Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Article
- Chanuka in der Hintergasse
- Date
- 1900-12-14
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 »Die $l Welt" Ni . 50 Letzter Tag Chanuka. Jankel sitzt Schiwah. Eine mitleidige Nachbarin hat die drei Jüngsten für einige Zeit zu sich genommen, und die drei Aeltesten haben sich scheu in eine Ecke gedrückt, üeber Nacht war ein harter Frost gekommen und hatte den Strassenkoth in eine einzige feste Masse verwandelt. Spärlicher Schnee bedeckt gnädig den Schmutz. J-ankel sinnt. Worüber? Nun, er weiss es eigentlich selbst nicht. Ueber Allerlei. Er denkt an sein armes Weib, das nun auf dem Gottesacker ruht. . . . ausgerungen. Wann ihn wohl Gott abberufen wird? Wenn nur nicht die armen Kinder wären. Gitale könnte eigentlich schon einen Dienst bekommen, sie muss aber zuhause bleiben, Mutterstelle vertreten, er aber muss Erwerb suchen. In den sieben Trauertagen haben sich die Nachbarn seiner angenommen. Wie lange noch? Wenn er nur allein wäre. Er ist ja ans Hungern gewöhnt . . . Dann fällt ihm ein, dass heute letzter Tag Chanuka sei. O, er hat an die Lichtlein nicht vergessen. Sie brennen alle, und der Schames leuchtet mit Selbstbewusstsein und Würde . . . Nun wird es vollends Nacht. Dunkle Gestalten huschen am Fenster vorbei . . . Gitale, sieh einmal nach, wohin die Leute gehen. Gitale eilt zur Thür. Nach fünf Minuten kehrt sie zurück. Sie verstehe die Sache nicht recht. In der grossen Synagoge sei eine Feier. Ein Herr, gar ein Doctor, sei aus der Hauptstadt gekommen, um über Chanuka und Erez Isroel zu sprechen. Der Vater sieht sie gross an. Dann sinnt er wieder . . . lange, lange . . . Ein Seufzer entringt sich seiner gepeinigten Brust . . . Vater im Himmel, Herr des Erbarmens, blick auf meine armen Kinder und gib uns Brod, gib uns ein Haus, gib uns ein Stückchen Erde, damit uns unsere Feinde nicht verlachen ... Heisse Thränen rinnen über die Wangen, und Gitale starrt ihn mit offenem Munde an. Der reiche Cultusvorsteher, ein Geldwechsler selbstverständlich, sprach am nächsten Tage wohlwollend zu dem Doctor. der gekommen war. um über Erez Isroel zu sprechen: „Ja wissen Sie, lieber Herr Doctor. wir können doch nicht Zionisten sein. Kennen Sie den Jankel Schmatnik? Der wird ein Zionist sein." Er lachte herzlich. Lichter. Weiss nicht, was mich heute so ergreift in unbestimmtem Verlangen nach einer Welt der Innigkeit und Kindlichkeit. Ein Erinnerung bebt in mir — und jetzt weiss ich's, dass heute Chanuka ist. Lichter, klein und trotzdem weithin durch die Jahre leuchtend, himmlische Zauber der Seele, singende Erinnerungen. Was ist es, das hinter diesem allen so sehr lockt und leuchtet? Was ist es, das dieses Fest den Kindern so theuer machte? Ich denk' an Kindheit und Heimat — ja, das ist's — es ist das Fest des Heims, der jüdischen Heimat. Sein Mittelpunkt ist die Familie, sein tausendjähriges Gedächtnis die uralte, von den Makkabäern heldenmüthig vertheidigte Selbstständigkeit der jüdischen Heimat, heldenmüthig vertheidigt, mehr gegen die „Griechlinge" 'und Kriechlinge des eigenen Volkes, als gegen die Syrer und Römer. Kinder feiern das Fest mit Spiel und Lustigkeit — und durch die dumpfe Ghettostube schweben Gestalten von fernem Gestern und fernem Morgen, beglänzt von dem milden, bleichen Glänze der Chanukalichter, aber bleich und schattenhaft wie Schwerkranke. In dem tiefsten Drucke, dem Drucke ihrer eigenen Seelen begiengen unsere Ahnen Makkabäertage, verherrlichten sie die Helden der Vorzeit. Jüdisches HeldenthumDen meisten fährt