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Die Welt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Article
Ein Chanuka-Geschenk
Date
1900-12-14
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 50 „Die j& Welt" Seite 9 Briefen ihre Urtheile abgegeben. Wir haben da interessante Dinge zu hören bekommen, interessant für die Leitung der Toynbee-Halle nicht minder wie für alle, die den Charakter des jüdischen Volkes studieren. Das Publicum der Toynbee- Halle, die Hausierer, die kleinen Leute, die Näherinnen, die Buchhalter und Schreiber — sie sind in Bezug auf die ihnen gebotenen geistigen Genüsse die anspruchsvollsten Leute von der Welt. Sie marschieren Meilen weit durch den Schmutz der Wiener Lueger-Strassen bei strömendem Regen und heulendem Winde: sie warten Stunden lang vor der Thüre; sie machen sich nichts daraus, wenn sie, endlich im Saale, stehend dem Vortrage folgen müssen. Man kann also nicht bescheidener sein, was die Bequemlichkeit und das Behagen betrifft. Aber eben diese anspruchslosen Leute sind ein wahres Premieren-Public um, kritische Feinschmecker, sobald der Vortrag, die Vorlesung, die Discussion beginnt. In diesem Punkte haben wir eine Enttäuschung erlebt — eine entzückende Enttäuschung! In der Londoner Toynbee-Halle, in Oxford House, im Passmore Edwards Settlements genügt es, den naiven Gästen eine Geschichte aus Kipl in gs Dschungelbuch vorzulesen, um sie in beste Stimmung zu versetzen, und ein mit vertheilten Rollen von ganz unkundigen Laien gelesenes Lustspiel füllt einen Abend aus.' Damit dürfen wir — das ist jetzt schon klar — unserem Publicum nicht kommen! Für unsere Toynbee-Halle ist das Beste gerade gut genug. Das werden wir uns merken. Leicht wird es nicht werden, Abend für Abend nur Vortreffliches zu bieten, aber wir haben ja gar nicht die Absicht, es uns leicht zu inachen. Die Toynbee-Halle wird, wie ein kräftiger Baum, alle Säfte und Kräfte seiner Umgebung an sich ziehen — alle die jüdischen Talente, die vergeblich nach einer fruchtbaren Bethätigung suchen, werden zum Wachsthum der Toynbee-Halle beitragen. Es gehört kein prophetischer Scharfblick dazu, um vorauszusagen, dass die Toynbee-Halle der Sammelpunkt alles dessen werden wird, was die Wiener Judenheit an darstellender, mittheilungslustiger Begabung besitzt. Wir, die wir uns um das Zustandekommen der Toynbee-Halle bemüht haben, verleben glückliche Abende inmitten unserer Gäste: es ist schwer zu sagen, wer Geber ist und wer Empfänger. Wir alle haben die Empfindung, uns gegenseitig ein schönes Chanuka-Geschenk beschert zu haben: sicherlich haben wir uns seit den Kinder- und Trenderltagen nicht so herrlich mit einem Chanuka-Geschenk gefreut. *** Nimm alle Thränen .. . Du weisses Wölkchen in den Lüften, eile! — Dir schaut' ich oft mit wundem Herzen nach, Wenn stumm ich an der letzten Tempelsäule Vor meinem Judenthum zusammenbrach. Nimm alle Thränen, die vom Aug' mir fliessen, Und wo die Sonne strahlt mit heisser'm Brand, Magst Du sie milde träufelnd niedergiessen Als frischen Thau aufs theure Vaterland. Berlin. Arthur Löwy. Chanuka in der Hintergasse. Kleine Ghettogeschichten. Von Philipp Menczel. . Was ist die Hintergasse? Das Ghetto im Ghetto. Die Stätte der Armuth, ihr Wirkungsort par excellence. In der Hintergasse wohnt das jüdische Proletariat. Kommt einmal mit. Wählet selbst. Ein Städtchen Sarmatiens muss es sein, jedoch ein beliebiges. Es kann in Galizien, in Podolien, in Bessarahien oder in Litthauen liegen, meinetwegen darf es auch die Moldau sein. Ehe Ihr die Wanderung mit mir antretet, treffet hübsch Vorbereitungen. Ihr wisst es ja, wie für eine Bergtour. Statt der Bergschuhe müsset Ihr hohe Stiefel oder tiefe Galoschen nehmen, das Taschentuch presset an die Nase und achtet auf den Pfad. Nun denn in Gottes Namen. * * Die ersten Schneeflocken fallen zur Erde. Sie versinken in den grünlichgelben Morast und hinterlassen keine Spuien. Des stadtgewaltigen Polizeimanns Sau wälzt sich behaglich im Schlamme, dann erhebt sie sich schwerfällig, trottet zum „Hausdes Jankel Schmatnik und reibt den borstigen Rücken an dem kleinen