoller Unmittelbarkeit. Und nun richten sich die Tausende und Tausende langsam auf, und aus ihrem Mun«ie steigt der stolze, fessellose, beschwingte Gesang der Heimkehr empor, das lange verhaltene Lied von der Heimat. „Nun hänge um Deine Schultern, mein Volk, das Reisegewand . . ." Hier erhebt sich Münchausens Kunst zu monumentaler Kraft. „Und wer an seiner Sandale der Riemen einen erst band, Der wandere ohne t'en andern in seiner Väter Land, Wart' nicht auf Bruder und Vater, verflucht sei Ruhe und Rast, Was brauchst Du Vater und Bruder, wenn Du die Heimat hast?" Immer voller und jauchzender tönt der Gesang: „Wir zieh*n zu den Bergen der Jugend", und die tiefste Seligkeit erstrahlt in ihm im Vorgefühl der Erfüllung: „Und wenn die heilige Heimat leuchtet im Morgenlicht, Von den ewigen Höhen zu Heah das blaue Glänzen bricht. Dann sinken wir schauernd nieder am schimmernden Jordan Strand Und küssen mit durstigen Lippen das Vaterland." Diese trunkene Sehnsucht, die er schildeit, theilt sich dem stillen Dichter mit und gibt ihm die Kraft der Liebe und des Wortes. In dem einleitenden Gedichte „Euch" erzählt er die Visioneu. aus denen die Juda-Gesänge entstanden : das Rufen aus weiter Ferne, das heimwehstarke Blasen der Halljahrhörner. Wie ihm ein Sehnen ins tiefste Mark griff. Wie die Stimme in ihm erwachte. Die Stimme, die der Sabbath der Sabbathe, die Ernte der Saat verkündet — und die zur Rückkehr ruft: „Verlorner Stamm, ich weise dir die Wege, Und Deiner Wege Losung heisst: Zurück!" „Zurück!" Hier scheiden sieh die Bahnen. Dem Fremdling, der in unseren Thoren weilt und im letzten Grunde doch nur aus der Vergangenheit die speeifische Poesie des Judenvolkes zu schöpfen weiss, mag Rückkehr als das einzige Heilwort erscheinen: unsere Losung ist sie nicht. Wir lieben vor allen Offenbarungen die Poesie unserer Gegenwart. Wir kehren nicht zurück, wir gehen auf neuen Wegen weiter. Wir suchen noch, wir fragen, aber schon tritt unser Fuss sicher auf. Der Todten eingedenk, begrüssen wir das Leben. Mit treuer Demuth ehren wir das reine Thun der Väter, aber wir begehren ein anderes Heil. Wir wollen ein neues Palästina, wir wollen auch ein neues Judenthum. Eines, das Leben geniesst und Leben schafft. Eines mit starkem Natursinn und formsicherer Kunstgewalt. Ungehobene Schätze der Volkskraft wollen wir ans Licht bringen, verirrte Stammesfähigkeiten produetiv machen. Ein neues hingebungsvolles Sinnenleben, ein neues ehrliches Kindsgemüth. frohe, unbefangen zugreifende Energie, eine zweite Jugend der Nation; all dies reicht tiefer, als die Losung der Rückkehr. Und doch bricht auch bei Münchhausen das Gefühl des Neuen durch. Als ich vor einiger Zeit mit ihm über die jüdischen Märtyrer sprach und ihn unter Anderem auf jene erschütternde Stelle des alten Memorbuches von „Hanna, der Heldin in Blois, mit ihrem Kinde, das sie im Feuer