sofort ein spöttisches Lächeln um die Lippen, andere erklären feierlich das Prineip der Nationalität für inhuman, weil ein Volk nicht bestehen könne, ohne ein anderes zu unterdrücken. Unsere Helden waren keine Cäsaren und Weltüberwinder, sie kämpften nicht des Kampfes oder des Ruhmes wegen, sie verteidigten bloss ihre Heimat, auch als ihre Hoffnung geschwunden war, denn die Nation ist etwas anderes, als jener Nationalitätsbegriff, den man aus der Heuchelei der Tagespolitik geholt hat. Unsere .Ahnen wussten nichts von Nationalitätenprineipien, aber auch nichts von den lebendigen Kräften ihrer Nation. Es lebte in ihnen nur ein dunkles, gemeinsames Empfinden ihrer Gemeinschaft, Heimatsgefühl ohne Heimatsbewusstsein. Wir aber haben einen Sinn für unsere Feste gefunden. Die Chanukalichter, die in den einzelnen jüdischen Häusern leuchten, weichen dem einen, helleren Lichte des ganzen Volkes, vor dem die Schatten der Ghettostube zerrinnen. Wir erfassen die doppelte Bedeutung unseres Heimatsfestes, den Preis der Makkabäer, der stolzen, lebens- und todesmuthigen, und die stille Poesie der volkserhaltenden jüdischen Familie. Und wir feiern ein Fest nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft. Wie n. Ernst Mülle r. Mein Lied. Wie hast Du so hell einst geklungen, Du mein Lied aus begeisterter Brust — Wie hast Du den Frühling besungen, Durchzittert von Liebe und Lust! Wie hast Du die lachenden Wiesen Gefeiert in jauchzendem Schall Und in lauten Hymnen gepriesen Die Wälder, die Berge — das All! Es hat sich Dein Klang in die Lüfte erhoben, In seligem Fluge und freudebeschwingt, Und sonnig vom Strahle des Himmels umwoben, Sangst frei Du, mein Lied, wie die Nachtigall singt! Doch verhallt ist das freudige Tönen, Verstummt ist der muntere Sang —-- Nun zittert ein namenlos Sehnen Durch die Saiten, düster und bang. Das bittere Leid meiner Brüder Durchzieht wie ein Sturm mein Gemüth, Und weint und stöhnt und hallt wieder, Wie im Echo aus meinem Lied . . . Denn alle die Thränen, die zahllos fliessen, Und alle die Seufzer, so tief und so schwr, Ich fühle sie all' in mein Herz sich ergiessen Und ausströmen dann in ein Liedermeer! Drum singt jetzt mein Lied nur vom ewigen Irren, Vom traurigen Golus, von bitterer Noth, Und von der Verfolgung blutigen Wirren, Von Elend und Sorge, Verzweiflung und Tod--- Es singt nur vom Volk, das bedrückt und verachtet, Verjagt und vertrieben, geschmäht und gehasst, Nach seiner Heimat voll Innigkeit schmachtet, Wie der müde Wandrer sich sehnet nach Rast . . . Und es singt auch von besser n und kommenden Tagen, Und es singt von der Freihei t, die hoffnungsvoll winkt. — Bis einst der Erlösung Stunde geschlagen Und wieder im Jubel mein Lied erklingt! Paris, November 1000. Heinrich Grünau. Das Buch „Juda". (Juda. Gesänge von Börries Freiherrn v. Münchhausen. Buchschmuck von E. M. Lilien. F. A. Lattmann, Verlag, Goslar.) Ich habe die Entstehung dieses Buches still und bewegt miterlebt, Freundesautheil genommen an dem herben Ringen und an dem reichen Segen des Gelingens, an den vielen Mühen und Beglückungen des Weges, und so gewann ich es lieb. Nun, da es vor mir liegt, ein Fertiges, in sich Geschlossenes — einige Tage bevor es in die Welt gesandt wird — habe ich eine eigenartige zarte Freude an diesem Werke, das unter meinen Blicken erwuchs. Freude an allem. An dem Einbände in unseren Farben, auf dessen dunkelstem Blau die weisse Aufschrift „Juda" leuchtet, in Buchstaben, die, wie hebräische stilisiert, eine süsse heimatliche Stimmung wecken. An dem Vorsatzpapier, aus dem