Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Article
Weißt du es noch ...
Date
1900-12-14
Page
8 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315902-3374725--23369-3374835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 „Die & Welt86 Nr. 50 Weisst Du es noch ... Weisst Du es noch, wie wir den Nachen nahmen Und auf dem stillen See gefahren sind, Und heimliche Gedanken zu uns kamen, Auf gold'nen Flügeln — weisst Du noch, mein Kind? Wie über Deine braunen Mädchenwangen Wirr flatterte und wild Dein schwarzes Haar, Und wie die Wellen leise Lieder sangen Und aller Erdenton verklungen war ...? > Man konnte sich in fernen Landen wähnen, Ein selig Schweigen schlich sich uns ins Herz — Es war die Zeit, da stieg das grosse Sehnen, Das grosse Sehnen, suchend erdenwärts. In Deinen Blicken lag ein banges Sinnen — Da sang ich leise Dir ein Zionsüed, Ein Lied von meinem heissen Herzen, drinnen Die bunte Zions-Wunderblume blüht Die Blume blüht und neue Lieder klingen, Die Blume blüht und leuchtend wird aus ihr, Kommt einst der Tag, die reife Frucht entspringen — Weisst Du es noch, mein Kind, das sang ich Dir. Berlin. M ar t i n F r i e d 1 ä n d e r. Ein Chanuka-Geschenk, Wess das Herz voll ist, dess geht der Mund über — ich kann von nichts anderem reden als von der Toynbee- Halle. Wenn ich auf die letzten drei Wochen zurücksehe, erscheint mir die Thätigkeit des Comites wie ein in dämmerige Urzeit zurückreichender Mythus, das Gewordene aber wie eine Thatsache, deren erste Ursachen sich jeder Erforschung entziehen. Einige von den Pflichten des bürgerlichen Lebens vollauf in Anspruch genommene Männer, eine Schar hochsinniger Frauen und Mädchen kommen im Laufe zweier Monate jede Woche zur Berathung zusammen, einige hundert Gulden werden aufgebracht, vorsichtig wird ein Raum aut kurze Frist gemiethet. mit ängstlicher Sparsamkeit wird die äusserst nüchterne Einrichtung besorgt. Wir sehen der Eröffnung nicht ohne Bangen entgegen : Werden sie kommen, die jüdischen Arbeiter, die Hausierer, die Beladenen und Gedrückten, die ihr schweres Los bei unseren Vorträgen und Gesprächen vergessen sollen? Wir lassen einige hundert Ankündigungen, schlichte, fast zaghafte Fürsprecher unserer guten Absichten, in der Leopoldstadt vertheilen. Werden diese losen Blätter ihre Bestimmung erreichen? Werden wir Glauben finden? Wird man unser selbstloses Wollen verstehen? Sonntag, der 2. December, ist für die Eröffnung bestimmt, der Anfang ist für 6 Uhr festgesetzt. Wir zögern auf dem Wege in die Brigittenau. Es wäre allzu schmerzlich, als die ersten in einem leeren Saale zu erscheinen, auf die Hilflosen zu warten, denen wir nach Kräften helfen wollen und die unsere moralische Hilfe verschmähen! Es ist beinahe 6 Uhr. Früh genug, sagen wir uns, viel zu früh für den ersten Abend, nach dei geräuschlosen Ankündigung... Wir lassen die Brigittabrücke hinter uns und biegen in die erste Nebengasse ein. Dort ist das Eckhaus. Was geht da vor? Eine dichte Menschenmenge belagert den Eingang. Wir, das Comite, müssen uns den Eintritt durch energische Worte und nachdrücklichen Gebrauch der Ellenbogen erzwingen. Kaum dass man uns die Thüre öffnet — der Raum ist überfüllt von Männern und Frauen! Ein Glück, dass einige Comitemitglieder weniger pessimistisch waren, als wir und schon eine halbe Stunde vor der Zeit am Platze waren. Unser Publicum, das Publicum der Toynbee-Halle, hatte sich schon um 4 Uhr eingefunden! Einer hat den gLücklichen Einfall, nach dem Vortrage die Anwesenden zum Verlassen der Halle zu bewegen. Langsam leert sich der Saal — aber kaum sind einige Minuten vergangen und