Fensterchen, das bis an die „Prisp*" heranreicht. Klirrend fallen die beiden erblindeten Scheiben zur Erde und zersplittern. Jankel Schmatniks Gattin — Schmatnik ist Lumpensammler und Bettler von Beruf — ist jähzornig, sie eilt auf die Gasse, und obgleich sie ein lebendes Wesen unter dem Herzen trägt, hebt sie wuthentbrannt den grossen Kascherstein, der vor dem Ofen liegt, in die Höhe und wirft ihn dem garstigen Friedensstörer an den Kopf. Vier Wochen später. Es war an einem Donnerstag und der zweite Tag Chanuka. In der grossen Wirtsstube des Schänkers Mendel Wasserstrom sitzt der Polizeimann Jokus, der Allgewaltige, und trinkt immer noch Eins. Schnaps, reinen Schnaps. Er bekommt ihn billig, böse Leute sagen gar umsonst, und seine Nase funkelt. Ihm gegenüber sitzt der Wirt, in ehrfürchtiger Haltung, auf einer Kante der wackeligen und schmierigen Holzbank. An einem renster hinter dem Schänktisch brennen zwei Wachslichtlein, die an ein Stück Brennholz festgeklebt sind. Jokus ist im Orte geboren, sein Vater war der Hitzil (Wasenmeister) daselbst, und er kennt alle jüdischen Gebräuche. Er spricht den Jargon der Juden mit grosser Geläufigkeit und verwendet nur ab und zu einige ruthenische Worte. Weisst Du, Mendel", sagt er, „der Jente Schmatnik habe ich es gut gegeben. Sie hat jetzt schöne Chanuka : weisst Du, mit meinem Schwein die Geschichte kennst Du ja". Dann lacht er verschmitzt. „Ich habe es ja damals gleich geschlachtet, und die ersten Würste habe ich gestern gegessen." Dann schnalzt er mit der Zunge. TAlso weisst Du, init dem Schwein. Dann habe ich ein Urtheil bekommen auf sie. Drei Tage Arrest, sechzehn Gulden und die Kosten. Gestern habe ich aber gelacht, gelacht . . . krankgelacht. Hat mir der Executor einen Gefallen erwiesen . . . Der Mann, der Jankel Schmatnik, hat gerade das^ erste Lichtel angezündet, und die Jente Liegt in den Wochen. Kommt er schnurstracks herein und nimmt ihr das Polsterl weg, was sie lag darauf. Das kleine Schmatnikel hat gequietscht, und sie fiel in Ohnmacht . . . Aber was bekomme ich für das dünne Polsterl . . . vielleicht drei Gulden . . . Mendel, gib noch ein Achterl! . . Freitag. Die Hintertrasse ist belebt. Die Habseligkeiten, als da sind: Bankbettel, Tisch und Backtrog, liegen vor den Häusern auf der Strasse. Frauen in Lumpen gehüllt, das Kopfcüchel zurückgeschoben, die abgehärmten Gesichter leicht geröthet, stehen mit Strohwischen in den Händen und scheuern an den Hausgeräthen. Sabbath soll empfangen werden. Jente Schmatnik ist schwer krank, und ihr armes Neugeborenes ist vom Schames schon auf den heiligen Ort getragen worden. Gitale, ihre älteste Tochter, elf Jahre alt, besorgt die Scheuerung. Ihre zarten Fingerchen bluten. Ihre fünf Geschwister sitzen um sie und wühlen im Koth. Herrenlose Hunde, räudige Köter, treiben durch die Hintergasse. Vater ist nicht zuhause. Er ist beim Fleischer, um einige Fleischabfälie für den Sabbath zu erbetteln. Der Tag rückt vor. Jente röchelt schwer und in ihren Augen glimmt nur noch das Fieber. Sie ruft Gitale herbei und ertheilt ihr mit matter Stimme Weisungen, wie sie das Süpplein kochen solle, wenn ihr die Nachbarin drei Stück Hoiz leiht und der Vater das Fleisch bringt. Ach Gott, der Tag ist jetzt so kurz, und der Vater kommt noch immer nicht. Die Kinder weinen. Die Mutter hat ein Stück Maisbrot neben sich liegen und vertheilt es unter die armen Würmer. Gierig verschlingen sie die Brosamen. Die Sachen sind schon reingescheuert und an ihrem Platze. Alle Kinder, auch der Zweijährige, hatten der Gitale geholfen, den Tisch in die Stube rücken. Wo nur der Vater sein mag? Nur die Mutter spricht nichts, und sie sieht so eigentümlich aus. Sie bewegt nur leise die Lippen. Nun weint auch Gitale . . . Horch sind es nicht Vaters Schritte? Der Vater kommt! Er stösst die Thür auf, und sein erster Blick fällt auf seine Gattin. Ein markerschütternder Schrei hallt durch das Zimmer. Jente hat ihren letzten Seufzer gethan. Das Fleisch ist der Hand enfallen, und mit heisser Gier schlecken zwei Hunde an der willkommenen Beutp.

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