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Die Welt · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Article
Chanuka-Ktobes
Date
1900-12-14
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite & rDIe j£ Welt?» Nr. 50 wurde und siegte, suchten sie und fanden nur ein Oelkrüglein mit dem Siegel des Hohen Priesters versehen, das nur für einen Tag zureichte; da ist aber ein Wunder geschehen, /dass man acht Tage davon die Lichter unterhalten konnte. In folgenden Jahren bestimmte man diese Tage zu Festtagen." Das ist Alles, was der Talmud von den historischen Vorgängen, welche Veranlassung zu diesem Feste gegeben haben, berichtet und auch diese Erzählung ist offenbar nur . eine fromme Sage, aber doch keine Geschichte, zumal hier schon von einer Chasmonäischen Dynastie die Rede ist, die zu jener Zeit noch gar nicht vorhanden war. üeberhaupt, während der Talmud dem weit weniger bedeutsamen Purim- Fest noch einen ganz Traktat (Megilla) widmet, geschieht des Chanuka nur ganz nebenher, nur gelegentlich im zweiten Abschnitte des Tractates Sabbath Erwähnung. „Mai Chanuka?" — „Was ist Chanuka?" Die richtige Antwort hat erst unsere Zeit, gestützt auf ein lebendiges Geschichtsbewusstsein und nicht ohne den mächtigen Einflussdes Zionismus, zu geben verstanden. Mai Chanuka? Das Chanuka ist die Gedenkfeier für heroische Thaten, die in der Weltgeschichte kaum ihresgleichen finden. Eine kleine Schar, von nationaler Begeisterung durchglüht, wirft einen zehn- und zwanzigfach überlegenen Feind nieder, befreit das Land von der Fremdherrschaft, welche alles jüdische Volksthum und alle jüdische Gotteserkenntnis zu vergewaltigen und auszurotten trachtete. „Das Gotteslob im Munde und ein zweischneidiges Schwert in der Hand", wie es im 149. Psalm heisst, das ist das kennzeichnende Wort für die Makkabäer und ihre Anhänger, durch welche die Dynastie der Chasmonäer erst begründet wurde. Mai Chanuka? Chanuka ist das Lichtfest. Jetzt zur Zeit der langen und finsteren Nächte haben alle Völker auf der nordischen Hemisphäre ihre Eukämien- oder Lichtfeste gefeiert, weil um diese Zeit die Wohlthat des Lichtes am lebhaftesten empfunden wird. Vielleicht ist die Art des Anzündens während der acht Tage, jeden Abend ein Licht mehr, Hindeutung und Trost für die von jetzt ab von Tag zu Tag wieder zunehmende Stärke und Dauer des Lichtes. Mai Chanuka? Chanuka ist als das Lichtfest auch das Fest des Judenthums. von welchem gesagt ist: „Ich habe Dich gemacht zur Völkerverbindung, zum Lichte der Nationen" (Jes. i2,6). Wie viel hat unser Volk nicht zur Verbrüderung und Erleuchtung der Nationen beigetragen und wie hat man ihm gelohnt! Ein jüdischer Dichter vergleicht unser Volk dem sogenannten Schamesch, jenem kleinen Licht, mit welchem alle die übrigen Chanukalichter angezündet werden. Alle haben von ihm ihr Licht empfangen und trotzdem nennt man dieses Licht verächtlich den Knecht und weist ihm seinen Plate an in irgendeinem Winkel, nicht in der Reihe der übrigen Lichter und tiefer als diese. Mai Chanuka? Chanuka ist — und das ist für uns die Hauptbedeutung — das echte, das eigentliche jüdische National fest: gemeint ist das Fest, in dessen Feier die jüdische Nationalität am lebhaftesten und würdigsten zum Ausdrucke gelangt. Auch das Anzünden der Lichter will hierauf Inndeuten. Die Schulen Hillels und Schammais konnten noch über die Reihenfolge der anzuzündenden Lichter strittig sein. Hillel sagt: Das Anzünden erfolgt in der Reihenfolge 1 bis S, jeden Abend ein Licht mehr, entspiechend den vergangenen Tagen des Festes. Schammai sagt: Das Anzünden erfolgt in der rückläufigen Zahlenreihe von « bis 1, jeden Abend ein Licht weniger, entsprechend den herankommenden Tagen des Festes. Wir gehören zur Schule Hillels. Auf die vergangenen Tage ist unser Blick gerichtet; dort liegen die starken Wurzeln unserer Kraft und unserer Bedeutung, und wir sind darauf bedacht, Kraft und Bedeutung unserer Nation wieder zu heben und zu beleben in allem ihrem Glänze und aller ihrer Leuchtkraft — ganz allmählich, ein Licht nach dem andern zu entzünden, bis sie wieder leuchten und strahlen, wie in den Tagen der Vorzeit. In diesem Sinne feiern wir, die jüdischen Nationalisten und Zionisten, unser Chanukafest. Chanukalichter. ) I. O, Ihr lieben Lichtelein, Euer freundlich-stiller Schein Spricht gar mancherlei. Spricht von kühnem Heldenmath, Kampt und Tod und Heldenblut, — Wunder, längst vorbei! Sieh! Bei Eurem flimmernden Schein, Tritt ein Traum, ein schimmernder, ein, Und der Traum erzählt: Jude, wäret ein Krieger einst, Jude, warst ein Sieger einst, Stolz und kraftgestählt. Hattest Deinen Staat, Dein Recht, Warst ein Volk einst, wahr und echt, Gross und fromm und frei, Hattest einst ein eigen Land, Herrschtest drin mit starker Hand, Wunder, längst vorbei! O. Ihr lieben Lichtelein, Euer freundlich-stiller Schein Weckt den alten Schmerz: Einst und jetzt! So klage ich, Einst und jetzt? So frag' ich mich, Und es weint mein Herz. II. Wir waren nicht ewig ein Volk, das greint. Nicht immer ein Volk der Thränen und Klagen, Wir haben auch einmal den stärksten Feind Gelehrt: Auch Juden können schlagen. Wir haben der wüthendsten Hasser gelacht, Und für den Glauben unserer Ahnen Wir giengen muthig in die Schlacht, Und siegreich wehten unsere Fahnen. Geschlechter schwanden im Zeitengewühl, Geschlechter wurden neu geboren, Wir aber wurden schwach und still, Und haben unsern Muth verloren. Verloren den alten Riesenmuth, Und wurden zaghaft, stiller, scheuer, Und doch, noch brennt in unser'm Blut Das alte Hasmonäerfeuer. Man hat uns im Leibe jedwedes Glied Mit groben Flegeln zermürbt und zerdroschen. Und doch, das alte Feuer glüht Und ist im Blutmeer nicht erloschen. Wohl abgrundtief ist unser Fall: Wir sind nicht stärker als die Fliegen, Doch lebt in uns ein Ideal, Das, Völker, könnt Ihr nie'besiegen. *) Aus dem demnächst erscheinenden Buche : „Lieder des Ghettos" von Morris Rosen fei d. Deutsche Ausgabe von Berthold FeiweL

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