wieder ist er bis in die letzten Winkel gefüllt! Ein Künstler entzückt uns durch sein wundervolles Spiel — dann wird die zweite Schichte ersucht, einer dritten Platz zu machen. Wieder leert sich der Saal und zum drittenmale wird er voll. Das war am Sonntag, am Tage der Eröffnung. „Das beweist nichts," sagten wir uns. „Wir haben zu viele Leute in guter Kleidung gesehen und auch die offenbar Dürftigen, was wie unser echtes Publicum aussah, mag viel neugieriges, müssiges Sonntagsvolk enthalten. Warten wir einige Wochentage ab." Seither sind fast vierzehn Tage verflossen, ordinäre Werktage, von denen sich einige nur durch ungewöhnlich schlechtes Wetter auszeichneten, und das Schauspiel vom Eröffnungstage hat sich allabendlich wiederholt. Wir fangen um 7 Uhr an — schon um 5 Uhr ist der Eingang belagert; wenn der Vortrag vorüber ist, schicken wir die Gäste weg; so schwer es uns ankommt, einen solchen Befehl zu ertheilen, so schwer entschliessen sie sich, ihm Folge zu leisten; die neuen Gäste hören eine Vorlesung und Musik, dann müssen sie wohl oder übel anderen platzmachen, die einen ganzen langen Abend draussen warten, um für eine kleine halbe Stunde Einlass zu erhalten und das Ende einer Discussion anzuhören. Wir haben während dieser Zeit einige unserer Stammgäste kennen gelernt und können uns allmählich eine Vorstellung machen, welches Bedürfnis die jüdische Toynbee- Halle befriedigt. Einer kommt regelmässig jeden Abend als einer der ersten, verlässt beim ersten Schichtwechsel den Saal und kommt bescheiden beim zweiten wieder herein. Er kommt gerade aus dem Bureau, wo er den ganzen Tag über als Buchhalter beschäftigt ist, in die Toynbee-Halle, und geht sehr spät einen sehr weiten Weg nachhause — aus der Brigittenau nach Hernais. Die blasse Frau dort in der Ecke, die noch keinen Vortragversäumt hat, ist, wie wir gelegentlich ihres Eingreifens in eine Discussion erfahren haben, eine Pelznäherin. Der junge Mann, dessen theologische Kenntnisse bei einer anderen Discussion in so überraschender Weise zutage traten, kommt aus einer AdvocaturskanzleiinFloridsdorf geradewegs zu uns. Die schweigsamen Leute im Hintergrunde lassen sich unschwer als Hausierer und kleine Gewerbsleute erkennen . . . Was haben wir diesen unseren Gästen, die aus allen Bezirken Wiens in die Brigittenau pilgern, geboten? Ein hervorragender Arzt belehrte uns am ersten Montag über das Wasser als Erhalter der Gesundheit; ein vielgereister, weltkundiger Mann unterhielt uns am Dienstag über Handel und Wandel in der alten und neuen Welt; ein gelehrter Theologe sprach üoer die Entstehung und das Wesen des Talmud und gab den Gästen Stoff zu einer sehr fruchtbaren, noch immer nicht abgeschlossenen Discussion; ein angesehener Advocat, der auf den Hochschulen von Sura und Pumpaditha neben den babylonischen Talmudisten seinen Platz mit Ehren behauptet hätte, unterhielt uns über Mendelssohn und seine Zeit; ein Lehrer und Gelehrter von scharfer, selbständiger Denkart, gab uns eine Geschichte der Bibelerklärung als Einleitung zu den Vorträgen, die jeden Freitag im Anschlüsse an den Wochenabschnitt stattfinden sollen; Schriftsteller ersten Ranges erfreuten uns als Vorleser ihrer eigenen Producte; ein Ministerialbeamter erklärte uns in geistreicher Weise den Zusammenhang zwischen Kleidung und Sittlichkeit: fast >n jedem Abende — mit Ausnahme des Freitag — gab es vortreffliche Musik. Wie wurden diese Darbietungen der Toynbee-Halle aufgenommen? Unsere Gäste genieren sich nicht, während der Pause ihre Meinungen auszutauschen, einige haben in interessanten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.