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Die Welt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Article
Eine Kindheitserinnerung
Date
1900-12-14
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 50 „Die & Weif Seite 7 Eine Kindheitserinnerung. Von Ben Josef. So oft ich die kleinen Chanuka-Lichtchen sehe, erinnere ich mich jenes massig kalten Decembertages, wo es in dem von mir besuchten Cheder mit einemmale h'iess, dass heute nicht „bei Nacht" gegangen wird. Es war in einem kleinen Städtchen, wohin mich meine Eltern zu einem Onkel mütterlicher Seite in Pflege gegeben hatten, damit ich doch wenigstens das Beten und ein bisschen Bibel erlerne, was auf dem Lande, in der Dorfschenke, schwer erreichbar war. Im Cheder nun hiess es mit einemmale. dass heute nicht „bei Nacht" gegangen wird. Sonst pflegte man, von November angefangen, jeden Abend im Cheder zu bleiben und bis 8 oder halb i) die Sidrah, den für die betreffende Woche kalendermässig festgestellten Abschnitt aus den fünf Büchern Mosis, mit Raschi's Commentar zu lernen. Es war jedenfalls eine angenehme Abwechslung, so einer Feriainacht entgegenzuharren und da als Ursache der erste Chanuka- Abend angegeben wurde, so zog auch etwas Feiertagsstimmung in die Gemüther der sechs- und siebenjährigen Knaben. Die ganze Schar der Kleinen gieng nun mit Anfang der Dämmerung, geführt vom „Rebbe", wie man den Lehrer gewöhnlich nannte, in die Schul zum Mincha- und Maariv- Gebete, und, wie es aus war, tollte ein jedes nachhause, um ja nicht das Anzünden des ersten Lichtchens zu versäumen. Ich thats natürlich auch. Ich hatte umso mehr Grund dazu, als gerade vor zwei Tagen der Grossvater, der sonst immer im Dorfe bei meinen Eltern wohnte, für einige Tage zu Besuch der Tante hereingekommen war und ich Grosspapa ganz gut kannte und wusste, dass er zu allen Ganz- und Halbfeiertagen seine bestimmten Gesänge habe, die er sich nie zu schenken pflegte. Ich sehe ihn noch vor mir, den alten Seeden Frojim, wie wir Enkel ihn nannten, einen hohen Siebziger mit langem, breitem, weissem Barte, einem milchzarten Gesichte und klug und schwärmerisch zugleich dreinschauenden blauen Augen, hoch und breitschultrig, aber den Oberkörper ein wenig vorgebeugt. Das kam wohl davon, weil er stets über die hebräischen Bücher gebückt sass. Er hatte in seiner Jugend nicht viel gelernt und sprach oft mit tiefem Bedauern davon, wie er so frühzeitig Waise geworden und sich nach einem Erwerb umschauen musste und es daher nicht zu einer Capacität im Talmud gebracht hat wie er und sein Vater es so sehr gewünscht hätten. Als er jedoch alt geworden war und die Kinder versorgt hatte, als die Grossmutter starb und es öde um ihn herum wurde, da fieng er an, seinen Erinnerungen zu leben. Er zog sich zu seiner ältesten Tochter — das war meine Mutter — aufs Land zurück, und führte da ein halb ascetisches Dasein. In der kleinen Stube des weitausgedehnten Wirtshauses verbrachte er ganze Tage und Nächte mit dem Studium der Thora-Commentare, des Midrasch, aber auch mit der Lecture des ins Hebräische übersetzten Geschichtswerkes des Josephus Flavius und anderer historischer Bücher, wie des „Scheerit Israel" etc. So wusste er denn an jedem Festtage viele sehr interessante, auf den betreffenden Tag bezügliche Agadas und Legenden zu erzählen, die das Herz der Kleinen gefangen nahmen, sie bald mit heiligem Zorn über die Missethäter und Bedränger Israels, bald mit Genugthuung und Stolz über das Ende derselben und die Gross- und Wunderthaten der Helden unseres Volkes erfüllten. Ich hatte also vielleicht mehr Grund, als die anderen Schüler, wenn ich über Hals und Kopf aus dem Bethause nach Hause rannte, und die gegen Abend zunehmende Kälte, den zu meinen Füssen glitzernden Schnee und die aus den Lachen gebildeten kleinen und gefahrvollen Eisflächen nicht beachtend, sogar ein paarmal ausrutschte und meiner ganzen Kürze nach auf die Schneedecke fieL Wollte ich ja weder von den Gesängen noch von den anziehenden Erzählungen etwas versäumen! Ich kam in der That, ausser Athem und in Schweiss gebadet, rechtzeitig an. Man war gerade mit dem Einfüllen des am Fenster aufgestellten Oellämpchens und dem Hineinlegen des Baumwolldochtes fertig geworden. Seede Frojim stand schon mit dem grossen Sidur in der Linken und dem kleinen Wachskerzchen in der Rechten, bereit den vorgeschriebenen Segen zu sprechen; um ihn herum die ganze kleine Kinderschaar des Hauses, da auch einige aus den Nachbarwohnungen dazu gekommen waren, und Alles lauschte andächtig und schaute der heiligen Handlung des Lichtanzündens feierlich und schier den Athem einhaltend zu. Seede Frojim gieng dann mehrere Male in der Stube auf und ab, wobei er in ziemlich eintöniger Weise das „Maos Zur Jeschuathi" absang. Eintönig und doch tief ergreifend! Es wechselte doch ab. Es hörte sich bald wie ein tiefer Klageton, bald wie ein Freudenruf an, wahrscheinlich dem Inhalte angepasst, jenachdem die Strophe von der Bedrängung oder der Erlösung handelte. Die Blicke der Kleinen folgten allen seinen Bewegungen und ihre Ohren sogen jeden Laut auf; in den Blicken und Ohren lagen auch die Herzen. So vergieng eine Weile in spannungsvoller Erwartung. Nun kam der ersehnte Augenblick. Grossvater setzte sich und begann zu erzählen. Er erzählte vom gottlosen Heidenkönig Antiochus, wie er mit grossen Söldnerheeren nach Jerusalem zog und den Tempel durch ein einem Götzen geopfertes Schwein entweihte, um die Juden und ihren Gott zu höhnen; wie er dann seinen Feldherrn mit vielen Kriegern in Palästina zurückliess, um die Juden an der Sabbatheiligung und der Erfüllung sonstiger religiöser Gebote und Gehräuche zu hindern; wie mehrere treulos abgefallen waren und zum Feinde und dessen heidnischen Bräuchen hielten; wie der alte Priester Mathatia mit seinen Söhnen den Befreiungsaufstand vom kleinen Städtchen Moden aus organisierte; die vielen schweren Kämpfe, welche sie den Griechlingen und dem übermächtigen Feinde gegenüber zu bestehen hatten und wie Juda Makkabi durch seine Begeisterung für Gott, Freiheit und Vaterland den Sieg an seine Fahnen fesselte! Die Erzählung hat eine gute Weile gedauert und in den Augen der kleinen Zuhörer waren abwechselnd Furcht, Abscheu und auflodernder Zorn zu sehen. Auch in meinem Innern war so Manches vorgegangen, das sich zu folgender Frage gestaltete: »Seede, warum thut der liebe Gott jetzt keine Wunder, warum führt er uns nicht aus dem Golus wieder nach Palästina? Dort hätten wir es wieder gut!" Der Alte dachte eine kleine Weile nach: dann sagte er: „Du bist zu jung und wirst das erst verstehen, wenn du gross geworden bist. Wenn sich wieder einmal ein kleines Häuflein Makkabäer in Israel zusammen thut, welches mit ganzem Herzen und starkem Willen daran arbeiten wird, dann wird Gott wieder Wunder thun: es werden sich alle ehrlichen Juden um sie scharen und wir werden in das Land unserer Vorfahren zurückkehren. Du bist auch aus dem Stamm der Kohanim; Du kannst auch ein Jehuda Makkabi werden!a Seither sind 4:2 Jahre vergangen. Ich war im Strome der Assimilation beinahe untergegangen. Doch so oft ich das Chanukalicht sah, gedachte ich wehmüthig des Seeden Frojim, seiner ergreifenden Erzählung und der alten Hasmonäer-Helden, die gegen den inneren und äusseren Feind kämpften, um ihr Volk aus der Schmach und vom Drucke der Antiochie r'z u befreien. Vor einigen Jahren lud mich ein Bekannter ein, eine Gesellschaft zu besuchen, die jeden Dienstag Abend in der Rembrandtstrasse in einem eigens hiezu gemietheten Locale zusammenkommt und über die Repatriirung wenigstens der ärmsten unserer Brüder in Palästina beräth. Ich gieng umsoleichter darauf ein, als er mir versicherte, dass es mich gewiss interessieren werde. Es war etwas völlig Neues und auch zugleich sehr Altes, was ich da zu hören bekam und woran ich mich selber in der Debatte 'betheiligte. Aber als ich die Männer und Jünglinge da so begeistert von ihrer altneuen Idee reden hörte, als ich vernahm, wie sie die feige Assimilation und die innere Leere ihres Anhanges mit flammender Zunge geisselten, wie sie feierlich gelobten, wieder Juden und nur Juden zu sein, da schoss es blitzartig durch meinen Kopf. Der Seede Frojim stand wieder vor meinen Augen und ich hörte wieder den entschlossenen Zuruf: „Du bist auch aus dem Stamme der Kohanim: Du kannst auch ein Makkabäer werden!" . . . Und ich wurde Zionist. Makkabi. leb bin Judäas Waffenschmied, Mein Hammer in der Esse glüht. Ich schmiede Judäas goldene Zeit, Judäas Selbstheit und Einigkeit. Ich bin der Freiheit Riesensohn, Ich bin eine Ceder vom Libanon. Mein Wipfelhaupt umbraust der Sturm, Ich rage am Berge, ein einsamer Thurm Und blicke in stiller Majestät Hinab, wo die ewige Woge geht . . . Komotau. Max Fleischer.

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